2. August 2022

Corona-Sommer in der Altenpflege

"Die Nerven liegen blank"

Personalmangel und dritter Pandemie-Sommer: In der Altenpflege verschärft sich die ohnehin angespannte Lage. Viele Mitarbeitende verzichten auf freie Tage oder unterbrechen ihre Urlaube. Sie stoßen immer mehr an ihre Grenzen. Auch die Bergische Diakonie Aprath schlägt Alarm. Ihre Fachkräfte sind mittlerweile weit über die Belastungsgrenze hinaus, weil sie chronisch unterbesetzt sind.

  • Ausgebrannt: In Altenheimen sind die Pflegekräfte mittlerweile über ihre Belastungsgrenze hinaus.
  • Früher kam eine Pflegekraft auf zehn Bewohnerinnen und Bewohner. Heute liegt der Schlüssel bei 1:15.

"Unsere Leute sind wütend, sauer, verzweifelt, erschöpft. Die Nerven liegen blank", sagt Petra Weihsenbilder. Sie ist Leiterin zweier Altenheime der Bergischen Diakonie Aprath  in Wülfrath. Und "unsere Leute" sind die Mitarbeitenden in der Pflege. Deren Situation ist so miserabel, dass die große diakonische Einrichtung die Lage in einem Pressegespräch öffentlich macht.

Mehr als zwei Jahre Corona-Pandemie haben nicht nur in den Altenhilfeeinrichtungen der Bergischen Diakonie ihre Spuren hinterlassen: "Wir haben unter anderem Rückenbeschwerden und Probleme mit der Psyche – das ist durch die Pandemie mehr geworden", stellt Sylvia Broekmann, Bereichsleiterin des Altenhilfeverbundes der Bergischen Diakonie fest. 

Neues Personal ist so gut wie nicht zu bekommen. Die vorhandenen Kräfte sind durch die Unterbesetzung, die durch die Corona-Pandemie verschärft wurde, inzwischen weit über die Belastungsgrenze hinaus. Früher kam eine Pflegekraft auf zehn Bewohnerinnen und Bewohner. Heute liegt der Schlüssel bei 1:15. Nicht selten arbeiten die Mitarbeitenden zehn, elf, zwölf Tage am Stück. Sie werden aus dem Frei oder dem Urlaub geholt, um die Pflege der anvertrauten Menschen sicherstellen zu können. An Spitzentagen fallen in der Altenpflege der Bergischen Diakonie 30 Prozent des Personals aus.

Ein Bild mit Symbolcharakter für die Situation in der Pflege: dunkle Wolken über dem Altenheim Haus Karl Heinersdorff in Wülfrath.

Ein Bild mit Symbolcharakter für die Situation in der Pflege: dunkle Wolken über dem Altenheim Haus Karl Heinersdorff in Wülfrath.

Keine Entlastung in Sicht

Die Bergische Diakonie ist kein Einzelfall, berichtet Martina Althoff, Referentin im Zentrum Pflege des Diakonischen Werks Rheinland-Westfalen-Lippe (Diakonie RWL). "Die Personalsituation ist in vielen Pflegeheimen in NRW aufgrund von Ausfällen durch Corona-Infektionen aktuell sehr kritisch." Viele Pflegekräfte spürten die körperlichen und psychischen Folgen der andauernden Mehrbelastung seit der Pandemie. Ausfälle durch weitere Erkrankungen sowie die Urlaubszeit verschärften die ohnehin angespannte Lage.

"Die Situation wird sich weiter verschärfen", so Althoff mit Blick auf die weiter steigenden Corona-Zahlen und die anstehende Grippe-Saison. Sie warnt davor, dass Pflegeheime zukünftig noch mehr Personal verlieren könnten: "Auch Leitungskräfte, die die kritische Lage nun schon so lange managen müssen, könnten ihrem Beruf künftig den Rücken kehren."

"Wir können aber nicht schließen"

Fluggesellschaften könnten bei Personalmangel Flüge streichen. Die Bahn lasse Züge ausfallen. Produktionsbetriebe drosselten den Output oder legten einzelne Teile still. "Wir können aber nicht schließen und die Leute vor die Tür setzen", sagt Bereichsleiterin Broekmann. 

Weihsenbilder, Leiterin des Otto-Ohl-Hauses und von Haus Karl Heinersdorff auf dem Gelände der Bergischen Diakonie, würde gerne plakativ sichtbar machen, wie schlecht es um die Pflege bestellt ist: "Aber ich kann ja nicht die Menschen in ihren Betten hier auf die Straße vor dem Haus schieben, damit man sieht, wie schlimm unsere Lage ist."

Pflegefachkraft hilft einer Pflegebedürftigen beim Aufstehen.

Anders als in anderen Bereichen können Pflegeheime nicht schließen, wenn das Personal fehlt. Die Pflegebedürftigen brauchen weiter ihre Unterstützung.

"Wir brauchen mehr Köpfe und Hände"

Gerhard Schönberg ist seit vielen Jahren kaufmännischer Vorstand der diakonischen Einrichtung zwischen dem niederbergischen Wülfrath und Wuppertal. Aber auch er weiß keinen Rat: "Wir können alleine nicht mehr weiter. Corona-Prämien sind für die Mitarbeitenden schön. Aber wir brauchen mehr Köpfe und mehr Hände und nicht noch mehr Arbeit für die vorhandenen Leute", macht er klar. 

Der Fachkräftemangel sei nicht nur ein Problem in der Altenpflege. Deswegen müsse in einer konzertierten Aktion Arbeit in Deutschland so attraktiv gemacht werden, "dass Leute zu uns kommen, um hier zu arbeiten". Da jedenfalls sieht er einen dringenden Auftrag an die Politik. "Als einzelne Einrichtungen können wir nichts machen."

Keine Zeit für Resilienz-Kurse

Gibt es nichts, womit die Bergische Diakonie Aprath selbst den hochbelasteten Pflegekräften helfen kann? Es gibt Programme für die Gesundheit der Mitarbeitenden, erzählt Broekmann. Außerdem haben sie immer wieder Aktionen, um Dankbarkeit und Wertschätzung zu zeigen. "Wir haben schon den Currywurst- und den Eiswagen hier gehabt", sagt Broekmann. 

Wenn die Kräfte erschöpft seien, nutze das aber alles nichts mehr. Die psychische Widerstandskraft, die Resilienz, müsse gestärkt werden. Ein entsprechender Kurs, mit dem diese Kräfte der Pflegenden gestärkt werden sollten, ist auf Eis gelegt worden, denn: "Wer hat denn von denen aktuell überhaupt Zeit, daran teilzunehmen?", fragt die Bereichsleiterin.

Ein Einzelzimmer in einem Pflegeheim.

Paradox: Der Bedarf an Pflegeplätzen ist riesig. Doch wegen des Personalmangels bleiben Zimmer unbelegt.

Betten bleiben unbelegt

Zwölf Altenhilfeeinrichtungen hat die Bergische Diakonie Aprath insgesamt in Wülfrath, Monheim, Remscheid, Heiligenhaus und Wuppertal. Rund 850 Plätze sind das. 14 Prozent von ihnen sind aktuell unbelegt – und das obwohl viele Menschen dringend einen Pflegeplatz suchen. Ein Dilemma, da sind sich Einrichtungsleitung und kaufmännischer Vorstand einig.  Aber die Altenheime könnten aufgrund der derzeitigen Personallage eine gute Pflege bei vollständiger Belegung einfach nicht sicherstellen. 

Es wäre eine Entlastung, wenn bürokratischer Aufwand abgebaut würde, sagt Schönberg. Weniger bürokratische Hürden wünscht er sich auch bei der Anstellung von Personal aus dem Ausland. Zudem müsste es Sprachschulen für ausländische Kräfte geben.

Text: Jens Peter Iven/EKiR und Jana Hofmann, Fotos: Jens Peter Iven/EKiR, Shutterstock

Ihr/e Ansprechpartner/in
Martina Althoff
Referent/in
Zentrum Pflege