7. Juni 2021

Lust auf soziale Berufe

Ein Tag in der Altenpflege

Ricarda Kattwinkel hat verschiedene Berufe ausprobiert, bis sie wusste, Altenpflege ist das, was sie lernen möchte. Die 31-Jährige macht eine Ausbildung im Altenzentrum Cronenberg der Diakonischen Altenhilfe Wuppertal. Besonders erfüllend findet sie die Arbeit mit demenzkranken Patienten. Darauf möchte sie sich später spezialisieren.

  • Altenpflege-Azubi Ricarda Kattwinkel vor dem Altenzentrum Cronenberg der Diakonischen Altenhilfe Wuppertal (Foto: privat)
  • Altenpflegerin Ricarda Kattwinkel von der Diakonischen Altenhilfe Wuppertal mit Becher (Foto: privat)
  • Altenpflegerin Ricarda Kattwinkel von der Diakonischen Altenhilfe Wuppertal füttert Bewohner (Foto: privat)
  • Infografik zum Beruf Pflegefachfrau/ -mann

Ich freue mich jeden Morgen, wenn ich zur Arbeit komme. Seit ich hier vor drei Jahren meine Ausbildung begonnen habe, habe ich zu vielen Bewohnern eine gute Beziehung aufgebaut. Es ist mir viel wert, dass sich auch demenzkranke Patienten an mich erinnern. Ich werde erkannt, wenn ich komme. Die Augen leuchten auf und ich bekomme ein Lächeln. 

Der Dienst für Azubis beginnt normalerweise um 7 Uhr morgens. Zuerst gehe ich zu den Kolleginnen vom Nachtdienst, um die Übergabe zu besprechen. Bevor ich mit der Grundpflege für die Patienten beginne, richte ich noch die Medikamente. Meist versorge ich auf meinem Rundgang am Morgen fünf bis acht Bewohnerinnen und Bewohner. Ich klopfe erst einmal an und frage, wie die Nacht war. Patienten, die das selbst nicht mehr können, wasche ich und kleide sie an. Anfangs war ich sehr gehemmt, den Menschen körperlich so nahe zu kommen. Es ist zunächst einfach ungewohnt.

Altenpflegerin Ricarda Kattwinkel von der Diakonischen Altenhilfe Wuppertal zieht einer Bewohnerin Strümpfe an (Foto: privat)

Waschen und Ankleiden gehören zur Morgenpflege. Ricarda Kattwinkel kommt dabei gerne ins Gespräch mit den alten Menschen.

Viel mehr als "sauber und satt"

Es gibt ja dieses Vorurteil, dass Altenpflege nur "Poposaubermachen" ist. Aber es ist so viel mehr. Inzwischen finde es faszinierend, welches Vertrauen einem die Menschen entgegenbringen. Man bekommt so viel zurück. Früher habe ich mir allerdings nicht vorstellen können, in der Pflege zu arbeiten – eben weil man immer diese Vorurteile hört. 

Eigentlich wollte ich eine Ausbildung zur medizinischen Fachangestellten machen. Ich habe schon in einer chirurgischen Praxis, einer Zahnarztpraxis und beim Tierarzt gearbeitet. Ich war dort aber immer als Aushilfe. Mit einer Ausbildung hat es nie geklappt. Das lag auch daran, dass ich schon mit 16 Jahren Mutter geworden bin.

Irgendwann hat es genervt, immer nur Aushilfe zu sein. Ich habe mich dann doch entschlossen, es einmal mit einem Praktikum in einem Altenheim zu probieren. Und das hat mir dann so gut gefallen, dass ich gesagt habe: Das will ich auf jeden Fall künftig machen. Über das Arbeitsamt habe ich den Ausbildungsplatz im Altenzentrum Cronenberg gefunden. Mein Sohn ist jetzt 14 Jahre alt, und ich habe nun endlich die Zeit, mich auf meine Weiterbildung zu konzentrieren.

Altenpflegerin Ricarda Kattwinkel von der Diakonischen Altenhilfe Wuppertal mit Tabletten (Foto: privat)

Grundpflege, Dokumentation und Tablettengabe: Morgens gibt es viel zu tun.

Gute Selbstorganisation gefragt

Wenn ich mit der Grundpflege fertig bin, muss alles schriftlich dokumentiert werden. Ich reinige die Pflegewagen und fülle sie auf. Dann müssen die Medikamente für die Mittagsversorgung noch gerichtet und auch verabreicht werden. Natürlich ist die Arbeit manchmal stressig. Oft passieren unvorhergesehene Dinge, die den Zeitplan durcheinanderbringen. Da kommt es darauf an, sich gut selbst organisieren zu können. 

Eigentlich gab es bislang keine Situation, in der mir alles über den Kopf gewachsen ist. Auch nicht in der anstrengenden Zeit des Corona-Lockdowns, als die alten Menschen die Besuche ihrer Angehörigen vermisst haben. Viele waren traurig und ängstlich. Wir haben ihnen immer wieder Mut gemacht und uns Zeit für Gespräche genommen. Auch jetzt leisten wir noch viel Beziehungsarbeit. Aber es wird langsam ruhiger um das Coronathema, denn es gibt Sicherheit, dass alle geimpft sind.

Altenpflegerin Ricarda Kattwinkel von der Diakonischen Altenhilfe Wuppertal mit einer Bewohnerin am Mittagstisch (Foto: privat)

Beim Mittagessen unterstützt sie die alten Menschen in der Cafeteria oder auf ihren Zimmern.

Mittagessen und Mittagsruhe

Um 11.30 Uhr gibt es für die Bewohner Mittagessen. Die Menschen, die noch sehr selbständig sind, gehen in unsere große Cafeteria. Die Patienten, die Unterstützung brauchen, sind bei uns in der Wohnbereichsküche. Wir bieten den Patienten dann die Speisen an, fragen nach den Wünschen und Bedürfnissen und gucken, dass jeder gut versorgt ist. 

Einige Bewohner, die immobil sind, bekommen ihre Mahlzeiten auf dem Zimmer angereicht. Dabei achte ich darauf, dass ich mir die Zeit nehme, die der Bewohner zum Essen braucht. Nach dem Mittagessen gibt es eine Toilettenrunde und wir bieten den Bewohnerinnen und Bewohnern an, sich zur Mittagsruhe aufs Bett zu legen. In der Zeit der Mittagsruhe machen wir dann um 13.30 Uhr die Übergabe an die Spätschicht. Als Schülerin begleite ich die Spätschicht noch eine Stunde. Gegen 14.30 Uhr wecken wir die Bewohnerinnen und Bewohner und bieten Kaffee und Kuchen an. 

Altenpflegerin Ricarda Kattwinkel von der Diakonischen Altenhilfe Wuppertal hält die Hand eines Bewohners (Foto: privat)

Zuhören, trösten, Hand halten - Auch das gehört zu Ricarda Kattwinkels Job.

Ein Händchen für Menschen mit Demenz

Der Azubi-Dienst endet normalerweise um 15.15 Uhr. Ich bin aber phasenweise auch in der Schule. Bei der Ausbildung wechseln Schulunterricht und Praxis in zwei- bis dreimonatigen Blöcken ab. Das gefällt mir sehr gut. Ich kann mich so in der Schulzeit intensiv auf die Lehrinhalte konzentrieren. In den Klausurphasen fallen Freizeitaktivitäten bei mir aus. Ich fokussiere mich ganz auf meine Aufgaben, weil ich ein Ziel habe, das ich unbedingt schaffen will. 

Im August mache ich mein Examen. Ein Stellenangebot habe ich auch schon. Und ich habe bereits ein weiteres Ziel im Blick: Nach ein bis zwei Jahren Berufserfahrung würde ich mich gerne zur Geronto-Fachkraft weiterbilden. Während meiner Ausbildung habe ich das Feedback bekommen, dass ich ein Händchen für Menschen mit Demenz habe. Deshalb möchte ich mich unbedingt in diese Richtung spezialisieren.

Vor dem Ende jeder Schicht überlege ich noch mal, ob ich etwas vergessen habe. Wenn das nicht der Fall ist, gehe ich mit einem guten Gefühl nach Hause. Ich weiß, ich habe etwas Gutes getan. Ich habe meinen Job gut erledigt. Zuhause warten mein Haushalt und mein Sohn auf mich. Ich muss noch Essen kochen und Wäsche machen. Manchmal wünsche ich mir, dass mein Tag 36 Stunden hätte. Aber ich gehe abends zufrieden und erfüllt ins Bett. Es wird nie langweilig.

Protokoll: Claudia Rometsch, Redaktion: Sabine Damaschke, Fotos: privat

Ihr/e Ansprechpartner/in
Andreas Zeeh
Zentrum Teilhabe, Inklusion und Pflege
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Altenpflege ist ein Beruf mit Zukunft. Allein in NRW wird die Zahl der Menschen mit Pflegebedarf bis 2030 auf 700.000 ansteigen, bis 2050 sogar auf knapp eine Million. So die Schätzung von Experten. Schon heute fehlen Pflegekräfte. Daher werben immer mehr Einrichtungen wie auch die Politik für den Beruf. In NRW konnte die Zahl der Auszubildenden in der Altenpflege von rund 10.000 im Jahr 2012 auf etwa 18.000 im Jahr 2019 fast verdoppelt werden. Seit 2020 sollen mit der "generalistischen Pflegeausbildung" noch mehr junge Menschen für den Beruf begeistert werden. 

In der Diakonie RWL gibt es rund 100 Pflegeschulen mit über 8.000 Auszubildenden. Insgesamt vertritt der Landesverband 450 Altenheime mit 40.000 Plätzen und 280 ambulant pflegenden Diakoniestationen sowie etwa 150 Tagespflegeeinrichtungen.