18. November 2020

Corona-Schnelltests

"Wir sind alle erschöpft"

Seit über einer Woche sind Pflegeheime und ambulante Dienste in NRW verpflichtet, Bewohner, Personal und Besucher regelmäßig auf das Corona-Virus zu testen. Der personelle Aufwand ist erheblich und noch ist nicht abzusehen, welche Kosten auf die Träger zukommen, kritisiert Ulrich Watermeyer, Geschäftsführer der Diakonie Münster und Mitglied des Fachverbands der Diakonie RWL.

  • Auftragen der Lösung auf einen Corona-Schnelltest (Foto: Uwe Stoffels/Ev. Christophoruswerk)
  • Abstrich eines Corona-Schnelltests (Foto: Uwe Stoffels/Ev. Christophoruswerk)
  • Eine Mitarbeiterin Evangelischen Christophoruswerkes dokumentiert in Schutzkleidung einen Schnelltest (Foto: Uwe Stoffels)

Herr Watermeyer, mit den 20 zugesagten Tests pro Bewohnerin und Bewohner im Monat müssen die Einrichtungen das gesamte Testgeschehen sicherstellen. Wie hat sich die Diakonie Münster aufgestellt, um das zu bewerkstelligen?

Ich bin Mitglied im Corona-Krisenstab der Stadt Münster. Dort haben wir uns sofort zusammengesetzt, als die Verordnung des Bundes zu den Schnelltests kam und eine Mustertestkonzeption für alle Pflegeeinrichtungen der Stadt erarbeitet. Daran können sich alle Träger orientieren – egal, ob sie stationär, teilstationär oder ambulant arbeiten. In Münster sind wir zurückhaltend mit den Testungen, denn die Antigen-Tests können nur eine Ergänzung zu den anderen Schutzkonzepten sein, die bereits in unseren Häusern bestehen. Sie müssen nicht ins Labor gebracht werden, sind aber auch nicht so genau wie PCR-Tests. Laut Robert-Koch-Institut muss ein positives Ergebnis daher immer noch mit einem PCR-Test überprüft werden.

Ulrich Watermeyer in seinem Büro in der Diakonie Münster (Foto: Andrea Lameck)

Ulrich Watermeyer ist seit 2007 Geschäftsführer der Diakonie Münster. (Foto: Andrea Lameck/Diakonie Münster)

Wie arbeiten Sie in Ihren Pflegeeinrichtungen und Diensten nach diesem Musterkonzept?

Wir führen bei Bewohnerinnen und Bewohnern nur dann einen Schnelltest durch, wenn sie leichte Erkältungssymptome haben. Bei stärkeren Symptomen wie etwa erhöhter Temperatur lassen wir durch unsere Hausärzte einen PCR-Test machen. Ähnlich gehen wir auch bei den Angehörigen vor, denn wir wollen einen „Testtourismus“ vermeiden. Jeder, der zu Besuch kommt, wird gescreent. Schon bei einer leichten Symptomatik bitten wir die Angehörigen, die Einrichtung nicht zu betreten. An zwei Terminen in der Woche bieten wir ihnen einen Schnelltest an.

Nur bei Mitarbeitenden führen wir, da die Infektionszahlen so hoch sind, alle 14 Tage eine Reihentestung durch. Bei uns tragen übrigens alle Mitarbeitende, die engen Kontakt zu den Bewohnern haben, die besseren FFP2-Masken. Bislang haben sich zum Glück nur wenige Mitarbeitende infiziert und nur vier Bewohner sind am Covid19-Virus erkrankt, aber wieder genesen.

Die sieben Euro pro Test werden von den Kassen finanziert. Aber der zusätzliche personelle Aufwand gehört nicht dazu. Wie hoch schätzen Sie ihn ein?

Die zweiwöchentlichen Reihentestungen können von unserem Personal nicht auch noch übernommen werden. Unsere Pflegekräfte sind ohnehin schon am Limit. Wären sie nicht so engagiert und kreativ, wäre das ganze System längst zusammengebrochen. Wir haben schnell reagiert, Honorarstellen ausgeschrieben und darauf über 80 Bewerbungen erhalten. Wir haben den großen Vorteil, eine Universitätsstadt mit vielen Medizinstudierenden zu sein. Nach ihrem Physikum dürfen sie ebenfalls Testungen durchführen. Wie stark uns diese Testungen finanziell belasten werden, kann ich Ihnen noch nicht genau sagen. Aber ich rechne mit einem dicken Minus für uns wie für alle anderen Träger auch.

Hand mit grünem Handschuh hält einen PCR-Test (Foto: pixabay)

Die Antigen-Tests bringen zwar schnell ein Ergebnis, aber sie sind nicht so sicher wie PCR-Tests. Daher muss jedes positive Ergebnis mit einem PCR-Test überprüft werden. (Foto: pixabay)

Die Politik vermittelt gerne, dass sich keine Einrichtung Sorgen machen muss, weil sie während der Pandemie Millionen Euro in das Gesundheitssystem steckt.

Was nach außen kommuniziert wird, entspricht nicht der Realität in unseren Pflegeeinrichtungen und Diensten. Wir gehen hier ständig finanziell in Vorleistung. Seit einem Dreivierteljahr werden uns Allgemeinverfügungen und Verordnungen in einem so rasanten Tempo übergestülpt, dass wir kaum noch mitkommen. Viele sind nicht gut durchdacht, denn wir werden als Träger weder gefragt noch als Partner der Politik ernstgenommen. Wir versuchen, die Verordnungen so gut es geht umzusetzen, aber mittlerweile sind alle nur noch erschöpft und auch verärgert.

In vielen Regionen gibt es Probleme mit den Schulungen für die Tests und der Lieferung. Wie sieht das in Münster aus?

Hier bekommen wir zum Glück Unterstützung durch das Gesundheitsamt und Hausärzte. Und die Nachschulungen können über einen erfahrenen Anbieter digital erfolgen. Aber ich höre aus anderen Kreisen, dass dort Mitarbeitende geschult werden, die dann auch noch als Multiplikatoren andere Pflegekräfte schulen sollen. Die Verordnung wird überall anders interpretiert.

Lieferengpässe gibt es bei uns nicht. Wir können die Schnelltests innerhalb einer Woche erhalten. Allerdings haben wir uns in einem Einkaufsverbund mit anderen Trägern zusammengeschlossen, was jetzt sehr hilfreich ist.

Wie blicken die Einrichtungen auf Weihnachten, wenn Besuche üblich und auch gewünscht sind?

Wir arbeiten gerade an Konzepten für die Advents- und Weihnachtszeit. Es wird viele kleine dezentrale Feiern und Andachten in unseren Wohnbereichen geben. Die Besuche werden wir so steuern, dass nicht alle an Heiligabend kommen. Dafür haben die Angehörigen Verständnis. Uns ist wichtig, dass diese Zeit trotz aller Anspannung schön für unsere Bewohnerinnen und Bewohner wird. Das wird uns hoffentlich gelingen.

Das Gespräch führte Sabine Damaschke. Fotos im Slider: Uwe Stoffels/Evangelisches Christophoruswerk

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Ulrich Watermeyer ist als Geschäftsführer der Diakonie Münster für vier stationäre Altenpflegeeinrichtungen mit etwa 480 Pflegeplätzen verantwortlich. Hinzu kommen das Betreute Wohnen, die Kurzzeitpflege, die Häusliche Pflege der Diakonie mobil, eine Tagespflege, eine Praxis für Ergotherapie sowie zwei Wohngemeinschaften. Watermeyer hat Pädagogik studiert und in der Aidshilfe gearbeitet, bevor er vor 28 Jahren ein diakonisches Altenheim in Greven-Reckenfeld übernahm. Seit 2007 ist er Geschäftsführer der Diakonie Münster.