15. Dezember 2022

Fluthilfe

Wichtigste Aufgabe ist der Wiederaufbau

Mitarbeitende der Diakonie Katastrophenhilfe Rheinland-Westfalen-Lippe (DKH RWL) sind seit der Flut im Juli 2021 in den betroffenen Regionen im Einsatz. Immer noch gibt es dort Menschen, die sich nicht darüber im Klaren sind, dass es für sie umfassende Unterstützung gibt: etwa Hilfen zum Wiederaufbau. 

  • Eine zerstörte Straße in Bad Münstereifel.
  • Eine zerstörte Kirche in Bad Neuenahr-Ahrweiler.
  • Die Fluthilfeteams in Euskirchen werden entsendet.
  • Eine Mitarbeiterin aus dem Fluthilfeteam in Erftstadt.
  • Eine zerstörte Kita in Eschweiler.
  • Die Fluthilfeteams im Ahrtal werden gesegnet.

Vor rund 17 Monaten, im Juli 2021, hat die Flut in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz mehr als 180 Menschen das Leben gekostet und ganze Städte und Dörfer zerstört. Die Diakonie Katastrophenhilfe Rheinland-Westfalen-Lippe (DKH RWL) ist seit Tag eins nach der Katastrophe in den betroffenen Regionen im Einsatz und unterstützt die Menschen sowohl finanziell als auch beratend und seelsorgerisch. Mit ihrer langfristig angelegten Strategie und Wiederaufbauhilfen leistet die DKH RWL weiterhin dort Beistand, wo Hilfen vom Staat und von Versicherungen nicht ausreichen. Im Gespräch erläutert Markus Koth, Fluthilfekoordinator der Diakonie Katastrophenhilfe, wie sich die Arbeit mittlerweile verändert hat und welche Hilfen nötig sind.

Markus Koth ist Fluthilfekoordinator der Diakonie Katastrophenhilfe.

DKH-Fluthilfekoordinator Markus Koth erlebt die Situation in den betroffenen Regionen sehr unterschiedlich.

Sie sind weiterhin regelmäßig in den von der Flut betroffenen Regionen unterwegs. Wie erleben Sie die Situation vor Ort heute? 

Markus Koth Je nach Region unterscheidet die sich tatsächlich sehr. Die Menschen im Ahrtal etwa beschäftigen sich aktuell noch mit anderen Dingen als vielleicht die Menschen in Eschweiler oder Hagen. Das liegt nicht zuletzt an dem Ausmaß der Katastrophe, das regional sehr unterschiedlich war. Während die einen vielleicht noch im kalten Rohbau sitzen, mit Versicherungen verhandeln und Handwerker suchen, sind andere schon mitten im Wiederaufbau oder beschäftigen sich sogar bereits mit der Katastrophenvorsorge, um in Zukunft besser geschützt zu sein. In einigen Orten ist die Zerstörung noch groß, während andere Orte – zumindest auf den ersten Blick – schon wieder belebt sind.

Alle Regionen, die ich bislang besucht habe, haben jedoch eines gemeinsam: Überall sind die Folgen der Flut noch lange nicht beseitigt. Die Menschen müssen sich immer noch mit der Katastrophe auseinandersetzen – sei es durch den Ersatz des erlittenen materiellen Schadens oder durch das Verarbeiten des Erlebten, das oftmals traumatisch für die Menschen war.

Das Fluthilfeteam im Ahrtal.

Dieses Fluthilfeteam ist im gesamten Ahrtal im Einsatz.

Bereits kurz nach der Katastrophe hat die Diakonie Katastrophenhilfe RWL mobile Fluthilfeteams eingesetzt. Wie hat sich deren Arbeit verändert? 

Unsere zehn Fluthilfeteams sind immer noch in den betroffenen Regionen in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen im Einsatz und werden dort auch bleiben, solange sie gebraucht werden. Die Teams decken mit ihrem Einsatz ein riesiges Gebiet ab: vom Sauerland bis in die Hocheifel nahe der luxemburgischen Grenze. Natürlich hat sich deren Arbeit inzwischen verändert. Während unsere Mitarbeitenden unmittelbar nach der Flut vor allen Dingen damit beschäftigt waren, Strukturen aufzubauen, Betroffene aufzusuchen und sie schnell und vor allen Dingen unbürokratisch mit Soforthilfen zu unterstützen, so zeichnet sich die Arbeit mittlerweile durch mehr Verwaltungsaufgaben aus.  Jede einzelne Beratung ist sehr komplex und zeitintensiv. Und auch das Begleiten der Landesanträge nimmt viel Zeit in Anspruch.

Was sich ebenfalls verändert hat, ist die Gemütslage vieler Betroffener. Kurz nach der Flut herrschte teilweise sogar so etwas wie Aufbruchstimmung, nach dem Motto "Gemeinsam schaffen wir das". Diese Stimmung ist längst verflogen, berichten die Teams. Auch das große Interesse in der Öffentlichkeit ist geschwunden. Was hingegen geblieben ist, sind die Probleme mit Versicherungen sowie die mühsame Suche nach Handwerkern, bezahlbaren Baumaterialien und ähnlichem. Was ich auch oft von den Teams höre: Viele Menschen sind heute eher kraftlos, sie sind müde und frustriert, einige sogar gereizt und dünnhäutig. Auch mit solchen Emotionen müssen die Kolleg*innen dann umgehen können, das ist eine Herausforderung.

Aber es gibt natürlich auch viele positive Veränderungen: Bei unseren Mitarbeitenden hat sich mittlerweile eine gute Form der Routine eingestellt. Abläufe wurden optimiert, außerdem unterstützen sich die unterschiedlichen Organisationen vor Ort und haben hilfreiche Netzwerke geknüpft. Und zwischen den Fluthelfer*innen und den Betroffenen, die diese nun teilweise schon über Monate hinweg intensiv begleiten, besteht heute ein enges Vertrauensverhältnis.       

Tamara Jonas (li.), Nadine Günther-Merzenich vom Euskirchener Fluthilfeteam und Heidi Jonas (re.).

Zwischen den Mitarbeitenden der Fluthilfeteams und ihren Klient*innen entwickeln sich teils enge Bindungen.

Welche Rolle spielt die psychosoziale Beratung innerhalb der Fluthilfe?

Wir als Nicht-Betroffene können uns oft gar nicht vorstellen, was die Menschen während der Flutkatastrophe erlebt haben. Beim Verarbeiten dieser Erlebnisse kann ihnen die psychosoziale Beratung helfen, deshalb ist sie elementarer Bestandteil unseres umfassenden Hilfsangebots. Der Bedarf an psychosozialer Begleitung ist sogar tendenziell steigend. Denn viele Menschen fallen erst jetzt – nachdem sie anfangs nur "funktioniert" haben – in ein Loch. Die Freiwilligen sind nach und nach abgezogen, die Probleme jedoch sind geblieben. Und oft fehlt den Betroffenen die Kraft, diese Probleme anzugehen.

Unsere Teams, zu denen auch Seelsorger*innen gehören, sind daher bewusst so aufgestellt, dass sie jeden Menschen als Ganzes betrachten und in dessen jeweiliger Lebenssituation wahrnehmen. Sie stellen individuelle Bedürfnisse – auch abseits rein finanzieller Bedürftigkeit – in den Mittelpunkt einer jeden Beratung. Was unsere Fluthilfe-Teams leisten, ist weit mehr als Anträge bearbeiten: Jedes Mal aufs Neue werden sie mit einem persönlichen Schicksal konfrontiert. Diese Begleitung ist sehr anspruchsvoll und ein Qualitätsmerkmal unserer Arbeit. Und wenn ich dann von den Betroffenen höre, dass sie genau das sehr schätzen und als würdevollen Umgang empfinden, dann freut mich das sehr.

Jürgen aus Kreuzberg im Ahrtal vor seinem zerstörten Haus.

Jürgen aus Kreuzberg im Ahrtal repariert viele Dinge in und an seinem zerstörten Haus selbst.

Aus einigen Regionen ist zu hören, dass der Wiederaufbau teils nur schleppend vorankommt. Dass Betroffene teilweise nicht einmal wissen, dass staatliche oder private Hilfe angeboten wird. Wie begegnen Sie dieser Herausforderung? 

Unsere Teams treffen beinahe täglich auf Menschen, die sich gar nicht darüber im Klaren sind, dass es für sie von der Diakonie Katastrophenhilfe RWL oder anderen Organisationen Hilfen, zum Beispiel zum Wiederaufbau, gibt. Deshalb ist es so wichtig, weiter Werbung zu machen, Veranstaltungen anzubieten, die Menschen immer wieder aufzuklären und sie dafür auch direkt in ihrem Zuhause aufzusuchen – das gilt besonders für entlegene Orte. Denn nicht jeder hat Internet oder ein Zeitungsabo.

Oft sind es auch sprachliche Barrieren, die verhindern, dass die Betroffenen von Hilfsangeboten erfahren – oder auch Falschinformationen, die kursieren. Eine andere Gruppe sind die, die zwar von den Hilfsangeboten wissen, die aber mit den Antragsformularen überfordert sind. Denn die können beispielsweise nur auf Deutsch und online gestellt werden. Gerade letzteres ist speziell für ältere Menschen eine Hürde, die dazu führt, dass die Hilfe noch immer nicht überall dort angekommen ist, wo sie benötigt wird. Viele sehen sich einfach nicht in der Lage, die Formulare auszufüllen, die erforderlichen Unterlagen zusammenzustellen und einzureichen. In den Flutregionen fehlen außerdem Gutachter, sodass in einigen Fällen immer noch nicht geklärt ist, was mit den beschädigten Häusern passiert: ob sie abgerissen werden müssen oder wieder aufgebaut werden können. Oder es fehlen entsprechende Abriss- oder Baugenehmigungen, um den Wiederaufbau angehen zu können. Oder die Versicherungen haben noch nicht gezahlt – die Gründe sind vielfältig. Was den Wiederaufbau zusätzlich verzögert, ist der Mangel an Handwerkern und an Baumaterial.

Hinzu kommen eine insgesamt große Verunsicherung und zunehmende Zukunftssorgen als Folge der gestiegenen Kosten für Material und Energie. Wir versuchen, den Menschen ihre Ängste zu nehmen, indem wir ihnen zeigen, dass wir weiterhin aktiv vor Ort bleiben, sie beraten und umfassende Hilfen anbieten, solange es nötig ist. 

Doris Ganser vom Fluthilfeteam Stolberg hilft beim Anträge stellen.

Die Mitarbeitenden der mobilen Fluthilfeteams unterstützen die Betroffenen auch beim Ausfüllen der Anträge.

Jetzt im Winter ruhen die meisten Baustellen… Macht es da überhaupt Sinn, dass sich die Betroffenen um ihre Wiederaufbauhilfe-Anträge kümmern?

Das macht immer Sinn! Betroffene sollten auf keinen Fall zögern, ihren Antrag beim Land und bei uns zu stellen und sich Unterstützung zu suchen. Manche Menschen nehmen erst gar keine finanziellen Hilfen wahr, weil sie befürchten, dass sie irgendwann möglicherweise größere Summen zurückzahlen müssen. Wichtig ist vor allen Dingen, den ersten Schritt zu machen. Dass der Antrag also gestellt wird. Weiterhin zu warten, ist auf jeden Fall nicht hilfreich. Denn die Situation ist bei vielen wirklich dramatisch: Ihre Häuser befinden sich noch im Rohbau, sie müssen mit provisorischen Heizlösungen klarkommen und werden im Winter vielleicht frieren.

Einige bekommen auch jetzt erst ihre Abrechnungen aus 2021 mit teils hohen Mehrkosten, etwa weil sie nach der Flut ihre feuchten Häuser mit Bautrocknern oder mobilen Heizgeräten getrocknet haben. Gibt es in solchen Fällen Unterstützung?

In speziellen Härtefall-Situationen gibt es Möglichkeiten, die Betroffenen mit Spendengeldern zu unterstützen. Besonders vor dem Hintergrund der steigenden Energiekosten ist das wichtig. Denn die Mehrkosten für Energie belasten die Flutbetroffenen nochmal zusätzlich und bringen einige in existenzielle Not. 

Seniorinnen spielen ein Gesellschaftsspiel.

Mit verschiedenen Aktionen soll das Wir-Gefühl in den Orten wieder gestärkt werden. 

Was planen Sie für die Arbeit der Fluthilfe in den kommenden Monaten?

Die wichtigste Aufgabe ist nun erst einmal der Wiederaufbau. Dafür müssen wir die Menschen aufsuchen und schauen, dass wir wirklich so viele wie möglich erreichen.

Auch die politische Arbeit ist Teil unserer Strategie: Wir wollen im regelmäßigen Austausch mit den Ländern bleiben, um weiterhin Sprachrohr für Betroffene zu sein. Neben den Individualhilfen für die Menschen in den Flutregionen wollen wir nun auch die Quartiersarbeit verstärkt in den Blick nehmen. Heißt: Wie können wir die Gemeinschaften vor Ort wieder stärken? Teilweise ist dort der gesellschaftliche Zusammenhalt verloren gegangen, zentrale Treffpunkte wie Marktplätze oder auch die Eckkneipe, in der man sich früher traf, gibt es nicht mehr. Wir entwickeln Ansätze, mit denen wir den Nachbarschaften unterstützen und deren Wir-Gefühl stärken können. Das können beispielsweise Aktivitäten sein, die den Austausch miteinander fördern, aber auch der Wiederaufbau von Infrastruktur. Außerdem sollten wir uns als Gesellschaft überlegen, was wir aus der Katastrophe lernen und wie wir uns künftig besser vor solchen Katastrophen schützen können. 

Die zerstörte Stadt Homs in Syrien.

Die Stadt Homs in Syrien wurde im Krieg zerstört.

Noch eine persönliche Frage: Bislang waren Ihre Einsatzgebiete weltweit, etwa in Syrien und Haiti. Nun leben Sie im Rheinland und koordinieren die Hilfen nach einer nationalen Katastrophe. Worin unterscheidet sich die Arbeit?  
Toll ist es zunächst einmal, auf Deutsch arbeiten zu können und zu wissen, dass die Wahrscheinlichkeit, sich während der Arbeit mit Malaria oder Cholera anzustecken, gering ist (lacht). Grundsätzlich unterscheidet sich das Bearbeiten von Naturkatastrophen – wie 2021 in Deutschland – stark vom Umgang mit durch Menschen verursachte Katastrophen – beispielsweise der Krieg in Syrien. Dies liegt vor allem daran, dass Betroffene Naturkatastrophen oft besser verarbeiten können, weil es für sie in der Regel keine Verantwortlichen gibt. Von Menschen verursachtes Leid hingegen, die Erfahrung von Gewalt, Tod und Vertreibung, zerstört oft das Grundvertrauen in Menschen und hinterlässt schwere Traumata. Das kann in der Arbeit mit Betroffenen eine besondere Herausforderung darstellen. 

Ein weiterer Unterschied, der mir aufgefallen ist: Im Gegensatz zu den Deutschen sind beispielsweise die Menschen in den Philippinen teilweise besser auf mögliche Katastrophen und deren Vermeidung vorbereitet, weil sie regelmäßig von Taifunen und Erdbeben betroffen sind. Sie haben besser gelernt, mit solchen Risiken zu leben und damit persönlich oder auch in der Gemeinschaft umzugehen. Das müssen wir in Deutschland erst wieder lernen, um in Zukunft besser geschützt zu sein. Wir müssen außerdem akzeptieren, dass wir hier in unseren Häusern und Städten nicht unverletzlich sind und wegen der Klimaveränderung in Zukunft sogar immer häufiger von möglichen Katastrophen betroffen sein werden. 

Auffällig ist zudem, dass die Koordination der Hilfe bei Auslandseinsätzen meist besser funktioniert hat als hier, da sie durch bestehende Automatismen des internationalen Hilfe-Systems sofort gegeben ist. In Deutschland hingegen lief die Koordination aus meiner Sicht insgesamt nicht optimal, da sich hier – zumindest anfangs – dafür leider niemand verantwortlich fühlte. Was mich jedoch positiv beeindruckt hat, war die Bereitschaft der Menschen, die Betroffenen im Ahrtal und in anderen Regionen durch selbst Anpacken und mit Spenden zu unterstützen. Das hat auch uns als Hilfsorganisation in die Lage versetzt, großzügig helfen und mittelfristig planen zu können. So etwas ist in anderen Krisen und Katastrophen, die weniger in der Öffentlichkeit stehen, oft leider nicht möglich ist, weil schlichtweg Spenden und andere Mittel fehlen. 

Das Gespräch führte Verena Bretz, Fotos: DKH, Bernd Bazin, Marcel Felten, Thomas Lohnes/DKH, Frank Schultze/DKH, Shutterstock, Bretz

Diakonie Katastrophenhilfe RWL: Unter dem Namen Diakonie Katastrophenhilfe RWL haben sich die Diakonie Katastrophenhilfe und das Diakonische Werk Rheinland-Westfalen-Lippe (Diakonie RWL) in Kooperation mit der Evangelischen Kirche im Rheinland zusammengeschlossen. Unter einem Dach unterstützen die Organisationen Betroffene der Flutkatastrophe 2021 im gesamten Hochwassergebiet – von Hagen im Norden bis Trier im Süden. Neben mobiler Beratung und psychosozialer Unterstützung und Seelsorge bietet die DKH RWL finanzielle Hilfe für Betroffene in Form von Haushaltsbeihilfen, Wiederaufbauhilfen und Härtefall-Hilfen an.

Ihr/e Ansprechpartner/in
Verena Bretz
Stabsstelle Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit
Weitere Informationen

Zur Person

Markus Koth ist 45 Jahre alt, verheiratet und hat zwei Kinder. Er studierte Regionalwissenschaften Lateinamerika sowie Internationale Humanitäre Hilfe und hat seit 2010 unter anderem in Haiti, den Philippinen und im Libanon humanitäre Hilfsprogramme unterstützt beziehungsweise koordiniert. 

Nach der Geburt seines ersten Kindes zog Markus Koth aus familiären Gründen zurück nach Deutschland. Seit Kurzem koordiniert der gebürtige Rheinländer vor Ort in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz die Hochwasserhilfe der Diakonie Katastrophenhilfe.