26. Juli 2021

Seelsorge im Katastrophengebiet

Zuhören, trösten, anpacken

Bernd Bazin ist evangelischer Pfarrer und leitet die Hochwasserseelsorge in Bad Neuenahr-Ahrweiler – einem von der Flut besonders betroffenen Gebiet. Aktuell sind die Menschen noch eher im "Aufräum-Modus" sagt er. Die Frage nach dem "Wie geht es dir?" stellt er daher vorsichtig.  Er hört zu, tröstet, packt aber auch selbst mit an. Es braucht ein langfristiges Seelsorgeangebot, sagt er.

  • Von der Flut zerstörte Autos
  • Trümmer in einem  Zimmer
  • Zwei Helferinnen mit spärlich gefülltem Teller

Wie ist die Lage bei Ihnen?

Die Flutwelle ist jetzt knapp zwei Wochen her. Viele Menschen hatten vielleicht schon vorher Bilder von Hochwasser vor Augen. Aber das, was wir hier erleben, übersteigt alle Erfahrungen. Eine so große Zahl an Betroffenen und die Schwere der Zerstörung durch Hochwasser kannte man bisher nicht. Hier in Bad Neuenahr ist unser Tal sonst sehr beschaulich und ein beliebtes Ausflugsziel. Die Ahr ist normalerweise um diese Zeit etwa 40 Zentimeter hoch – da kann man durchwaten. 

Portrait

Pfarrer Bernd Bazin leitet die Hochwasserseelsorge in Bad Neuenahr-Ahrweiler

Wie haben Sie die vergangenen Tage erlebt?

Die Menschen sind immer noch im "Aufräum-Modus" und stehen unter Adrenalin. In den letzten Tagen hat sich aber gezeigt, dass das Adrenalin langsam nachlässt und sich Erschöpfung breit macht. Am Anfang habe ich auch selbst geholfen, Schlamm und kaputte Möbel zu beseitigen – etwa aus dem Gemeindehaus und der Kirche, die stark betroffen sind. Auch viele Gemeindemitglieder haben sich da unwahrscheinlich eingesetzt. Jetzt, wo das meiste raus ist, unterstütze ich das Gemeindeamt dabei, E-Mails von Menschen abzuarbeiten, die ihre Hilfe anbieten. Mein wesentlicher Auftrag ist es auch, ein nachhaltiges Seelsorge-Angebot aufzubauen für die Zeit, wenn das große Aufräumen vorbei ist. 

Wie geht es den Menschen?
Für viele ging es erst einmal darum, sich zu retten und wieder Platz für sich zu finden in der ganzen Verwüstung. Trotzdem sind alle unwahrscheinlich freundlich. Es ist ein großartiges füreinander da Sein – sowohl durch Hilfsorganisationen als auch durch Mitmenschen, die ihre Hilfe unkompliziert anbieten. Trotzdem sind die Betroffenen noch nicht an dem Punkt, an dem sie Gespräche darüber führen können, wie es ihnen eigentlich geht. Das blitzt eher zwischendurch auf. Es gibt hier Menschen, die beobachten mussten, wie jemand stirbt. Die dramatische Szenen gesehen haben, in denen andere in den Fluten mitgerissen wurden und plötzlich weg waren.  Die Frage "Wie geht es dir?" muss man da vorsichtig stellen.

Wie ist die Situation für die Kinder?

Meiner Erfahrung nach haben Kinder und Jugendliche eine hohe Resilienz. Viel hängt natürlich vom Umfeld ab: Reagiert das Umfeld überfordert oder gibt es einen guten Zusammenhalt? Das ist entscheidend für die Verarbeitung. Viele junge Menschen packen derzeit mit an, das ist eine wichtige Erfahrung: Zu spüren, dass sie dem Chaos nicht ausgeliefert sind, sondern selbst etwas tun können. Trotzdem sind viele – auch durch anderthalb Jahre Corona – ausgehungert nach Erlebnissen und müssen auftanken. Ich bin sehr dankbar, dass die Diakonie RWL anbietet, Ferienfreizeiten für Jugendliche zu organisieren, bei denen sie mal rauskommen und an schöne Orte fahren, an denen sie Heilsames erfahren können.

Wie erleben ältere Menschen die Katastrophe?

Viele Ältere haben lange in ihren Wohnungen ausgeharrt. Andere sind aus der Stadt geflohen, etwa nach Bonn. Insgesamt wurde dafür gesorgt, dass viele Senioren im Umland in Hotels oder anderen Einrichtungen untergebracht wurden, wo sie ein Dach über dem Kopf und elementare Versorgung bekommen. Einige wollen aber nicht nochmal verpflanzt werden. Sie haben sich hier eingerichtet, manche seit eh und je. Andere wollten hier ihren Lebensabend verbringen und stehen jetzt vor ihrer zerstörten Wohnung. Und auch vieles von ideellem Wert ist kaputt: Bilder, Persönliches – es ist dramatisch, was Menschen verloren haben an Heimat und an wertvollen Erinnerungen.

Helfer entfernen den Schlamm am Boden der Kirche

Helfer entfernen den Schlamm aus der verwüsteten Martin-Luther-Kirche in Bad Neuenahr

Was gibt den Menschen jetzt Kraft?

Zuversicht und Hoffnung gibt den Menschen die Verbundenheit mit der Region, aber auch die mit ihren Mitmenschen. Die übergroße Hilfsbereitschaft untereinander ist spürbar, und das ist unwahrscheinlich ermutigend. Zu wissen, dass man gesehen wird in seiner Not und dass Hilfe kommt – auch weit über die Region hinaus. Aber es ist auch der Glaube, der vielen hilft, Kraft zu schöpfen. Wir versuchen deshalb wieder eine regelmäßige Andachtspraxis einzuführen und haben auch schon Andachten abgehalten. Da gab es Momente mit vielen Tränen, aber auch viel Tröstendes. 

Welche Hilfe ist jetzt nötig?

Es gibt im Moment viele Hilfsangebote. Wir haben zum Beispiel Kontakt zu einem engagierten Kindergarten in Brandenburg. Wir hoffen, dass wir da eine Art Patenschaft mit unserem Kindergarten aufbauen können und dass auch in anderen Bereichen solche Netzwerke und Verbindungen entstehen. Menschen spenden lieber an konkrete Ziele. Sachspenden sind im Moment schwierig, denn wir können nichts einlagern. Viele Menschen wollen helfen und haben sehr konkrete Vorstellungen, wie oder wem. Viele von diesen speziellen Angeboten sind liebevoll formuliert, die Bearbeitung ist für uns aber manchmal schwierig. Da wäre es einfacher, wenn wir als Spezialisten vor Ort entscheiden können, wo oder bei wem welche Unterstützung am dringendsten gebraucht wird.

Das Gespräch führte Carolin Scholz. Fotos: Bernd Bazin, Andrea Stenzel

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Ulrich T. Christenn

Brot für die Welt, Katastrophenhilfe, Sammlungen, Kollekten, Hoffnung für Osteuropa

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Nach dem derzeitigen Stand (26.7.2021) sind bei der Flutkatastrophe allein im Landkreis Ahrweiler mindestens 132 Menschen ums Leben gekommen. Erst 68 der aufgefundenen Toten konnten zweifelsfrei identifiziert werden. 74 Menschen werden noch vermisst. (epd)