4. August 2021

Spendengelder für Flutopfer

Helfen mit Hand und Herz

Seite an Seite mit denjenigen, die alles verloren haben. Die diakonischen Sozialberatungsstellen in den Hochwassergebieten zahlen Soforthilfen, beraten bei Anträgen und hören zu. Sie bieten schnelle Unterstützung, um durch die ersten Wochen nach der Flut zu kommen. Dabei geht es zunächst um "Handgeld" für passende Schuhe, eine Tankfüllung oder Medikamente.

  • Helfen mit Hand und Herz: Katharina Kann (von links - Projektteam Unwetterhilfe), Nadine Günther-Merzenich (Geschäftsführung), Sarah Silcock (Projektteam Unwetterhilfe) unterstützen Menschen in den Hochwassergebieten. (Foto: Denise Vogel/Diakonisches Werk
  • Hochwasserhilfe Euskirchen (Foto: Feuerwehr Grevenbroich)
  • Helfer an der Steinbachtalsperre im Kreis Euskirchen (Foto: Feuerwehr Bergisch Gladbach)
  • Bagger vor einem Schutthafen in Bad Münstereifel (Foto: Diakonie RWL)

Als das Wasser nachts in rasender Geschwindigkeit stieg, blieb keine Zeit mehr, die Schuhe anzuziehen. In Schlappen kam ein Betroffener nach der Überschwemmung seiner Wohnung in die Sozialberatungsstelle des Diakonischen Werks Bonn und Region in Swisttal-Heimerzheim. "Der Mann brauchte dringend richtige Schuhe, damit er überhaupt anfangen konnte, den Schlamm wegzuräumen", sagt Gabriele Diener. Die Sozialarbeiterin und ihre Kollegin Christiane Reiferscheid treffen in diesen Tagen immer wieder Menschen, die alles verloren haben und denen es am Nötigsten fehlt. 

Mit der Soforthilfe der Diakonie können sie unbürokratisch die dringendsten Notlagen lindern.  Da ist etwa die Frau, die mit dem Auto zur Arbeit pendeln muss und Geld für eine Tankfüllung braucht. Oder die alte Dame, der das Geld fehlt, das sie für dringend benötigte Medikamente vorlegen muss.

Nadine Günther-Merzenich, Geschäftsführerin des Diakonischen Werks Euskirchen (Foto: Diakonie Euskirchen)

Nadine Günther-Merzenich, Geschäftsführerin des Diakonischen Werks Euskirchen

Schnelle, unbürokratische Hilfe

"Viele Menschen haben ihre EC-Karten im Hochwasser verloren und es gibt auch vielerorts keine Möglichkeit mehr, Geld abzuheben", weiß die Geschäftsführerin des Diakonischen Werks Euskirchen, Nadine Günther-Merzenich. Die Diakonie in der Euskirchener Kaplan-Kellermann-Straße ist nicht vom Hochwasser betroffen und derzeit Anlaufstelle für Flutopfer aus den überschwemmten Ortsteilen der Stadt. "Den meisten Menschen sieht man an, dass sie es nicht gewohnt sind, um Hilfe zu bitten und dass ihnen das schwer fällt", sagt Nadine Günther-Merzenich. Die Mitarbeiterinnen sprächen zunächst mit den Menschen, um sich ein Bild von der Situation zu machen. "Die Hilfe läuft dann sehr unbürokratisch", betont sie.

Für den Haushaltsvorstand gibt es eine Pauschale von 300 Euro und für jedes weitere Familienmitglied 200 Euro. Maximal werden 1.500 Euro ausgezahlt. "Wir befinden uns in einer Phase der absoluten Not, in der schnell geholfen werden muss", erklärt Helga Siemens-Weibring, Beauftragte für Sozialpolitik der Diakonie RWL. Deshalb könnten die Anträge auch ohne großen Aufwand "niedrigschwellig" gestellt werden. In einer Situation, in der viele Flutopfer ihre gesamten Unterlagen verloren hätten, geschehe die Bedürftigkeitsprüfung unbürokratisch vor Ort. "Sobald es nicht mehr um akute Nothilfe geht, sondern um den Wiederaufbau, werden wir jedoch aufwendiger prüfen müssen", sagt Helga Siemens-Weibring. "Das sind wir den Spendern schuldig." Bislang seien etwa eine Million Euro an Soforthilfen ausgezahlt worden.

Auszahlung einer Geldspende (Foto: Shutterstock)

Bereits acht Tage nach der Hochwasserkatastrophe erhielten Betroffene die ersten Soforthilfen auf die Hand.

Kontrolle zurückgewinnen

Bei der Diakonie in Euskirchen erhielten Hochwasseropfer bereits acht Tage nach der Flutnacht die ersten Soforthilfen. Insgesamt wurden dort innerhalb von rund einer Woche 30.000 Euro ausgegeben. Die Geschäftsführerin und ihre Kolleginnen erleben immer wieder bewegende Szenen, wenn sie Betroffenen die Soforthilfe in die Hand drücken. "Die Menschen sind unglaublich dankbar, dass sie mit dem Geld erstmals wieder selbst etwas einkaufen können." Viele, die im Hochwasser alles verloren, seien seitdem ausschließlich auf die Versorgung in den Notunterkünften angewiesen gewesen.

"Die Menschen haben ja durch das Hochwasser oft völlig die Kontrolle über ihr Leben verloren", weiß Nadine Günther-Merzenich. Da sei es für die Betroffenen oft schon ein Lichtblick, etwas Bargeld zu haben, um etwa ein paar Lebensmittel oder Schaufeln zum Aufräumen des Hauses zu kaufen. "Schon 100 Euro können in dieser Situation für die Menschen einen großen Unterschied machen", berichtet auch Gabriele Diener aus der Heimerzheimer Beratungsstelle. 

Nadine Günther-Merzenich beobachtet, dass die Betroffenen häufig überrascht über die unkomplizierte Soforthilfe bei der Diakonie seien. Viele kämen in die Geschäftsstelle, um sich nach Anträgen auf Hilfe etwa beim Land oder anderen Hilfsfonds zu erkundigen. "Dass sie dann bei uns nicht nur Unterstützung mit den Anträgen bekommen, sondern am Ende mit Geld in der Hand wieder rausgehen, ist für viele ein Lichtblick." Außergewöhnlich an der Situation sei, dass durch die Soforthilfe viele Menschen erstmals überhaupt Kontakt zur Diakonie hätten. "Dass Menschen Diakonie hier als einen starken Partner und als aktive Hilfe erleben, das finde ich ein tolles Zeichen."

Verzweifelter Mann, der getröstet wird (Foto: Shutterstock)

Viele kommen, um Anträge auf Soforthilfe zu stellen und bleiben, um Trost zu bekommen.

Mehr als eine Ausgabestelle 

Doch nicht alle Menschen finden den Weg in die Geschäftsstelle in Euskirchen. Teilweise fahren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch zu den Menschen, um Sachgüter zu verteilen wie zum Beispiel Kabeltrommeln, Werkzeug oder Putzutensilien. "Menschen, die irgendwo abgeschnitten ohne Telefon in den Dörfern sitzen, können nicht wie früher eben mal in den Baumarkt fahren", erklärt Nadine Günther-Merzenich. Die Diakonie sei aber weit mehr als eine Ausgabestelle für Soforthilfen, sagt sie. "Viele Menschen haben auch das Bedürfnis zu reden."

Die Mitarbeiterinnen hören immer wieder dramatische Erlebnisse. Da retteten sich Familien in letzter Minute aufs Dach. Andere saßen verzweifelt im Fensterrahmen und warteten auf Hilfe. "Wir sind eine Mischung aus Seelsorge und Finanzhilfe", sagt auch die Swisttaler Sozialberaterin Christiane Reiferscheid. Neben den materiellen Problemen sei vielen Betroffenen ihre Zukunftsperspektive weggebrochen. "Bei vielen droht der Verlust des Arbeitsplatzes." Da sei etwa die junge Frau, die in einem Altenheim an der Ahr gearbeitet hat. Niemand weiß, ob es für das überschwemmte Haus eine Zukunft gibt.

Auch viele Geschäfte seien durch die Flut so zerstört, dass oft unklar sei, ob sie je wieder öffnen werden. "Ein weiteres Problem ist der Mangel an Wohnungen", betont weiß Gabriele Diener. Die beiden Beraterinnen kennen viele Menschen iam Ort und versuchen zu helfen, indem sie Informationen sammeln und Netzwerke knüpfen.

Text: Claudia Rometsch, Fotos: Shutterstock, Feuerwehr Bergisch Gladbach und Grevenbroich, Denise Vogel/Diakonisches Werk Euskirchen.

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Ulrich T. Christenn

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Soforthilfen
Wer Unterstützung braucht, findet bei seiner örtlichen Diakonie Hilfe. Die diakonischen Einrichtungen können im Namen des oder der Betroffenen bei der Diakonie RWL bis zu 1.500 Euro Soforthilfen pro Haushalt beantragen. Lediglich die Namen und Adressen der Betroffenen müssen dokumentiert werden. Die finanzielle Unterstützung der Diakonie RWL ist als erste akute Nothilfe und nicht als Hilfe zum Wiederaufbau gedacht.

Auch das Land NRW stellt Soforthilfen zur Verfügung. Bürgerinnen und Bürger, die von existentieller Not betroffen sind, können zusätzlich zu einem Sockelbetrag von 1.500 Euro pro Haushalt  für jede weitere Person aus dem Haushalt 500 Euro erhalten. Insgesamt werden an einen Haushalt maximal 3.500 Euro ausgezahlt. Weitere Informationen sowie Antragsformulare gibt es hier.