25. Juni 2021

Ältere Haftentlassene

Mit Rollator aus dem Knast

Straffällig, alt und pflegebedürftig: Seit Jahren steigt die Zahl der Senioren in deutschen Gefängnissen. Gut versorgt fühlen sich viele dort nicht – und nach der Haftentlassung sieht es nicht besser aus. Eine altersgerechte Wohnung oder ein Pflegeheim ist kaum zu finden. Die Straffälligenhilfe der Diakonie hat auf einem digitalen Fachtag nach Lösungen gesucht.

  • Alter Mann hinter Gittern (Foto: Shutterstock)
  • Männerbeine mit Rollator (Foto: pixabay)

Kerzen anzünden, eine Traueransprache halten und gemeinsam mit den Inhaftierten einem alten, verstorbenen Mithäftling die letzte Ehre erweisen: Viermal hat Gefängnisseelsorger Adrian Tillmanns im vergangenen Jahr einen Trauergottesdienst in der Justizvollzugsanstalt Werl gehalten. "Als ich in die betroffenen Gesichter der Gefangenen sah, wusste ich genau, welche Frage sie sich stellten", erzählt Tillmanns. "Gehöre ich auch zu denjenigen, die so lange bleiben?"

Im Gefängnis sterben – das ist längst keine Seltenheit mehr, denn in Deutschland hat sich seit 1992 die Zahl der Inhaftierten über 60 Jahren verdreifacht. Und damit auch das Risiko, im Gefängnis alt und krank zu werden. Es sind vor allem zwei Gründe, die zu dieser Entwicklung geführt haben: Der demografische Wandel, der dafür sorgt, dass die Deutschen älter werden. Zudem sitzen mehr von Altersarmut betroffene Menschen in Haft, weil sie kleine Geldstrafen nicht bezahlen konnten.

Gefängnisseelsorger Adrian Tillmanns in der JVA Werl (Foto: Hans Albert Limbrock)

Zuhören und Unterstützung geben: Adrian Tillmanns arbeitet als Gefängnisseelsorger in der JVA Werl.

Kaum Entlassungen aus Altersgründen

Kein Wunder also, dass Seelsorger Adrian Tillmanns, der 15 Jahre lang in der JVA Werl tätig war und vor kurzem in die JVA Bielefeld-Brackwede gewechselt hat, immer öfter auf Gefangene trifft, die einen Rollator über die Gänge schieben. Aufgrund des Alters oder seiner Pflegebedürftigkeit werde kaum ein Straftäter vorzeitig entlassen, berichtet Tillmanns auf dem digitalen Fachtag der Diakonie RWL zu "Lebensälteren und pflegebedürftigen Haftentlassenen". Von den 36 Justizvollzugsanstalten in NRW haben immerhin sechs besondere Abteilungen für Senioren. Im normalen Gefängnisalltag aber wird wenig Rücksicht auf die alten Inhaftierten genommen. 

Das zeigen die Ergebnisse der ersten empirischen Vollerhebung zur Gesundheit von lebensälteren inhaftierten Männern in rheinland-pfälzischen Gefängnissen, die sich in weiten Teilen durchaus – so die einhellige Meinung der Teilnehmenden des Fachtages – auf NRW übertragen lassen. Für ihre Untersuchung hat die Mannheimer Diplom Gerontologin Liane Meyer im Rahmen ihrer Doktorarbeit an der Universität Bielefeld 222 Strafgefangene über 50 Jahren befragt. "Viele leiden unter typischen Alterserkrankungen wie Herzinsuffizienz, Diabetes oder seelischen Erkrankungen und Inkontinenz", beobachtet die Gerontologin.  

Klaus Daniel, Leiter der Straffälligenhilfe der Diakonie für Bielefeld (Foto: privat)

Klaus Daniel, Leiter der Straffälligenhilfe der Diakonie für Bielefeld, wünscht sich ein bessere Unterstützung für die Haftentlassenen.

Isolation und Depression

Vor allem aber hapere es an der Prävention. So komme es beispielsweise aus Mangel an Alternativen zur Arbeit vor, dass ältere Inhaftierte bis zu 23 Stunden am Tag auf  ihrem Haftraum verbringen müssten. Reha-Sport oder "Herzsportgruppen" gebe es kaum. Der Zugang zum Hof sei oft nicht barrierefrei. Aufgrund von Inkontinenz könne es vorkommen, dass ältere Inhaftierte nicht am Hofgang teilnehmen. Körperliche Aktivität stelle für die meisten chronischen Erkrankungen einen wichtigen Teil der Prävention dar, dies gilt auch bei Depressionen und Inkontinenz. Für die tendenziell zunehmende Gruppe der lebensälteren Gefangenen müsse daher mehr getan und passfähigere Angebote geschaffen werden, betont Liane Meyer.

So erstaunt es nicht, dass ein Wiedereinstieg in die Gesellschaft nach der Entlassung in hohem Alter ausgesprochen schwer fällt. "In der digitalen Welt finden sich die meisten lebensälteren Haftentlassenen alleine nicht zurecht", beobachtet Klaus Daniel, der die Straffälligenhilfe bei der Diakonie für Bielefeld leitet. "Sie schaffen es kaum, sich selbst um ihre Finanzen, eine barrierefreie Wohnung, einen Pflegedienst zu kümmern."

Mann im Rollstuhl

Eine altersgerechte Wohnung zu finden ist schwierig: Oft werden Senioren entlassen, bei denen nicht geklärt ist, welchen Pflegegrad sie haben und wo sie leben können. 

Nichts geklärt bei der Entlassung

All das müsste bereits im sogenannten "Übergangsmanagement" in der Haftanstalt geklärt werden. Doch das geschieht in der Regel nicht. "Welche Kommune die Grundsicherung zur Aufstockung der kleinen Rente übernimmt, in welchen Pflegegrad ein Haftentlassener eingestuft wird oder welche Krankenkasse den Pflegedienst bezahlt – das kann erst nach der Entlassung organisiert werden und damit geht wertvolle Zeit verloren." 

Oft dauert es Wochen, wenn nicht gar Monate, bis ältere Haftentlassene eine neue, altersgerechte Bleibe gefunden haben. Da viele keinen Kontakt mehr zu ihrer Familie haben, leben sie zwischenzeitlich in den stationären und teilstationären Wohnangeboten für Haftentlassene. Für stark pflegebedürftige Menschen in einem Altenheim einen Platz zu finden, ist besonders schwierig. Aufgrund von Vorurteilen und Ängsten wird ihnen die Aufnahme oft verwehrt. 

Älterer Haftentlassener im Bulli der diakonischen Stiftung "Herberge zur Heimat" (Foto: epd Bild)

Im Modellprojekt für ältere Haftentlassene der "Herberge zur Heimat" finden Senioren oft sogar noch einen kleinen Job, um ihre Rente aufzubessern.

Projekte keine dauerhafte Lösung

"Jede Einrichtung sucht dann nach individuellen Lösungen für diese älteren, stark betreuungsbedürftigen Menschen", berichtet Klaus Daniel. Ein gutes Beispiel wurde auf dem Fachtag ausführlich vorgestellt: Die diakonische Stiftung "Herberge zur Heimat" hat in Detmold eine Art "Betreutes Wohnen" für ältere Haftentlassene eingerichtet.

Andere Einrichtungen haben gute Erfahrungen damit gemacht, sie in Wohnprojekte für Zirkusveteranen zu vermitteln. So kreativ und engagiert diese Beispiele auch sind, für Klaus Daniel stellen sie keine dauerhafte Lösung dar. In jeder Region sollte die seniorengerechte Unterbringung von älteren Haftentlassenen in Zusammenarbeit von Justiz und Straffälligenhilfe möglich gemacht werden – und zwar aus der Haft heraus, betont er. "Als Diakonie wünschen wir uns schon lange, dass kein freigelassener Rentner mehr vor den Mauern der Justizvollzugsanstalt steht und nicht weiß, wohin."

Text: Sabine Damaschke; Fotos: Shutterstock, pixabay, privat, Hans Albert Limbrock, Uta Herbert/pixelio.de und epd-Bild.

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Armut- u. Existenzsicherung, Straffälligenhilfe

 

 

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In Deutschland befinden sich über 50.000 Erwachsene in Strafhaft. Davon sind 4,5 Prozent älter als 60 Jahre. Unter den Sicherheitsverwahrten beträgt ihr Anteil sogar 24 Prozent. In NRW sind knapp 16.000 Menschen in 36 Justizvollzugsanstalten inhaftiert. Knapp fünf Prozent der erwachsenen Strafgefangenen sind über 60 Jahre alt. Im Jahr 2019 gab es für diese 634 Inhaftierten 174 Haftplätze für Lebensältere. In Rheinland-Pfalz gibt es zehn Gefängnisse, in denen über 3.000 Männer und Frauen einsitzen. 5,2 Prozent der erwachsenen Inhaftierten sind 60 Jahre und älter. Für sie gibt es 54 Haftplätze für Lebensältere. (Quelle: Kriminologie Online 1/2020)