3. Januar 2018

Straffälligenhilfe für Senioren

Mehr als ein Dach über dem Kopf

Ältere Menschen, die aus der Haft kommen, haben es schwer, wieder in der Gesellschaft Fuß zu fassen. Ein Modellprojekt der diakonischen Stiftung "Herberge zur Heimat" und der Justizvollzugsanstalt in Detmold bietet eine Art "Betreutes Wohnen" für Senioren nach ihrer Haftzeit. Diakonie RWL-Referentin Sabine Bruns wünscht sich mehr solcher Angebote.

Portrait

Stolz auf seinen Fahrerjob: Karl-Heinz F. in seinem Lieferwagen (Foto: epd-Bild)

Wenn Karl-Heinz F. aus dem Fenster schaut, kann er die Justizvollzugsanstalt Detmold sehen. Dort hat er einen Teil seiner zweieinhalbjährigen Haftstrafe abgesessen. "Die Dummheiten liegen hinter mir", sagt 62-Jährige. Er lebt jetzt in einer ehemaligen Dienstwohnung der Justizvollzugsanstalt. Die neue Unterkunft gehört zu dem vor einem Jahr gestarteten Modellprojekt von Lippischer Landeskirche und Detmolder Haftanstalt.

Der Tag von Karl-Heinz F. ist ausgefüllt: Um acht Uhr beginnt er seinen Fahrdienst für einen Umzugs- und Renovierungsdienst der diakonischen Stiftung "Herberge zur Heimat", die Mitglied der Daikonie RWL ist. "In der Gruppe verstehen wir uns gut", erzählt Karl-Heinz F., dem der Stolz über seinen ehrenamtlichen Fahrerjob anzumerken ist. Ab Mittag stehen dann oft Arzt- und Behandlungstermine auf seinem Programm. Wenn F. nach Hause kommt, widmet er sich seiner Leidenschaft: den großformatigen Puzzlespielen. 

Um F. und einen weiteren älteren Haftentlassenen kümmern sich Mitarbeiter der diakonischen Stiftung "Herberge zur Heimat". Das Detmolder Projekt will mehr bieten als nur ein Dach über den Kopf, erläutert Paul Martens vom Sozialdienst der Stiftung.

Mann im Rollstuhl

Aufgaben statt Langeweile - Ältere Haftentlassene sollen wieder den Weg in eine selbstständige Leben finden (Foto: Uta Herbert/pixelio.de)

Aufgaben schaffen für ältere Haftentlassene

Für Paul Martens  ist das Projekt ein sozialer Knotenpunkt, bei dem sich die Menschen zugehörig fühlen und eine Aufgabe haben. Ziel ist es, nach der Haft den Weg wieder in ein selbstständiges Leben zu ebnen, sagt er. In Gesprächen mit den Sozialarbeitern der Herberge werden Perspektiven ermittelt und bei Bedarf Unterstützung organisiert.

Für das Projekt hat die Stiftung "Herberge zur Heimat" die Wohnung gemietet, die zwei Plätze bietet. Finanziert wird das Projekt für Menschen bis zur Vollendung des 65. Lebensjahres vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL). Nach Angaben der Diakonie Deutschland gibt es bundesweit nur wenig Vergleichbares, beispielsweise ein Wohnprojekt beim Diakonischen Werk im bayerischen Rosenheim.

In die Haft nach Detmold und Bielefeld kam der gebürtige Koblenzer, weil er neue Handys bestellt hatte und sie, ohne sie zu bezahlen, weiterverkaufte. Karl-Heinz F. hatte seinen Job als Binnenschiffer auf der Donau verloren, mit dem Arbeitslosengeld II kam er nicht hin. "Jetzt, wo alles weg ist, habe ich auch keine Freunde mehr", erzählt er. Seine Frau hat sich während seiner Haft von ihm getrennt. Nur zu zwei seiner sieben Kinder, die überwiegend in Pflegefamilien und Heimen aufwuchsen, hat er Kontakt.

Portrait

Diakonie RWL-Referentin Sabine Bruns 

Keine Chance mehr auf reguläre Jobs

Es sei wichtig, dass endlich einmal Modellprojekte für ältere Haftentlassene eingerichtet werden, betont die Expertin für Straffälligenhilfe der Diakonie Rheinland Westfalen Lippe, Sabine Bruns. Es gebe dafür "einen großen und spezifischen Bedarf, der leider überhaupt nicht abgedeckt wird". Problematisch werde es vor allem für ehemalige Gefangene über 65 Jahren, erläutert Bruns. Dann würden viele Hilfen schwerer greifen, auch weil ein anderer Kostenträger zuständig sei. In Nordrhein-Westfalen sind das nicht mehr die Landschaftsverbände, sondern die jeweiligen Kommunen.

Ältere Haftentlassene haben häufig mit den Folgen einer langen Haftzeit zu kämpfen, wie der Experte für Straffälligenhilfe der Diakonie Deutschland, Rolf Keicher, erläutert. Dazu gehörten oft ein Verlust der Selbstständigkeit sowie Antriebslosigkeit. In dem fortgeschrittenen Alter kommen reguläre Jobs kaum noch infrage. Dadurch wird es noch schwerer, an eine Wohnung zu kommen. 

Die JVA Detmold hat eine eigene Abteilung für ältere Gefangene (Foto: JVA Detmold)

Soziale Bezüge weggebrochen

Eine günstige Voraussetzung in Detmold war, dass die Justizvollzugsanstalt als erste von 38 Vollzugsanstalten in Nordrhein-Westfalen eine eigene Abteilung für ältere Gefangene eingerichtet hat. Bei älteren Menschen, denen sämtliche soziale Bezüge weggebrochen seien, werde es bei der Entlassung schwierig, sagt Direktor Oliver Burlage. Senioren- und Pflegeheime hätten ohnehin lange Wartelisten. Dort gebe es wenig Begeisterung, "wenn wir sie fragen, ob sie einen entlassenen Gefangenen übernehmen können", erzählt der Direktor.

Ursprünglich sei das Angebot als ein Übergangsmodell gedacht gewesen, berichtet der Leiter der "Herberge zur Heimat", Matthias Neuper. "Wir merken aber, dass die Hilfe langfristiger sein muss." Karl-Heinz F. will jetzt nach vorne schauen. "Ich bin dankbar, dass ich hier eine Chance habe", sagt er. "Mir wurde eine helfende Hand entgegengestreckt, und ich habe sie angenommen."

Text: Holger Spierig (epd)

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