14. September 2021

Hospize im Hochwassergebiet

Sterbebegleitung im Ausnahmezustand

Die Hochwasserkatastrophe  hat die Menschen im Ahrtal hart getroffen. Viele mussten ihre Häuser verlassen. Auch das Hospiz, das Bethel erst 2015 in Bad Neuenahr eröffnet hatte, wurde evakuiert. Viele schwerstkranke Menschen aber betreute der Hospiz-Verein weiter zu Hause. Und seine Mitarbeitenden packten direkt mit an, um den Ort wieder aufzubauen. 

  • Gebäude des Hospiz im Ahrtal (Foto: Hospiz-Verein Rhein-Ahr)
  • Hospizgast mit Pflegerin im Hospiz im AHrtal (Foto: Mann im Rollstuhl vor dem Hospiz im Ahrtal (Foto: Hospiz-Verein Rhein-Ahr)

Als sich die Flut ankündigte, war Ulrike Dobrowolny selbst mittendrin – und hat es doch nicht realisiert: Am Abend des 14. Juli hatte der Hospiz-Verein Rhein-Ahr noch seine Mitgliederversammlung. Der starke Regen fiel natürlich allen auf, auch dass die Ahr ungewöhnlich hoch stand – doch mit dem, was dann kam, hatte niemand gerechnet. 

Neun Gäste wohnten zu dieser Zeit im Hospiz, dessen Gesellschafter der Verein ist, dem Ulrike Dobrowolny vorsteht. Auch die von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel gehören zu den Trägern des stationären Hospizes im Ahrtal. Erst vor sechs Jahren wurde es eröffnet. Obwohl das Gebäude ohne größere Schäden davongekommen ist, musste es evakuiert werden, denn es gab keinen Strom und kein fließendes, sauberes Wasser – die Versorgung der schwerkranken Menschen war nicht gesichert. 

Ulrike Dobrowolny leitet den Hospiz-Verein Rhein-Ahr. (Foto: privat)

Ulrike Dobrowolny leitet den Hospiz-Verein Rhein-Ahr.

Kein Weg über den Fluss

"Viele haben zuerst nicht realisiert, was passiert ist, denn um das Hospiz herum sah alles normal aus", erzählt Ulrike Dobrowolny. "Nach dem Umzug waren sie aber einfach froh, dass sie in Sicherheit sind und es ihnen gut geht." Dennoch: Die Evakuierung sei eine Herausforderung gewesen. Ein Teil der Hospizgäste wurde in das Krankenhaus Mariastern in Remagen gebracht – dort hatte das Hospiz eine Etage angemietet, um die Betroffenen von eigenem Personal zu betreuen. So hatten die Bewohner weiterhin bekannte Gesichter um sich. 

Ein anderer Teil der Hospizgäste kam auf die Palliativstation im Stiftshospital in Andernach. Zwar liegen beide Häuser nicht weit von Bad Neuenahr entfernt, die Fahrt sei trotzdem mühselig gewesen: 62 Brücken im Ahrtal waren durch das Hochwasser zerstört, und die Fahrer hatten Schwierigkeiten, einen Weg über den Fluss zu finden. 

Ein Bagger räumt Trümmer weg in Bad Neuenahr (Foto: Philipp Kreutzer/Bethel)

Leben zwischen Trümmern in Häusern ohne Strom - vielen Sterbenden war das lieber, als ihr Haus zu verlassen.

Zu Hause leben – auch ohne Strom

Neben den Hospizgästen kümmert sich der Verein im Kreis Ahrweiler auch jährlich ambulant um etwa 340 Schwerstkranke und Sterbende sowie deren Angehörige. "Glücklicherweise ist keiner von ihnen durch das Hochwasser gestorben", berichtet Ulrike Dobrowolny. Es gebe durchaus Menschen im Ort, die in ihren Schlafzimmern ertrunken seien. 

Betroffen von starken Zerstörungen an ihren Häusern waren aber fast alle. Dennoch wollten die meisten lieber in ihren eigenen vier Wänden bleiben als in ein Krankenhaus zu gehen. "Gerade am Lebensende ist es vielen Menschen wichtig, ihr gewohntes Umfeld nicht mehr verlassen zu müssen", sagt die Hospizleiterin. Das habe sich auch mit der Hochwasserkatastrophe nicht geändert. 

Die Mitarbeitenden des Vereins unterstützten die Angehörigen, damit dies möglich wurde. Sie machten weiterhin Hausbesuche und halfen bei der Versorgung mit Hygieneartikeln, Essen und Medikamenten. Oft ging es zunächst einfach darum, geöffnete Apotheken oder einen Hausarzt oder eine Hausärztin zu finden, deren Praxis nicht überflutet worden war. Und den Angehörigen den Rücken zu stärken. "In dieser Zeit haben wir immer wieder betont, dass für ihre Liebsten die Nähe zur Familie wichtiger ist als Warmwasser und der Zustand der Wohnung", sagt Ulrike Dobrowolny.

 Ein verzweifelter Mann wird getröstet (Foto: Shutterstock)

Zuhören, trösten, aber auch mitanpacken: Die Mitarbeitenden des Hospizvereins bieten Gespräche an, organisieren aber auch praktische Hilfe.

Hilfe für Leib und Seele

In den vergangenen Wochen ist der Hospiz-Verein über seine üblichen Aufgaben hinausgewachsen. Mit Haupt- und Ehrenamtlichen hat er eine psychosoziale Anlaufstelle für Flutopfer eingerichtet, die ein Gespräch suchten, um über das Erlebte zu reden. Koordiniert wurde die Arbeit von einem Container aus, der direkt nach der Flutkatastrophe am Rohbau des Bethel-Hotels "Zum Weinberg" in Bahnhofsnähe aufgestellt wurde. 

Der Hospiz-Verein half aber auch ganz praktisch. Er organisierte Toiletten und Dusch-Container, Waschmaschinen und Trockengeräte für die Gebäude. Mit einer Kartoffelschäl-Aktion unterstützten Ehrenamtliche und Freiwillige das Rote Kreuz. Es bereitet im Ort täglich 12.000 warme Mahlzeiten für die Helferinnen und Helfer sowie Bewohnerinnen und Bewohner zu. "Wir versuchten eine Basis herzustellen, damit man hier überhaupt leben kann", sagt Ulrike Dobrowolny. Denn wie soll Hospizarbeit funktionieren, wenn die Grundlagen des Lebens fehlen? Auch für Schaufeln, Handschuhe und Desinfektionsmittel habe man gesorgt. "Da war einfach Flexibilität gefragt."

Mann im Rollstuhl vor dem Hospiz im Ahrtal (Foto: Hospiz-Verein Rhein-Ahr)

Endlich wieder zurück: Herr Ihlich freut sich, dass er wieder ins Hospiz umziehen konnte. 

Das Leben geht weiter

Die Gäste des Hospizes konnten mittlerweile in das Gebäude zurückkehren, denn es gibt wieder Strom und Wasser. Auch wenn viele froh seien, wieder in der gewohnten Umgebung statt im Krankenhaus zu sein, wirke das Erlebte nach, sagt die Hospizleiterin. Zudem seien neue Gäste hinzugekommen, die – genauso wie manche Pflegekräfte – ihr gesamtes Hab und Gut verloren hätten.

Quasi jeder im Ort, so Dobrowolny, habe in den Tagen im Juli einen Toten gesehen, Schreie gehört oder kenne Vermisste. "Die Region ist traumatisiert." Normalerweise gehöre es zur Arbeit des Hospiz-Vereins, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass der Tod zum Leben dazugehört. Die Todeserfahrungen im Ort seien aber überbordend. "Es geht nun eher darum, zu vermitteln, dass das Leben auch weitergeht", betont die Hospizleiterin.

Text: Carolin Scholz, Redaktion: Sabine Damaschke,
Fotos: Hospiz-Verein Rhein-Ahr, privat und Shutterstock.

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Axel Bremecke
Geschäftsfeld Krankenhaus und Gesundheit
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