23. Juli 2021

Ehrenamtlicher Katastrophenschutz

"Unkontrollierte Hilfe ist schwierig"

Fünf Tage war Gilda König als ehrenamtliche Katastrophenschützerin in Hagen und der Eifel unterwegs. Seit 14 Jahren engagiert sich die 30-jährige Produktentwicklerin bei den Johannitern in NRW, einem Mitglied der Diakonie RWL. Sie freut sich über die Nachbarschaftshilfe in den Hochwassergebieten. "Aber unkontrolliertes Helfen ist schwierig", meint sie.

  • Drei Johanniter vor einem Katastrophenfahrzeug (Foto: Johanniter NRW)
  • Johanniter Katatsrophenfahrzeug (Foto: Johanniter NRW)
  • Rettungsliege der Johanniter (Foto: Johanniter NRW)

Wann haben Sie Ihren Einsatz begonnen?

Mein Melder hat mich letzte Woche Mittwoch um 5 Uhr morgens aus dem Schlaf gerissen. Ich bin direkt zur Wache gefahren. Dann sind wir sofort zu dritt zum Einsatz in unsere Nachbarstadt Hagen. Dort wurde dringend ein geländegängiger Rettungswagen gebraucht, den wir haben. Das Hochwasser ist allerdings in der Zeit so sehr gestiegen, dass selbst wir mit unserem Spezialfahrzeug nicht mehr die Straße passieren konnten. 

Das Wasser stieg so schnell und immens, wie ich es noch nie gesehen habe. Ich stand da und sah wie in kurzer Zeit ein Supermarkt vollgelaufen ist, die Hauptverkehrsstraße B54 wurde plötzlich überschwemmt und war nicht mehr passierbar. Dann verschwand unter den Fluten eine kleine Brücke, Verkehrsschilder waren plötzlich nicht mehr zu sehen. Wir bekamen auf der Wache nasse Füße, weil sie im Erdgeschoss überschwemmt wurde. Ich war durchgängig von Mittwochmorgen bis zum Donnerstagabend vor Ort in Hagen. 

Gilda König, ehrenamtiche Katastrophenschützerin der Johanniter NRW (Foto: privat)

Gilda König ist seit 14 Jahren ehrenamtlich bei den Johannitern NRW aktiv.

Am Freitag ging es für Sie zum nächsten Einsatz in die Eifel.

Bei diesem Einsatz ging es um Logistik und Versorgung der überörtlichen Feuerwehr, da fast die gesamte Infrastruktur in der Eifel nicht mehr gegeben war. Ich habe dann bei uns in Herdecke die Organisation übernommen, unsere Mannschaft zusammengetrommelt und den Einsatz organisiert und koordiniert. Nachdem wir alle Besorgungen getroffen hatten, sind wir am Nachmittag in die Eifel gefahren und sind bis Samstagabend dort geblieben. Am Sonntagabend ging erneut mein Melder und wir sind in die Eifel nach Euskirchen, wo wir bis Montagabend geblieben sind. 

Wie haben Sie die Einsatzorte erlebt?

Die Bilder in den Nachrichten oder in den sozialen Medien können die Lage und das Ausmaß der Schäden gar nicht widerspiegeln. In der Eifel war schon alleine die Anfahrt umständlich und wir mussten etliche Straßensperrungen umfahren. Das Geröll liegt auf der Straße, es existieren riesengroße Löcher auf den Gehwegen, weswegen auch ganze Straßen gesperrt waren. Häuser sind teilweise ganz eingestürzt, es hingen Autos auf einer Leitplanke, wurden in Häuser geschwemmt, oder lehnten hochkant an den Wänden. Das sind alles prägende Bilder. 

Wie haben die Menschen auf sie reagiert? 

Alleine die Erfahrungen in Hagen waren beeindruckend. Die Menschen dort waren mehr als freundlich und hilfsbereit und die Stimmung war trotz der immensen Schadenslage relativ gut. Für die Feuerwehr und uns wurde gekocht, gebacken und wir wurden mit Getränken versorgt, obwohl der Stadtteil, in dem wir waren, abgeschottet war und kein Supermarkt weit und breit geöffnet hatte. Wir haben natürlich auch viel Verzweiflung mitbekommen, wie Menschen, die zurück zu ihren Häusern wollten und es nicht mehr konnten. 

Was waren die größten Probleme, die Sie hatten?

Die stark überschwemmten und unterspülten Straßen waren die größte Herausforderung, die sogar mit unserem Spezialfahrzeug nicht mehr befahrbar waren. Auch der Stromausfall führte zu lebensbedrohlichen Situationen. Ein Kleinkind beispielsweise bekam Heimbeatmung. Aufgrund des Oberstromausfalls hielt der Akku nur noch zwei Stunden. Da wir sogar mit unserem Spezialfahrzeug nicht mehr zu dem Haus kamen, ist die Bundeswehr mit einem Panzer dorthin gefahren. 

Zerstörte Straße in Bad Münstereifel (Foto: Diakonie RWL)

Trümmer wegräumen in der Eifel: Die Hilfsbereitschaft ist groß, aber unkontrollierter Aktionismus schwierig, meint Gilda König.

Viele Menschen haben sich auf den Weg zu den Katastrophengebieten gemacht, um zu helfen. Wie bewerten Sie das?

Ich habe gemerkt, wie viele unterstützen und helfen wollten, auch diejenigen, die nicht betroffen waren vom Hochwasser. Das fand ich großartig. Wenn es drauf ankommt, halten wir alle zusammen. Jedoch ist unkontrollierte Hilfe und Aktionismus schwierig. Und kann unter Umständen die Arbeit der Profis behindern. Die Koordination und Kommunikation sind einfach die größten Herausforderungen in solchen Situationen.

Was ist der Unterschied zwischen professioneller Hilfe und Nachbarschaftshilfe?

Professionelle Hilfe wird strukturiert und kontrolliert mit ausgebildeten Fachkräften geleistet. Wir sind speziell auf die Gefahren und Möglichkeiten in sämtlichen Katastrophen und Einsatzgebieten geschult. Die Nachbarschaftshilfe kann diese Arbeit nicht ersetzen. Nachbarschaftshilfe und Privatpersonen sollten sich niemals in Gefahrengebiete begeben und Leute des THW, der Feuerwehr, Bundeswehr und des Katastrophenschutzes behindern. Die Nachbarschaftshilfe setzt da an, wo der Katastrophenschutz und die große Hilfe aufhören. Und da ist sie auch sehr wichtig. 

Wo können sich Menschen engagieren?

Im Katastrophenfall wie jetzt, funktioniert es beispielsweise bei den Johannitern nicht, dass man anruft und sofort mithelfen kann. Wir sind ausgebildet, geschult und üben regelmäßig. Prinzipiell kann man sich aber bei uns, bei der örtlichen Feuerwehr, THW, DRK, ASB, beim Roten Kreuz oder den Maltesern informieren, Kontakt aufnehmen und sich vorstellen. Über ehrenamtliche Helferinnen und Helfer freut sich jede Hilfsorganisation.

Wie haben Sie die Ereignisse verarbeitet?

Wir sind da sehr gut aufgestellt und haben einen Einsatz-Nachsorgeteam mit denen wir sprechen können. Durch die Schulungen sind wir auf Themen vorbereitet, wie zum Beispiel auch der Umgang mit dem Tod. Und das Wichtigste ist, dass wir nie alleine sind. Man erlebt und verarbeitet gemeinsam mit seinem Team die jeweiligen Situationen. 

Das Gespräch führte Melani Köroglu. 

Ihr/e Ansprechpartner/in
Ulrich T. Christenn

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