27. Juni 2022

Ein Jahr nach der Flut

Die Diakonie-Familie hilft weiter

Die Flut im Juli 2021 war eine der größten Naturkatastrophen in der Geschichte des Landes. Mehr als 180 Menschen sind ums Leben gekommen, der materielle Schaden liegt in Milliardenhöhe. Die Folgen bringen Betroffene wie Helfende auch knapp ein Jahr später noch an ihre körperlichen wie seelischen Grenzen. Deshalb steht für die Diakonie Katastrophenhilfe Rheinland-Westfalen-Lippe fest: Wir bleiben.

  • Das mobile Fluthilfeteam aus Stolberg.
  • Helfende im Ahrtal machen eine kurze Pause.
  • Mitarbeitende aus dem Fluthilfeteam haben eine Beratungswoche für Betroffene organisiert.
  • Doris Ganser aus dem Fluthilfeteam berät und unterstützt Betroffene.
  • Sozialarbeiter Obaida Dehna gehört zum Fluthilfeteam in Stolberg und unterstützt eine Frau, die zur Beratungswoche in den Kupferhof gekommen ist.
  • Betroffene aus Kreuzberg im Ahrtal danken den Helfenden.
  • Das mobile Fluthilfeteam aus dem Ahrtal.
  • Psychologin Sabine Elsemann und Sozialpädagogin Tamara Orschler (re.) mit Hündin Luna vor dem Bürocontainer in Kreuzberg.

Die Flutnacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 wird Gabi Gasper nie vergessen. Die gebürtige Altenburgerin harrte gemeinsam mit ihrem Mann Thomas auf dem Garagendach aus. "Autos und Gartenhäuser sind einfach an uns vorbeigeschwommen", berichtet sie. Dabei sei zuerst nur der Keller des Hauses mit Wasser vollgelaufen. "Doch innerhalb kürzester Zeit stieg es bis ins Obergeschoss." Gabi Gasper erinnert sich: "Ich habe meinen Mann gefragt, was wir noch retten können." Dann habe sie sich das Fotoalbum mit Bildern des Sohnes gepackt, der vor knapp sieben Jahren tödlich verunglückt ist. Stunden später, als es schon hell wurde, konnte sich das Ehepaar selbst zu einem der wenigen nicht zerstörten Häuser retten. "Von dort aus wurde ich mit einem Hubschrauber evakuiert, mein Mann ist geblieben", so Gabi Gasper. Denn sie und ihr Mann seien im Ahrtal fest verwurzelt. "Ur-Altenburger", sagt sie. "Auch unsere Familien leben hier." 

Gabi Gasper aus Altenburg im Ahrtal hat bei der Flut alles verloren.

Gabi Gasper aus Altenburg im Ahrtal hat bei der Flut alles verloren.  Auch rund ein Jahr nach der Katastrophe fällt es der Frau schwer, über das Erlebte zu reden.

Alles verloren

Altenburg gehört zu den Orten, die von der Flut am schlimmsten betroffen sind. Rund 95 Prozent der Gebäude sind zerstört. Auch das Haus von Thomas und Gabi Gasper muss abgerissen werden. "Wir waren nicht versichert", so Gasper weiter. Das Paar lebt nun in einer Wohnung im Nachbarort und hofft, sein Haus irgendwann wieder aufbauen zu können. Auch rund ein Jahr nach der Katastrophe fällt es der Frau schwer, über das Erlebte zu reden. "Innerhalb von Stunden haben wir einfach alles verloren", sagt sie und erinnert sich: "In den Wochen danach habe ich nur funktioniert und bis zur Erschöpfung gearbeitet."

In dieser Zeit entstand auch der Kontakt zu Sabine Elsemann. "Sie ist mein Flutgeschenk", sagt Gabi Gasper, die sich auch zwölf Monate nach der Katastrophe noch mit vielen Dingen überfordert fühlt, oft traurig sei, gereizt und permanent müde. "Aber Sabine begleitet mich allmählich ins Leben zurück."

Christoph Pistorius, Vizepräses der Evangelischen Kirche im Rheinland.

"Der Einsatz unserer Seelsorgeteams war zunächst bis Ende August 2022 geplant und wird nun um mindestens ein Jahr verlängert", kündigt Christoph Pistorius, Vizepräses der EKiR, an. 

Seelsorge-Einsatz verlängert

Die Psychologin und Notfallseelsorgerin gehört zum mobilen Fluthilfeteam der Diakonie Katastrophenhilfe Rheinland-Westfalen-Lippe (RWL) im Ahrtal und kümmert sich sowohl um Betroffene als auch um Einsatzkräfte. Koordiniert wird die Arbeit in Kooperation mit der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR).

Und seit Ende Juni steht fest: Die psychosoziale Begleitung der Betroffenen wird fortgesetzt. "Der Einsatz war zunächst bis Ende August 2022 geplant und wird nun um ein Jahr verlängert", kündigt Christoph Pistorius, Vizepräses der EKiR, an. "Denn die Menschen brauchen weiterhin unsere Unterstützung", erklärt Sabine Elsemann. "Unsere Arbeit in der psychosozialen Begleitung ist ein Prozess. Vergleichbar mit einem Kleinkind, das laufen lernt. Man nimmt es an die Hand, es fällt hin, wir helfen ihm auf. Bis es schließlich selbst losläuft. Das ist auch unser Ziel: dass die Menschen hier irgendwann wieder selbst ihr Leben leben können." Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg – auch finanziell. 

Kirsten Schwenke, juristische Vorständin des Diakonischen Werks Rheinland-Westfalen-Lippe.

"Bargeld alleine hilft nicht", betont  Kirsten Schwenke, juristische Vorständin des Diakonischen Werks Rheinland-Westfalen-Lippe.

Millionenhilfen für Betroffene

Deshalb wird die Diakonie Katstrophenhilfe RWL die Menschen auch weiterhin umfassend unterstützen. "Immer wieder hören unsere Mitarbeitenden in den mobilen Fluthilfeteams: ,Bitte vergesst uns nicht!' Für uns steht deshalb fest: Die Diakonie-Familie bleibt vor Ort, solange sie gebraucht wird",  betont Kirsten Schwenke, juristische Vorständin des Diakonischen Werks Rheinland-Westfalen-Lippe. "Doch Bargeld alleine hilft nicht. Unsere Förderung verstehen wir ganzheitlich und bieten neben finanziellen Hilfen auch  individuelle Beratung sowie psychosoziale Begleitung an, sodass den Betroffenen in ihren teils komplexen Problemlagen umfassend geholfen werden kann." Dafür wurden bereits 11,3 Millionen Euro ausgegeben, weitere 25 Millionen sind schon jetzt fest verplant.  

Die Diakonie Katastrophenhilfe RWL investiert die Spendengelder in umfassende Hilfsangebote.

Die Spendengelder der Diakonie Katastrophenhilfe RWL – insgesamt 43,3, Millionen Euro kamen zusammen - werden weiterhin dringend benötigt.

Haushaltsbeihilfen weiter gefragt

Die Spendengelder der Diakonie Katastrophenhilfe RWL – insgesamt 43,3, Millionen Euro kamen zusammen - werden weiterhin dringend benötigt. Angeboten wurden und werden unterschiedliche Finanzhilfen wie Soforthilfen, Haushaltsbeihilfen und Wiederaufbauhilfen, auch ein Härtefallfonds wurde eingerichtet. Der Bedarf an Haushaltsbeihilfen beispielsweise ist weiterhin enorm, weil viele Menschen auch jetzt noch Unterstützung beim Wiederbeschaffen grundlegender Dinge wie Möbel und Haushaltsgeräte benötigen.

Auf Basis der aktuellen Zahlen plant die Diakonie Katstrophenhilfe RWL rund 5,5 Millionen Euro allein für Haushaltsbeihilfen. Bisher sind mehr als 1000 Anträge auf Haushaltsbeihilfe bearbeitet, das entspricht mehr als drei Millionen Euro an ausgezahlten Hilfen allein in dieser Förderlinie. Der größte Teil der Spenden wird in den Wiederaufbau fließen. Aktuell sind dafür mindestens zehn Millionen Euro vorgesehen. "Wir appellieren an die Betroffenen, die vorhandenen Mittel in Anspruch zu nehmen", so Schwenke. Außerdem werden aktuell Programme zum Stärken der sozialen Gemeinschaften vor Ort ausgebaut.  

Heidi Jonas (li.) und Nadine Günther-Merzenich, Leiterin des Fluthilfeteams Euskirchen.

Heidi Jonas (li.) ist dankbar für die Unterstützung von Nadine Günther-Merzenich.

Dankbar für Unterstützung

Heidi Jonas aus Arloff in Bad Münstereifel und ihre Familie gehören zu den Betroffenen, die bereits umfassend von der Diakonie Katastrophenhilfe RWL unterstützt werden konnten. "Wir haben unmittelbar nach der Flut unbürokratische Soforthilfe für das Allernötigste bekommen, außerdem einen Bautrockner." Die Haushaltsbeihilfe sei ebenfalls schon bewilligt. "Das Fluthilfeteam Euskirchen hat uns darüber hinaus bei dem Antrag für Hilfsgelder vom Land unterstützt." Nun will die Familie Wiederaufbauhilfe beantragen und ist dankbar, dass die Diakonie ihr auch dabei helfen wird. Worüber Heidi Jonas besonders glücklich ist: Ihre Tochter, die halbseitig gelähmt ist, kann eine Reittherapie für Flutgeschädigte machen. "Die tut ihr sehr gut, körperlich wie seelisch." Finanziert wird die Therapie mit Spendengeldern der Diakonie. Heidi Jonas: "Dafür sind wir so dankbar."  

Nadine-Günther-Merzenich leitet das mobile Fluthilfeteam in Euskirchen.

Nadine-Günther-Merzenich leitet das mobile Fluthilfeteam in Euskirchen. "Mein Eindruck ist: Die Belastung ist auch nach einem Jahr noch sehr hoch", sagt sie.

Motivierte Fluthilfeteams

Diese Dankbarkeit und die enge Verbundenheit mit den Betroffenen sind es, die Nadine Günther-Merzenich und ihren Kolleg*innen ihre herausfordernde Arbeit enorm erleichtern. Als Leiterin des mobilen Fluthilfeteams Euskirchen erlebt sie die Not der Betroffenen seit Monaten täglich hautnah. "Mein Eindruck ist: Die Belastung ist auch nach einem Jahr noch sehr hoch", sagt sie. "Aber bei uns bekommen die Menschen konkrete, umfassende und bedarfsorientierte Hilfe, nachdem sie vorher oft rumgeschickt wurden und gar nicht wussten, welche Hilfe es überhaupt gibt. Die Diakonie Katastrophenhilfe RWL hat ein sehr gutes und schnell greifendes Angebot, bei uns ist Hilfe auch pragmatisch möglich."

Martin Keßler, Direktor der Diakonie Katastrophenhilfe.

Martin Keßler, Direktor der Diakonie Katastrophenhilfe, fordert ein Jahr nach der Flut: "Aus dieser Katastrophe müssen wir, gerade in Zeiten des fortschreitenden Klimawandels, Konsequenzen ziehen." 

Aufklärung ist wichtig

Martin Keßler, Direktor der Diakonie Katastrophenhilfe, fordert ein Jahr nach der Flut: "Aus dieser Katastrophe müssen wir, gerade in Zeiten des fortschreitenden Klimawandels, Konsequenzen ziehen. Und hier meine ich nicht nur technische Lösungen wie Dämme oder Rücklaufbecken, sondern einen gemeinschaftlichen Ansatz, der die Bevölkerung über die Gefahren aufklärt und befähigt, mit diesen Gefahren umzugehen und sich vorzubereiten. Dazu gehören auch Trainings und Katastrophen- und Evakuierungspläne in den Gemeinden." 

Ebenso wichtig sei Aufklärung, wie Betroffene ihre Häuser möglichst nachhaltig wiederaufbauen können, sodass diese künftigen Katastrophen besser standhalten.  "Denn eins ist klar", so Keßler weiter: "Wir müssen auch künftig mit solchen oder ähnlichen Katastrophen in Deutschland rechnen."

Text: Verena Bretz, Fotos: Andreas Endermann/Diakonie RWL, Uwe Schinkel/EKiR, Frank Schultze/DKH, Privat, Grafik: Ann-Kristin Herbst 

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Verena Bretz
Stabsstelle Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit
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