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Buchbesprechung

Kinder – Minderheit ohne Schutz

Mit ihrer Kampagne „Weil Zukunft mit Kindern beginnt“ weist die Diakonie in diesem Jahr darauf hin, wie stark die aktuelle Politik Kinder und Familien in Deutschland strukturell benachteiligt. Das Buch „Kinder – Minderheit ohne Schutz. Aufwachsen in der alternden Gesellschaft“ war 2025 für den Deutschen Sachbuchpreis nominiert. Es bildet eine theoretische Grundlage für unsere aktuelle Kampagne. Familien-Fachreferent Marvin Schmidt hat es rezensiert: Seine Analyse und konkrete Lösungsvorschläge – etwa generationenübergreifenden Konzepte und mehr nachhaltige Partizipation, gerade auch in demokratischen Prozessen – lesen Sie hier.

Kinder, Jugend, Familien und Frauen
Kinder halten Sprechblasen aus Pappe in die Höhe
Kinder sprechen in ein Mikrofon

Das Buch „Kinder – Minderheit ohne Schutz“ ist kein Sachbuch über Bildung – sondern eines über Gesellschaft. Aladin El-Mafaalani, Sebastian Kurtenbach und Klaus Peter Strohmeier beschreiben Kinder nicht als pädagogische Zielgruppe, sondern als strukturell benachteiligte Minderheit in einer alternden Gesellschaft. Dieser Perspektivwechsel ist entscheidend, weil er den Fokus weg von individueller Förderung und hin zu gesellschaftlicher Verantwortung verschiebt.

Ein zentraler Gedanke des Buches ist dabei ebenso einfach wie folgenreich: Wenn Kinder als Minderheit ohne politischen Schutz leben, dann reichen klassische Bildungsinstitutionen nicht mehr aus. Schulen und Kitas können nicht länger isoliert als Lernorte gedacht werden. Sie sind Lebensorte – oder sie verlieren ihre Wirksamkeit. El-Mafaalani spricht hier sehr bewusst von einer notwendigen Neuordnung: weg von der Schule als abgeschlossener Institution, hin zu einer Art Campus, in dem Bildung, Betreuung, Beratung, Freizeit und soziale Unterstützung zusammengedacht werden.

Familien-Fachreferent Marvin Schmidt, Diakonie RWL

Familien-Fachreferent Marvin Schmidt 

Orte, die Kindheit tragen können

Diese Idee zielt nicht auf kosmetische Reformen. Es geht nicht um eine zusätzliche Sozialarbeiterstelle oder ein weiteres Projekt. Vielmehr fordern die Autoren eine grundlegende Verantwortungsteilung: Schule, Jugendhilfe, Sozialarbeit, Quartier und Kommune müssen sich gemeinsam als Träger kindlicher Lebenswelten verstehen. Multiprofessionalität ist dabei kein Zusatz, sondern Voraussetzung. Lehrkräfte, Erzieher*innen, Sozialpädagog*innen, Therapeut*innen und Akteur*innen des Sozialraums bringen jeweils eigene Perspektiven ein – und erst in ihrem Zusammenspiel entsteht ein Ort, der Kindheit tatsächlich tragen kann. 

Für mich ist dieser Gedanke besonders anschlussfähig, weil er einen stillen, aber zentralen Zusammenhang sichtbar macht: die Frage nach Zeit. Nicht als individuelle Ressource, sondern als strukturelle Kategorie. In einem Schulsystem, das stark auf Verdichtung, Taktung und Zuständigkeitstrennung setzt, geht Zeit verloren – Zeit für Beziehung, für Übergänge, für Zuhören, für Korrektur von Fehlentwicklungen. Der Campus Gedanke ist deshalb auch ein Gegenentwurf zur permanenten Beschleunigung. Er schafft Räume, in denen Zeit geteilt wird, statt sie weiter zu fragmentieren.

Verschobene Verantwortung

Das Buch macht deutlich, dass viele der heutigen Überforderungen genau dort entstehen, wo Verantwortung nicht geteilt, sondern verschoben wird. Kitas und Schulen sollen vieles auffangen, was anderswo strukturell fehlt – stabile soziale Netze, erreichbare Unterstützungsangebote, sichere Räume im Quartier. Gleichzeitig wird von ihnen erwartet, effizient, messbar und leistungsorientiert zu funktionieren. Diese Logik ist fatal, weil sie Kindheit auf Durchlauf reduziert, statt sie als eigenständige Lebensphase ernst zu nehmen.

Hier berührt sich die Analyse des Buches unmittelbar mit der Jahreskampagne der Diakonie RWL „Weil Zukunft mit Kindern beginnt“. Die Kampagne setzt an genau derselben Stelle an: bei der Frage, wie Beteiligung, Schutz und Teilhabe strukturell organisiert werden können. Sie macht deutlich, dass es nicht reicht, Kinder mitzudenken – sie müssen Teil von Entscheidungs- und Gestaltungsprozessen sein. Das gilt für politische Ebenen ebenso wie für den konkreten Alltag in Einrichtungen und Sozialräumen.

Verantwortung braucht Räume

Beteiligung bedeutet in diesem Verständnis mehr als ein pädagogisches Instrument. Sie ist Ausdruck eines anderen Gesellschaftsbildes. Wenn Schulen und Kindertagesstätten als Teil eines sozialen Campus gedacht werden, dann entstehen neue Möglichkeiten: Kinder erleben Erwachsene in unterschiedlichen Rollen, Zuständigkeiten greifen ineinander, Verantwortung verteilt sich. Vor allem aber entsteht ein Raum, in dem Kinder nicht ständig zwischen Systemen wechseln müssen – und damit Anschluss verlieren.


„Kinder – Minderheit ohne Schutz“ zeigt, dass Zukunft nicht an fehlenden Konzepten scheitert, sondern an zu engen Strukturen. Das Buch fordert dazu auf, Schule, Kita und Quartier neu zu denken – nicht als isolierte Zuständigkeiten, sondern als gemeinsame Lebenswelt. In einer Zeit, in der Kinder immer mehr Belastungen tragen sollen, ist das keine pädagogische Vision, sondern eine gesellschaftliche Notwendigkeit.
 

Eine Gesellschaft, die Kinder schützen will, muss ihre Institutionen öffnen.
Eine Gesellschaft, die Zukunft mit Kindern beginnen lässt, muss Verantwortung teilen.

Text: Marvin Schmidt, Quelle: Aladin El-Mafaalani, Sebastian Kurtenbach, Klaus Peter Strohmeier, Kiepenheuer & Witsch, Kinder – Minderheit ohne Schutz – Aufwachsen in der alternden Gesellschaft, 2025, Fotos: shutterstock.com / Romberi, shutterstock.com / Studio Romantic

Cover Buch A. El Mafaalani, S. Kurtenbach, P. Strohmeier, Kiepenheuer & Witsch, Kinder – Minderheit ohne Schutz – Aufwachsen in der alternden Gesellschaft, 2025

Ansprechperson

Julian Engelmann
Referent
Politik und Kommunikation
J.Engelmannatdiakonie-rwl.de

Infos zum Buch

Verlag: Kiepenheuer&Witsch
Erscheinungstermin: 16.01.2025
Lieferstatus: Lieferzeit 1-2 Tage
ISBN: 978-3-462-00752-7
288 Seiten
Autoren: Aladin El-Mafaalani, Sebastian Kurtenbach, Klaus Peter Strohmeier