Neuer Mut für Trennungskinder
Für Paul gab es seit der Trennung seiner Eltern eine Menge Probleme. Mit dem Ärger und der Trauer über die Situation fühlte er sich allein. Deshalb verhielt er sich rebellisch, störte in Gruppen, wo immer er konnte. So war es auch, als er in die Gruppe für Kinder aus Trennungsfamilien der Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Erwachsene der Diakonie Schwerte kam. Aber das änderte sich. "Die anderen Kinder haben es immer wieder geschafft, ihn miteinzubeziehen", erinnert sich Psychotherapeutin und Gruppenleiterin Birte Berkenkopf. Der Junge wurde ruhiger. Und am Ende war er in der Lage, sich zu öffnen und die Hauptursache für seinen Frust zu benennen: Die neue Geschwisterkonstellation in der Patchworkfamilie, in der er nach der Trennung der Eltern lebte. Nun konnte er gemeinsam mit der Gruppenleiterin nach Lösungen suchen.

Die Erfahrung, nicht allein zu sein
Viele Kinder kämen mit belastenden Gefühlen, mit denen sie allein schlecht fertig würden, sagt Berkenkopf. In der Gruppe machten sie die Erfahrung, dass sie damit nicht allein seien und auch andere Kinder mit der Trennung der Eltern zu kämpfen hätten. Viele litten zuvor unter dem Gefühl, dass etwas mit ihnen nicht stimme, beobachtet der Psychotherapeut Stefan Uhlenbrock, der vor mehr als 20 Jahren das Konzept für die Trennungskindergruppe entwickelte. In der Gruppe erlebten Kinder dann, dass Gefühle wie Wut und Trauer über die Trennung ihrer Eltern völlig in Ordnung seien. "Kinder erkennen dann oft: Ich bin ja gar nicht falsch", sagt Uhlenbrock. – Eine wesentliche Erkenntnis, die Problemen vorbeugen kann, wie sie viele Scheidungskinder ihr Leben lang mit sich herumschleppen.
Viele Kinder litten zum Beispiel sehr unter dem Loyalitätskonflikt, den zerstrittene Eltern bei ihnen auslösten, sagt Uhlenbrock. Auch das Gefühl, schuld an der Trennung zu sein, belaste viele. In zehn Gruppensitzungen, die jeweils unter einem Thema stehen, werden diese Fragen besprochen. In jeder Gruppe sind vier bis acht Kinder im Alter zwischen sechs bis maximal 14 Jahren zusammen. Die Gruppen werden so zusammengestellt, dass die Kinder altersmäßig zusammenpassen. "Schon nach der ersten anderthalbstündigen Sitzung sehen wir, dass die Kinder sehr vertraut miteinander sind", sagt Berkenkopf. Sie können nach dem ersten Treffen entscheiden, ob sie wiederkommen möchten. "Ich habe aber noch nie erlebt, dass ein Kind nicht mehr teilnehmen will", sagt Berkenkopf.

Positive Seite der Trennung
Die Kinder erlebten in der Gruppe Solidarität und stärkten sich gegenseitig, stellt Uhlenbrock fest. Schüchterne Kinder würden mutiger und rebellische mit der Zeit ruhiger. "Es ist oft schon eine große Entlastung für sie zu sehen, dass andere Kinder ähnliche Erfahrungen machen." Ein wichtiger Teil der Gruppenarbeit besteht darin, dass die Kinder lernen, ihre Wünsche zu äußern. Dazu schreiben sie die Wünsche zunächst auf. Dann besprechen sie gemeinsam, was realistisch ist und was sich nicht verwirklichen lässt. "Dass die Eltern wieder zusammenkommen und alle wieder eine glückliche Familie sind, ist beispielsweise ein unrealistischer Wunsch", erklärt Uhlenbrock. Hingegen gebe es auch Dinge, die sich durchaus ändern ließen. Wenn ein Kind zum Beispiel seinen Vater öfter sehen möchte oder unter der Übergabesituation beim Besuch des anderen Elternteils leide, könne nach Lösungen gesucht werden. Und nicht zuletzt zeigt die Arbeit in der Gruppe den Kindern auch Wege auf, sich mit der neuen Lebensrealität anzufreunden. So gebe es auch positive Aspekte, sagt Uhlenbrock. Manche Kinder berichteten etwa, dass es toll sei, ihren Geburtstag nun zweimal feiern oder zweimal in den Urlaub fahren zu können – einmal mit der Mutter und einmal mit dem Vater.

Wünsche an die Eltern
Um ihre Wünsche gegenüber den Eltern äußern zu können, brauchen viele Kinder Bestärkung. "Falls sie sich nicht trauen, direkt mit Mutter oder Vater zu sprechen, kann das auch in einem Brief oder per WhatsApp geschehen", sagt Stefan Uhlenbrock. "Es ist immer ein gutes Zeichen, wenn Eltern uns zurückmelden, dass ihre Kinder sich Veränderungen wünschen. Dann wissen wir, dass es funktioniert." Wenn die Kinder es selbst gar nicht schaffen, sich gegenüber den Eltern zu äußern, können das auch die Gruppenleitungen übernehmen. Allerdings nur auf ausdrücklichen Wunsch der Kinder. Denn grundsätzlich sprechen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nur über die Themen, die die Kinder ausdrücklich freigeben, sagt Uhlenbrock.
Die Eltern werden aber dennoch mit einbezogen. Denn ihr Umgang mit der Situation sei ja letztlich entscheidend dafür, dass es ihrem Kind besser gehe, betont Stefan Uhlenbrock. Deshalb ist auch die Zustimmung beider Eltern zur Trennungskindergruppe Voraussetzung für die Teilnahme des Kindes. Denn Mutter und Vater müssen bereit sein, an zwei Elternabenden teilzunehmen. Oftmals bestehe der Kontakt zu den Eltern aber ohnehin schon dadurch, dass sie zur Elternberatung kämen, sagt Birte Berkenkopf.

Frühe Hilfen wirken präventiv
Oft sind Kinder nach den zehn Gruppensitzungen gestärkt und kommen besser mit der neuen Lebensrealität klar. Bei tiefergreifenden Problemen werden die Kinder und Familien aber nach Ende der Gruppentreffen nicht einfach sich selbst überlassen. Manche Eltern kommen dann weiter zur Trennungsberatung, oder – bei sehr zerstrittenen Paaren – einzeln zur Mutter- oder Vaterberatung. Auch die Kinder bekommen mit auf den Weg, dass sie stets eigenständig in der Beratungsstelle Hilfe suchen können.
Manche kämen auch Jahre später wieder, wenn zum Beispiel in der Pubertät neue Konflikte mit den Eltern aufträten, sagt Uhlenbrock. Es gebe auch Kinder, bei denen im Laufe der Gruppenarbeit deutlich werde, dass sie psychotherapeutische Hilfe brauchten, stellen Uhlenbrock und Berkenkopf fest. Etwa wenn ein Kind drohe, eine Angststörung zu entwickeln oder in eine Depression rutsche. Dann wenden sich die Gruppenleitungen an die Eltern und vermitteln in dringenden Fällen auch schon einmal einen Psychotherapeuten oder eine Psychotherapeutin. Durch diese frühen Hilfen könnten spätere psychische Störungen verhindert werden, sagt Berkenkopf. „Bleibt die Hilfe aber aus, so wird es langfristig sehr viel schwieriger die Menschen zum Beispiel in ihrer Beziehungsfähigkeit zu unterstützen, wenn sich die Probleme verfestigt haben."

Birte Berkenkopf (links) und Stefan Uhlenbrock. (Foto: Diakonie Schwerte)
Unsichere Finanzierung
Dennoch steht die Finanzierung der Trennungskindergruppe immer wieder in Konkurrenz zu den vielen anderen wichtigen Angeboten. Grundsätzlich stehen für die Arbeit in der Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Erwachsene bei gleichbleibenden und zum Teil gedeckelten Zuschüssen sowie steigenden Problemlagen zu wenige Fachkraftstellen zur Verfügung. "In Schwerte sichern wir die Finanzierung der Trennungskindergruppe mit Hilfe von Spenden sowie aus Kollekten der Evangelischen Kirche von Westfalen", sagt Stefan Uhlenbrock. Die Finanzierung zusätzlicher Fachkraftstellen ist durch die Kostenträger derzeit nicht vorgesehen. Auch der Träger kann kein zusätzliches Personal aus eigener Tasche bezahlen. Die Beratungsstelle leidet – so wie viele andere Einrichtungen – darunter, dass die Refinanzierung durch das Land die über die Jahre deutlich gestiegenen Personalkosten nicht ausgleicht. Zudem steht perspektivisch weniger Geld zur Verfügung, wenn das Kirchensteueraufkommen rückläufig ist.
Die Beratungsstelle würde gerne ihr Angebot an Trennungskindergruppen ausweiten. Bislang kann das Angebot dank Spenden zweimal jährlich realisiert werden. "Sollte dies in Zukunft nicht mehr möglich sein, müssten die Prioritäten neu überdacht werden", so Birte Berkenkopf. "Angesichts der hohen Zahl an Scheidungskindern und Familien mit Unterstützungsbedarf wäre es wünschenswert, wenn alle Akteure Geld für entsprechende Angebote bereitstellen", fordert Stefan Uhlenbrock.
Text: Claudia Rometsch, Fotos: Canva/Diakonie Schwerte




