Warum Bildung Geld kostet und klare Regelungen braucht
Den NRW-Landtag kennt Dagmar Roloff bislang nur von außen: Weil sie auf der Wiese vor dem Gebäude bereits mehrfach für eine stabile soziale Infrastruktur oder gegen geplante Kürzungen im sozialen Bereich demonstriert hat. „Aber heute bin ich zum ersten Mal drinnen“, sagt die Koordinatorin für den Bereich Bildung und Erziehung im evangelischen Verein für Jugend- und Familienhilfe Kaarst. „Diese Chance möchte ich nutzen, um den anwesenden Landtagsabgeordneten zu zeigen, wie umfassend und qualitativ hochwertig unser Bildungs- und Erziehungsangebot im Offenen Ganztag ist. Seit Jahren verbessern wir als Träger stetig die Qualität unserer Arbeit. Dennoch warten wir bis heute auf angemessene strukturelle Rahmenbedingungen, Qualitätsstandards und eine auskömmliche Finanzierung. Das darf nicht länger sein!“

Ulrike Peter, Bereichsleiterin Schule bei der Diakonie im evangelischen Kirchenkreis Dinslaken, Dagmar Roloff, Koordinatorin Fachbereich Bildung und Erziehung im evangelischen Verein für Jugend- und Familienhilfe Kaarst, Oberkirchenrätin Henrike Tetz, Evangelische Kirche im Rheinland (v.l.)
Auf dem Weg zum Diakonie-Siegel
Dagmar Roloff, die als ehemalige OGS-Leitung aktuell elf OGS in Grevenbroich koordiniert, betreut beim Parlamentarischen Frühstück zum Thema „Ganztägige Bildungschancen für alle Schüler*innen in Nordrhein-Westfalen – Offene Ganztagsschulen und der Rechtsanspruch ab August 2026“ den Tisch „Bildung“ und präsentiert dort gemeinsam mit ihrer Kollegin Anja Weingran das Qualitätssiegel für OGS, das der evangelische Verein für Jugend- und Familienhilfe Kaarst derzeit gemeinsam mit anderen Trägern erarbeitet.
„Das, was wir uns eigentlich vom Land gewünscht hätten, machen wir jetzt einfach selbst“, beschreibt Weingran den Prozess. „Das Bundesrahmenhandbuch Diakonie-Siegel ,Bildung und Betreuung für junge Menschen im Ganztag’ dient uns dabei als Leitfaden und bringt enorm viel.“ Weingran erhofft sich von dem neuen Siegel, das regelmäßig überprüft werden soll, neben einer Qualitätsverbesserung der eigenen Arbeit auch eine bessere Außenwirkung.
„Seit Jahren kämpfen wir dafür, dass unsere Arbeit gesehen und wertgeschätzt wird. OGS ist kein Anhängsel der Schulen“, kritisiert Dagmar Roloff das Bild, das in der Öffentlichkeit leider manchmal noch gezeichnet werde. „Wir haben einen Bildungsauftrag und machen ein qualifiziertes Bildungsangebot. Wir arbeiten daran, dass Lehrer*innen und OGS-Kräfte in multiprofessionellen Teams gemeinsam das Beste für die Kinder ermöglichen.“ Festgeschriebene Qualitätsstandards gäben dabei alle Beteiligten, den Kindern und den Eltern, den Schulen, den Kommunen und den Fachkräften, mehr Sicherheit. Roloff: „Mit unserem Qualitätssiegel legen wir die Basis für das längst überfällige Ausführungsgesetz.“
Oberkirchenrätin Henrike Tetz von der Evangelischen Kirche im Rheinland stimmt zu: „Das Gesetz ist der Schlüssel zur Qualität.“ Aufgabe und Bedeutung von OGS würden derzeit leider noch zu oft unterschätzt. Deshalb brauche es rechtsverbindliche Aussagen. Tetz weiter: „Kinder verbringen die meiste Zeit in der Schule, deshalb müssen wir uns gemeinsam gut überlegen, welche Orte das für sie sein sollen.“

Anja Weingran (li.) und Dagmar Roloff (re.), beide Koordinatorinnen im Bereich Bildung und Erziehung im evangelischen Verein für Jugend- und Familienhilfe Kaarst, mit Andrea Reh, SPD-Abgeordnete des Landtags NRW.
Kostenloses Mittagessen
Das kostenlose Mittagessen ist Thema am Nachbartisch mit dem Titel „Erziehung“, den Ulrike Peter, Bereichsleiterin Schule bei der Diakonie im evangelischen Kirchenkreis Dinslaken, betreut. Im Jahr 2023 hat die Dinslakener Diakonie das Modellprojekt „Kostenloses Mittagessen für Grundschüler“ beispielhaft an einer OGS ins Leben gerufen. Heißt: Dreieinhalb Monate lang gab es für 80 Kinder täglich eine warme, gesunde Mahlzeit. Finanziert wurde das Ganze mit Spenden, die das Team der Diakonie generiert hatte. „Wir konnten beobachten, wie sich die Gemeinschaft und die Stimmung in der OGS deutlich verbesserten“, berichtet Ulrike Peter. Außerdem sei eine gute Ernährung die Basis für ein gesundes Aufwachsen. Dennoch sei die Fortsetzung des Projekts über Spenden im Anschluss gescheitert. Peter: „So etwas funktioniert leider nicht über Freiwilligkeit. Deshalb plädieren wir dafür, dass ein kostenloses Mittagessen in Grundschulen der Regelfall wird.“

Ulrike Peter, Bereichsleiterin Schule bei der Diakonie im evangelischen Kirchenkreis Dinslaken, mit Rainer Schmeltzer, Vizepräsident des Landtags, und Christian Heine-Göttelmann, Vorstand Diakonie RWL.
Arbeit auf Augenhöhe
Katja Heitmann, Referatsleitung Offener Ganztag an Schulen im evangelischen Kirchenkreis Gelsenkirchen und Wattenscheid, erlebt in ihrer täglichen Arbeit immer wieder, was Armut bedeutet. „Bei uns in Gelsenkirchen sind die Herausforderungen noch größer als anderswo.“ Umso wichtiger sei es, die Kinder ganzheitlich in den Blick zu nehmen. Unter dem Motto „Betreuung“ präsentiert sie beim Parlamentarischen Frühstück gemeinsam mit Vertreterinnen der Abteilung Schul- und Bildungsentwicklung der Stadt Gelsenkirchen, wie gute Betreuung gelingen kann, wenn alle Beteiligten, also die Jugendhilfeträger und die Kommunen, sich zusammentun und „sich auf Augenhöhe und sehr wertschätzend begegnen“.
Maßgeblich für das Gelingen seien eine gemeinsame Arbeitsweise und eine gemeinsame Haltung. „Wir begreifen Schule als Haus des Lernens, in dem alle Kinder gesehen und ihre Rechte ernst genommen werden“, sagt Heitmann. Sie kritisiert, dass wegen des fehlenden Ausführungsgesetzes klare Standards und eine sichere Finanzierung für den Offenen Ganztag fehlten. „Wir brauchen Bildung und Bildung kostet Geld. Aber es darf nicht sein, dass gute Bildungsangebote davon abhängen, wie viel Geld eine Kommune hat.“ Beim Parlamentarischen Frühstück habe sie das Gespräch mit Jochen Ott, Vorsitzender der SPD-Fraktion im NRW-Landtag, gesucht, der sie in der Forderung bestärkt habe, dass Bildung und Offener Ganztag einen festen Rahmen und einheitliche Regelungen brauchten.

Katja Heitmann, Leitung Arbeitsfeld Offener Ganztag an Schulen im evangelischen Kirchenkreis Gelsenkirchen und Wattenscheid.
Für eine angemessene Finanzierung
Auch Rainer Schmeltzer (SPD), Vizepräsident des Landtags, der die Gäste begrüßte, machte sich in zahlreichen Gesprächen ein Bild von der Situation der OGS vor Ort und würdigte die Arbeit der diakonischen und evangelischen Träger im Ganztag in NRW: „Für viele Kinder machen Sie den Unterschied.“ Christian Heine-Göttelmann, Vorstand der Diakonie RWL, die gemeinsam mit dem NRW-Landtag zu der Veranstaltung eingeladen hatte, nahm das Lob gerne an, blieb aber dennoch klar in seinen Forderungen: „Um die OGS zukunftsfähig zu gestalten, braucht es ein Gesetz mit klaren Qualitätsstandards sowie eine angemessene und gesicherte Finanzierung.“ Das Fehlen eines Gesetzes sorge für Unsicherheit, Uneinheitlichkeit und erschwere die nachhaltige Planung und Entwicklung der OGS.

Christian Heine-Göttelmann, Vorstand Diakonie RWL.
Erfolgreiches NRW-Modell
Kirsten Schwenke, Vorständin der Diakonie RWL und ebenso in ihrer Funktion als Vorsitzende der Freien Wohlfahrtspflege NRW zu Gast beim Parlamentarischen Frühstück, sagt: „Die Veranstaltung hat gezeigt, wie präsent das wichtige Thema Bildung, und da speziell der Offene Ganztag, ist. Gute Bildungschancen für jungen Menschen sind das Fundament unserer Demokratie und müssen deshalb gestärkt werden. In der Freien Wohlfahrtspflege Nordrhein-Westfalen arbeiten die verschiedenen Verbände insbesondere beim Thema Ganztag sehr eng, vertrauensvoll und effektiv zusammen. 80 Prozent der Plätze im Offenen Ganztag in NRW sind in der Trägerschaft der Freien Wohlfahrt. Dieses erfolgreiche nordrhein-westfälische Modell gilt es jetzt, mit Beginn des Rechtsanspruchs, nachhaltig zu stärken und zukunftsfest zu machen.“

Kirsten Schwenke (li.), Vorständin Diakonie RWL und Vorsitzende der Freien Wohlfahrtspflege NRW, Ulrike Kilp-Aranmolate, Geschäftsführerin Diakonisches Werk Solingen.
Ausführungsgesetz muss kommen
Als OGS-Experte und Mit-Organisator des Parlamentarischen Frühstücks nimmt Björn-Christian Jung, Referent im Geschäftsfeld Familie und junge Menschen der Diakonie RWL, viel Positives aus der Veranstaltung mit: „Ich freue mich, dass das Thema Ganztag bei den anwesenden Abgeordneten auf großes Interesse gestoßen ist und wir den baldigen Rechtsanspruch auf Ganztagsförderung in lockerer Atmosphäre diskutieren konnten.“ Besonders dankbar sei er den drei Trägern, die stellvertretend für alle ihre Arbeit präsentierten „und so unsere diakonisch-evangelische Haltung deutlich machen konnten“. Und weiter: „Ich bin mir sicher, dass wir unsere Forderungen nach einem Ausführungsgesetz und die damit verbundenen besseren Rahmenbedingungen in Bezug auf Finanzierung, Personal und Räume heute noch einmal deutlich machen konnten. Der Evangelische Fachverband Ganztagsangebote an Schule Rheinland-Westfalen-Lippe wird seine Lobbyarbeit für das wichtige Thema Bildung fortsetzen.“
Text: Verena Bretz, Fotos: Katharina Kindsmüller, Verena Bretz, Studio Romantic / shutterstock.com










