23. September 2021

Ehrenamtliche im Hochwassergebiet

"Eine Welle der Hilfsbereitschaft"

Was tun, wenn plötzlich tausende Freiwillige vor der Tür stehen – bereit, mit anzupacken? Viele diakonische Einrichtungen im Hochwassergebiet haben in den vergangenen Wochen Helfer koordiniert: Denn sie kennen die Strukturen vor Ort am besten und wissen, wo Hilfe nötig ist. Soforthilfen auszahlen, Bautrockner verteilen und Spenden zwischenlagern – die Einsatzgebiete sind vielfältig.

  • Gemeinsam anpacken: Die Freiwilligenzentrale Hagen koordiniert die Einsätze der Freiwilligen und Ehrenamtlichen wie hier das Zwischenlagern von Wasserspenden. (Foto: ​Freiwilligenzentrale Hagen)
  • Thomas Arend, Presbyter und Ehrenamtler in der Evangelischen Kirchengemeinde in Rheinbach, schaut nach dem Fortschritt bei den Renovierungsarbeiten im Jugendzentrum nach der Hochwasserkatastrophe. (Foto: Frank Schultze/Diakonie Katastrophenhilfe)
  • Volles Lager: In Hagen türmen sich die von der Freiwilligenzentrale gelagerten Spenden wie Bettwaren und Kleidung. (Foto: Freiwilligenzentrale Hagen)

Stephanie Krause kann so leicht nichts erschüttern: Im Juli baute die Leiterin der Hagener Freiwilligenzentrale innerhalb von drei Tagen nach dem Hochwasser einen Krisenstab mit der Stadt auf. Das Ziel: Ehrenamtliche genau dorthin zu lotsen, wo die Not gerade am nötigsten war. Mehr als 5.000 Menschen hat das Team allein in der ersten Woche nach dem Unwetter koordiniert.

"Es war eine überwältigende Welle der Hilfsbereitschaft", erzählt Stephanie Krause, seit 16 Jahren Leiterin der Freiwilligenzentrale, die unter anderem von der Diakonie Mark-Ruhr gegründet wurde. "Am Anfang ging es um räumen, räumen, räumen." Gleichzeitig seien große Mengen an Sachspenden und Lebensmittel eingetroffen, die gelagert und verteilt werden mussten.

Stephanie Krause, Leiterin der Hagener Freiwilligenzentrale

Lange Schlangen vermeiden: Stephanie Krause, Leiterin der Hagener Freiwilligenzentrale, koordiniert den Einsatz der Helfenden.

Lange Schlangen von Freiwilligen vermeiden

Die Freiwilligenzentrale war zwar selbst vom Hochwasser betroffen, hatte aber Glück: "In unmittelbarer Nähe stand ein Büro mit acht Telefonanschlüssen leer. Dort sind wir eingezogen, haben die neuen Nummern kommuniziert und konnten loslegen." Zehn Mitarbeitende der Stadtverwaltung und fünf Ehrenamtliche der Freiwilligenagentur haben auf diese Weise Helfer und Hilfesuchende zusammengebracht. "Wir wollten Schlangen von Freiwilligen vermeiden, die dann im Wege stehen", betont Stephanie Krause. Für die Helfer gab es daher genaue Informationen: Wo kann ich parken? Wie muss ich mich ausstatten? Was ist die konkrete Aufgabe? Welches Material ist nötig? Und welchen Versicherungsschutz gibt es?

Mittlerweile hat die Freiwilligenzentrale die Akut-Phase hinter sich. "Jetzt geht es um andere Aufgaben: Wir kommunizieren Notfallseelsorge-Nummern und erklären, wo man finanzielle Unterstützung oder Sachleistungen beantragen kann", so Krause. Außerdem entlastet das Team die Handwerker vor Ort, indem es Anfragen annimmt und koordiniert. "Die Handwerker kommen ja sonst aus dem Telefonieren gar nicht mehr heraus. Alle Betroffenen brauchen gerade dieselben Dienstleistungen."

Presbyter und Ehrenamtler Thomas Arend in Rheinbach

Mit anpacken: Presbyter Thomas Arend unterstützte in seiner Freizeit beim Auszahlen von Soforthilfen für betroffene Haushalte in Rheinbach.

Auch Ehrenamtliche stoßen an Grenzen

So wie die Freiwilligenzentrale haben viele Einrichtungen vor Ort in den vergangenen Wochen koordiniert: Thomas Arend beispielsweise ist Presbyter der evangelischen Kirchengemeinde in Rheinbach. Viele Häuser dort sind massiv beschädigt. "Die Menschen haben ihr gesamtes Hab und Gut verloren.“

Ehrenamtlich und unbürokratisch zahlten Thomas Arend und sein Kollege Karl-Heinz Carle Soforthilfen aus Spendengeldern der Diakonie Katastrophenhilfe aus. "Über mehrere Tage standen insgesamt gut 300 Antragsteller bis zu zwei oder drei Stunden vor der Kirche Schlange. Einigen ging es mental sehr schlecht", so Arend. "Es geht auch an mir nicht spurlos vorüber, wenn ich mehr helfen möchte und müsste, als ich im Augenblick kann – und ich Menschen auf den nächsten Tag vertrösten muss."

Übergabe eines Trockners durch Martin Kessler von der Diakonie Katastrophenhilfe

Direkte Unterstützung: Bautrockner sind in den Flutregionen Mangelware. Die Diakonie RWL verteilt in den Städten und Gemeinden Geräte.

Nach der Arbeit Bautrockner ausliefern

Auch viele Mitarbeitende des Diakonischen Werkes Bonn und Region haben tagelang ehrenamtliche Hilfe geleistet und koordiniert, etwa beim Aufräumen, der Verteilung von Trocknungsgeräten und Heizlüftern sowie der Betreuung von Kindern."Das Engagement der ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer war und ist überwältigend", sagt Geschäftsleiterin Marion Schaefer.

"Das ist etwas, was aus diesen schwierigen Zeiten in guter Erinnerung bleiben wird." Nadine Günther-Merzenich, Geschäftsführerin des Diakonischen Werks Euskirchen, bestätigt das: Jeder Mitarbeitende habe hier in den ersten fünf bis sechs Wochen nach der Flut bis zu eine Woche Extra-Arbeitszeit investiert, schätzt sie. Und erzählt von Verwaltungsangestellten, die nach der Arbeit noch Lufttrockner ausgeliefert haben. Oder von einer Schulbegleiterin, die zusammen mit ihrem Mann ehrenamtlich Mittagessen und Sachspenden ausgegeben hat.

Zwei Helferinnen mit spärlich gefülltem Teller

Pause zwischen Schutt und zerstörtem Klavier: In Ahrweiler hat das Hochwasser viel zerstört.

Auch in Zukunft unterstützen

"In den ersten Tagen sind Ehrenamtliche von Ort zu Ort gefahren und haben einfach Sachen ausgeliefert", erzählt Nadine Günther-Merzenich. "Da fehlte es an allem: Wasser, Lebensmittel, auch Atemschutzmasken." Selbst Geld gab es nicht, denn die Bankautomaten funktionierten nicht mehr.

"Das ehrenamtliche Engagement ist wirklich sehr vielfältig. Jeder konnte sich einbringen – egal, mit welchen Fähigkeiten." Die Geschäftsstelle des Diakonischen Werkes in Euskirchen war hierfür eine wichtige Anlaufstelle. Denn sie war glücklicherweise nicht von der Flut betroffen, und schon wenige Tage später gab es wieder Strom, Internet und Telefon. "Auch in Zukunft koordinieren wir hier die Fluthilfe", so Günther-Merzenich. Gerade werden hier mobile Teams geschaffen, die ganz praktisch vor Ort Betroffene unterstützen.

Text: Ilka Hahn und Jörg Stroisch
Fotos: Freiwilligenzentrale Hagen, Frank Schultze/Diakonie Katastrophenhilfe und Bernd Bazin.

Ihr/e Ansprechpartner/in
Ilka Hahn
Stabsstelle Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit
Weitere Informationen
Ein Artikel zum Thema:
Ehrenamt
Bewerten Sie diesen Artikel
Durchschnittliche Bewertung: 1.6 (14 Stimmen)