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Jahresbericht Abschiebungsbeobachtung

Die andere Perspektive – wie Menschen ihre Abschiebung erleben

Frühmorgens, Flughafen Düsseldorf. Eine Frau wird von drei Bundespolizist*innen aus dem Auto der Ausländerbehörde bis in das Abschiebungsterminal am Flughafen Düsseldorf begleitet. An ihrer Hand läuft eines ihrer Kinder, das andere Kind trägt sie im Arm. Hinter jeder Abschiebung steckt eine Geschichte. Eine von vielen lesen Sie hier. 

Flucht und Migration
Flugzeug am Flughafen hebt ab, im Vordergrund ein Zaun
© Gerain0812 / Shutterstock.com

Zwei der Bundespolizist*innen schieben einen Gepäckwagen hinter der Frau und ihren beiden Kindern her. Sie werden in eine große, helle Eingangshalle geführt. Hier befinden sich bereits mehr als hundert Bundespolizist*innen – einige uniformiert und bewaffnet – einige in ziviler Kleidung und unbewaffnet. Die Polizist*innen reden mit ihren Kolleg*innen, essen Brötchen oder plaudern entspannt. Nur einige schauen zu der Familie hinüber.

Die zwei Begleitbeamt*innen, die die Frau und ihre Kinder aus dem Auto der Ausländerbehörde abgeholt haben, gehen schweigend mit ihnen zur Gepäckannahme und geben ihnen zu verstehen, dass sie sich kurz hinsetzen sollen, solange ihr Gepäck aufgegeben wird. Dann geht es weiter; ein paar Beamt*innen in ziviler Kleidung stellen sich bei ihnen vor und geben ihnen eine weiße Papiertüte mit Brötchen, Wasser und einem Schokoriegel. Von dort werden sie in den Wartebereich des Terminals geführt. Im Wartebereich sitzen bereits etwa 40 Personen – Familien mit kleinen Kindern, Einzelpersonen oder ältere Personen. Auch neben den anderen Personen sitzen Beamt*innen der Bundespolizei in ziviler Kleidung.

Die anderen Menschen im Wartebereich wirken müde, erschöpft, ebenso wie die Frau. Einige Kinder stehen an der Scheibe und schauen sich die Flugzeuge auf dem Rollfeld an – für manche von ihnen ist es der erste Flug in ihrem Leben, und sie sind aufgeregt. Andere Kinder sitzen neben ihren Eltern, reden nicht und schauen auf den Boden.

Die Frau setzt sich mit ihren Kindern auf die aufgereihten Stühle. Sie schaut in ihre Tüte mit dem Brötchen, rührt es aber nicht an. "Möchten Sie nichts essen?", fragt eine Beamtin neben ihr. Die Frau schüttelt den Kopf und sagt, ihr sei schlecht, sie könne nichts essen. Nach einer kurzen Pause wendet sie sich mit leiser Stimme an die Beamtin und fragt: "Können Sie mir helfen? Wo sollen wir denn hingehen? Mein Sohn ist hier zur Schule gegangen. Wir haben keine Wohnung, wo sollen wir denn schlafen?"
 

Abschiebungsbeobachterin Judith Fisch

Abschiebungsbeobachterin Judith Fisch am Flughafen Düsseldorf. Zu ihren Aufgaben gehört es zu dokumentieren, ob während der Abschiebungen humanitäre Standards gewahrt werden und die ergriffenen Maßnahmen verhältnismäßig sind.

Ungewisse Zukunft

Auch viele der anderen Personen sprechen mit den Beamt*innen neben ihnen. Sie haben ähnliche Fragen wie die Frau: "Wo sollen wir hingehen? Wo werden wir wohnen? Wann kann ich wieder nach Deutschland zurückkehren?" Einige äußern diese Fragen leise wie die Frau, andere laut oder traurig, wieder andere voller Wut. Antworten auf die Fragen gibt es jedoch am Flughafen selten. Kein Geld, keine Wohnung, keine Unterstützung, keine Perspektive, das ist meist eine der Realitäten nach einer Abschiebung.

Häufig erzählen die Menschen auch von dem, was sie zurücklassen müssen: Arbeit, Ausbildungschancen, Schule, Freund*innen, Familienmitglieder. Manche fragen, warum das Leben, das sie in Deutschland geführt haben, nicht zählt: "Ich habe hier gearbeitet, und ich habe mich an die Regeln gehalten. Ich habe immer etwas zurückgegeben. Warum darf ich nicht bleiben?"

Zeitgleich spielt auch das Bild, das in den Medien vermittelt wird, zunehmend eine Rolle. So äußert eine Person, dass viele Menschen "sie alle" für kriminell halten – "ich habe das im Fernsehen gesehen" – betont aber, dass das nicht stimme: "Ich habe nie etwas Falsches getan, ich habe mich immer an die Regeln gehalten, hatte immer einen Job und habe gearbeitet." Hinzu kommen Beschwerden über die Art und Weise der Abholung aus der Unterkunft, in der die Personen gelebt haben, über Hab und Gut, das nicht eingepackt wurde, oder über fehlende Unterlagen wie Pässe oder Geburtsurkunden. Unterlagen seien existentiell, wie eine Person schildert: "Ohne Geburtsurkunde, wie soll ich mein Kind in der Gemeinde anmelden? Wie soll mein Kind dann in die Schule gehen?"

Neben den Beschwerden über das "Wie" äußern viele Menschen Ängste darüber, was nach der Abschiebung passieren wird. Ängste sind besonders dann groß, wenn die Rückkehr in Länder erfolgt, in denen vermutete Verfolgung oder massive finanzielle oder soziale Unsicherheit drohen und es keine Unterstützung gibt.

Am Flughafen kann diese Angst zu einer massiven Stressreaktion führen. Mögliche Reaktionen reichen von aggressivem Verhalten wie Beleidigungen oder Handgreiflichkeiten bis hin zu psychischen Symptomen wie dissoziativen Zuständen oder einem psychischen Zusammenbruch. Häufig wird dann von der Bundespolizei angenommen, die Betroffenen wollten sich durch ihr Verhalten der Abschiebung bewusst entziehen. Für Verständnis oder Mitgefühl bleibt meist kein Raum.

Nach ein paar Stunden im Wartebereich werden alle Personen aus dem Wartebereich des Terminals mit einem Bus zum Flugzeug gebracht. Auch die Frau und ihre beiden Kinder werden, begleitet von den Beamt*innen der Bundespolizei, bis auf ihre Sitzplätze im Flugzeug gebracht. Für die Frau und ihre Kinder bedeutet die Abschiebung nicht nur den Abschied von ihrem alten Leben, sondern sie ist auch der Beginn in eine ungewisse Zukunft, geprägt von existentiellen Fragen und Ängsten.

In der medialen Darstellung von Abschiebung geht es meist um Statistiken, um Abschiebungszahlen und Effizienz von Abschiebungen. Am Flughafen wird eine andere Perspektive sichtbar, die in den Statistiken nicht zu sehen ist: Es gibt Menschen hinter den Zahlen. Und es ist wichtig, dass diese Menschen und deren Würde in der Debatte um Abschiebungen geschützt und nicht vergessen werden.

Hinweis: Der dargestellte Fall orientiert sich an typischen Beobachtungen am Flughafen, gibt jedoch keinen realen Fall wieder.
 

Text: Judith Fisch, Fotos: Christoph Bild / Diakonie RWL, Gerain 0812 / Shutterstock

Ansprechperson

Franz Werfel
Stabsstellenleitung
Politik und Kommunikation
F.Werfelatdiakonie-rwl.de
Judith Fisch
Referentin
Flucht, Migration und Integration
J.Fischatdiakonie-rwl.de

Statistik zu Abschiebungen

Deutschland hat im Jahr 2024 deutlich mehr Menschen abgeschoben als noch 2023. Insgesamt wurden 20.084 Personen aus Deutschland abgeschoben. Damit ist ein Anstieg der Abschiebungszahlen im Vergleich zum Vorjahr von 22,24 Prozent zu verzeichnen. Aus NRW wurden im Jahr 2024 insgesamt 3.007 Personen abgeschoben. Dabei war fast jede vierte aus NRW abgeschobene Person ein Kind.