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25 Jahre Abschiebungsbeobachtung in NRW

25 Jahre Einsatz für Menschenrechte

Dank der Diakonie RWL gibt es seit 25 Jahren die institutionelle, staatlich unabhängige Abschiebungsbeobachtung in Nordrhein-Westfalen. War das „Düsseldorfer Modell“ einst europaweit Vorreiter, wurde es seit Jahren den aktuellen Entwicklungen nicht mehr angepasst. Zum Jubiläum sprach die Diakonie unter anderem mit der neuen Fluchtministerin Verena Schäffer darüber, wie Menschenrechte auch in politisch aufgewühlten Zeiten gewahrt werden können. Und warum seit 25 Jahren ein Gesetz Thema ist, das es noch gar nicht gibt.

Flucht und Migration
Diakonie RWL Vorstand Christian Heine-Göttelmann (Mitte) bei der Podiumsdiskussion zum Fachtag Abschiebebeobachtung neben Diakonie RWL Referentin Dalia Höhne (l.) und Ministerin Verena Schäffer (r.).

Der 28. Mai 1999 war ein einschneidender Tag in der deutschen Abschiebungspraxis. An diesem Tag starb der sudanesische Asylbewerber Aamir Ageeb an Bord eines Lufthansa-Fluges an den Folgen von Körperverletzungen durch deutsche Polizeibeamte. „Dieser Tag hat vieles verändert“, beschreibt Karin Asboe, ehemalige Fachreferentin Flucht bei der Diakonie Rheinland, die fachlichen Diskussionen in der Zeit danach. Plötzlich wurde öffentlich, wie Beamte des Bundesgrenzschutzes, wie die heutige Bundespolizei damals noch hieß, Asylbewerber während des Abschiebungsvollzugs teils mit Kabelbindern fesselten. „Manche Menschen wurden wie Pakete verschnürt und auf den Sitzen im Flugzeug verfrachtet“, erzählt Asboe.

Fachgespräch beim Fachtag Abschiebungsbeobachtung mit Moderatorin Dalia Höhne, Karin Asboe, Doris Peschke und Rafael Nikodemus

Fachgespräch mit Moderatorin und Diakonie RWL-Referentin Dalia Höhne, Karin Asboe, Doris Peschke und Rafael Nikodemus (v.l.n.r.).

Abschiebungsbeobachtung wurde in NRW erfunden

Es war ein Richter am Düsseldorfer Oberlandesgericht, der daraufhin Kontakt mit dem Bundesgrenzschutz aufnahm, um den genauen Ablauf von Abschiebungen besser zu verstehen, um Licht in die Blackbox zu bringen. Im Oktober 2000 begründeten die Kirchen, die Diakonie, die Polizei sowie das Landesinnenministerium zusammen mit weiteren zivilgesellschaftlichen Akteuren das „Forum Flughäfen in Nordrhein-Westfalen“ (FFiNW). Dieses Forum gibt es heute noch und es ist wahrlich ein besonderes Format, auf das sich staatliche und nicht-staatliche Akteure geeinigt haben: In einem geschützten Rahmen werden Fragen, die sich im Abschiebungsvollzug ergeben, offen miteinander diskutiert. Es wird miteinander gerungen und gestritten – und es werden tragfähige Lösungen gesucht.

Schnell bemerken die dort Versammelten, dass es Personen braucht, die – unabhängig von staatlicher Seite – für Regierung und Öffentlichkeit den Abschiebungsvollzug beobachten. Judith Fisch ist aktuell eine von zwei Abschiebungsbeobachter*innen bei der Diakonie RWL. Sie sagt: „Nur wir bekommen Einblick in das hoheitliche Handeln des Staates, was ein Privileg darstellt. Damals wie heute ging es darum, Abschiebungen transparenter zu machen, das staatliche Handeln für die Öffentlichkeit erfahrbar zu machen, nicht zuletzt auch, um Spekulationen vorzubeugen.“ Im Jahr 2001 startet Referent Ulrich Sextro, vorerst mit einer halben Stelle, als bundesweit erster Abschiebungsbeobachter an den Flughäfen Düsseldorf und Köln/Bonn (siehe Interview „Drei Fragen an…“ im Kasten).
 

Podiumsdiskussion beim Fachtag Abschiebungsbeobachtung mit Moderatorin Dalia Höhne, Diakonie RWL-Vorstand Christian Heine-Göttelmann, Ministerin Verena Schäffer, Menschenrechtsexpertin Nele Allenberg und EKD-Juristische Referentin Johanna Du Maire

Podiumsdiskussion beim Fachtag Abschiebungsbeobachtung mit Moderatorin und Diakonie RWL-Referentin Dalia Höhne, Diakonie RWL-Vorstand Christian Heine-Göttelmann, Ministerin Verena Schäffer, Menschenrechtsexpertin Nele Allenberg und Johanna Du Maire, juristische Referentin bei der EKD (v.l.n.r.).

Fluchtministerin würdigt die herausfordernde Arbeit

„Eine Abschiebung ist für alle daran beteiligten Menschen eine belastende Situation“, sagt Verena Schäffer, seit Kurzem Ministerin für Kinder, Jugend, Familien, Gleichstellung, Flucht und Integration in NRW. „Zuallererst für die betroffenen Menschen, aber auch für Behörden, die Ärzte und natürlich auch für diejenigen, die Abschiebungen beobachten.“  Die Ministerin ist der Einladung der Diakonie zur Würdigung von 25 Jahren Abschiebungsbeobachtung in NRW gefolgt. „Der Staat muss sicherstellen, dass jede Abschiebung professionell durchgeführt wird und dabei die Menschenwürde zu jeder Zeit gewahrt bleibt. Aus Sicht des Staates ist es also wichtig, wenn nicht-staatliche Akteure genau hinschauen und uns Rückmeldung geben, damit Prozesse verbessert werden können. Das tun Sie seit 25 Jahren mit hohem Einsatz und großer Expertise – dazu gratuliere ich Ihnen sehr herzlich. “ 

Einer, der die Arbeit des Forums seit 16 Jahren begleitet und moderiert, ist Kirchenrat Rafael Nikodemus von der Evangelischen Kirche im Rheinland mit Sitz in Düsseldorf. Er ordnet die aktuelle Situation wie folgt ein: „Derzeit versuchen Behörden, aufgrund des hohen gesellschaftlichen und politischen Drucks, möglichst viele Menschen abzuschieben. Da werden also zuerst diejenigen genommen, derer man leicht habhaft wird: Frauen mit Kindern; Menschen in Jobs.“ Nikodemus sagt aber auch: „Aus Gesprächen wissen wir, dass die Bundespolizei selbst die Abschiebungsbeobachtung durchaus schätzt. Sie kann sich auf unser externes Monitoring verlassen.“
 

Diakonie RWL Referentin und Abschiebebeobachterin Judith Fisch begrüßt die Teilnehmenden des Fachtags Abschiebebeobachtung

Diakonie RWL Referentin und Abschiebebeobachterin Judith Fisch begrüßte die Teilnehmenden des Fachtags Abschiebebeobachtung.

390.000 Menschen in 25 Jahren

Seit 2001 wurden aus Deutschland fast 390.000 Menschen abgeschoben. Allein über die beiden großen NRW-Flughäfen Düsseldorf und Köln/Bonn fanden im letzten Jahrzehnt zusammen rund 34.000 Abschiebungen statt. Die Abschiebungsbeobachtung der Diakonie begleitete etwa ein Fünftel dieser Fälle. Rund 7.000 Menschen, mit ihren Geschichten, Sorgen, Ängsten, Krankheiten. In ihren jährlichen Berichten wertet die professionelle Abschiebungsbeobachtung aus, welche Fälle besonders diskussionswürdig waren. So machte im Mai vergangenen Jahres der Fall einer alleinerziehenden, von Gewalt betroffenen Mutter von vier Kindern aus Köln bundesweit Schlagzeilen. Nachdem zuerst der ihr gegenüber gewalttätig gewordene Mann nach Albanien ausreisen musste, wurde sie mit ihren vier Kindern kurz darauf ebenfalls nach Albanien abgeschoben.

Menschenrechtsorganisationen machten auf den Bruch mit dem Kinderschutz und der Istanbul-Konvention aufmerksam und schrieben einen offenen Brief an Landtagsabgeordnete, die Fluchtministerin Josefine Paul und die Bonner Oberbürgermeisterin.

„Wir informieren die Öffentlichkeit in unserer jährlichen Pressekonferenz gemeinsam mit der Bundespolizei und dem Fluchtministerium, mit Hintergrundgesprächen und Artikeln.“, erläutert Beobachterin Judith Fisch.
 

Menschenrechtsexpertin Nele Allenberg hielt eine Keynote beim Fachtag Abschiebungsbeobachtung

Nele Allenberg vom Deutschen Institut für Menschenrechte bei ihrer Keynote.

Es geht um Gerechtigkeit – auch im biblischen Sinne

Christian Heine-Göttelmann, Pfarrer und Vorstand der Diakonie RWL, erklärt, warum sich die Diakonie auf diesem Feld engagiert: „Es geht um Menschenwürde und um Gerechtigkeit auch und vor allem für vulnerable Gruppen. Weil jede Abschiebung eine Zwangssituation ist, in der die Individuen ganz direkt und unmittelbar die Härte des Staates zu spüren bekommen, ist das immer auch eine Stresssituation. Dieses Dilemma müssen staatliche und nicht-staatliche Akteure miteinander gestalten, es nicht nur aushalten.“

Nele Allenberg, Leiterin der Abteilung Menschenrechtspolitik Inland und Europa beim Deutschen Institut für Menschenrechte, würdigte beim Jubiläums-Fachtag die Vorreiterrolle von NRW und die seit 2001 erzielten Errungenschaften. „Von Beginn gab es zwischen allen Beteiligten im Abschiebungsvollzug den Grundsatz: Keine Abschiebung um jeden Preis.“ Im Forum habe man wichtige Errungenschaften erzielt wie das Handgeld für Ausreisepflichtige, Standards im Umgang mit Betroffenen und vor allem eine Checkliste für Behörden. „Diese ist wichtig, da sie Behörden Sicherheit im Abschiebungsvollzug gibt und vereinbarte Standards verdeutlicht.“
 

Diakonie RWL Referentin Dalia Höhne moderierte den Fachtag Abschiebebeobachtung

Führte durch den Fachtag: Diakonie RWL-Referentin Dalia Höhne.

Arbeit der Abschiebungsbeobachtung zukunftsfest machen

Dass die Abschiebungsbeobachtung wichtig ist, um sicherzustellen, dass die Menschenrechte zu jeder Zeit gewahrt werden – zumal in Zeiten, in denen viele Staaten in Europa eine restriktivere Einwanderungspolitik anstreben – darüber sind sich alle Teilnehmenden auf dem Fachtag einig. Was aber braucht es, um diese wichtige Arbeit auch in Zukunft zu sichern? „Der Grundsatz ,Keine Abschiebung um jeden Preis‘ ist eine wichtige Errungenschaft der freiheitlich-liberalen Demokratie. Er darf nicht wackeln“, betont Diakonie RWL-Vorstand Christian Heine-Göttelmann. 

„Seit 25 Jahren fordern wir, dass unser Handeln auf eine sichere Rechtsgrundlage gestellt werden muss, am besten bundesweit“, hebt Judith Fisch hervor. Das sei einerseits wichtig, damit das Monitoring überhaupt bundesweit umgesetzt werde. „Bayern etwa lässt bis heute keine Abschiebungsbeobachtung zu.“ Andererseits sei es wichtig, um Standards bei der staatlich unabhängigen Beobachtung festzuhalten – und idealerweise auch auf die Zeit während des Transports zum Flughafen und bei den Flügen selbst auszuweiten. „Drittens ist es wichtig, damit die EURückführungsrichtlinie, die Deutschland bereits seit 2008 zu einem Monitoring von Abschiebungen verpflichtet, endlich vollständig umgesetzt wird“, so Fisch. Und – bei aller Kritik am neuen Gemeinsamen Europäischen Asylsystem (GEAS), das ab Juli gelten soll: Die Reform schreibt erstmals verbindlich vor, dass die EUMitgliedstaaten unabhängige MonitoringMechanismen zur Kontrolle menschenrechtlicher Standards an den Außengrenzen einrichten müssen.

Pointiert fasst die frühere Abschiebungsbeobachterin Dalia Höhne die Erkenntnisse des Jubiläumsfachtags zusammen: „Die Abschiebungsbeobachtung ist kein Relikt der Vergangenheit, sondern ein zentrales demokratisches Korrektiv in einem Bereich hoheitlichen Handelns des Staates, das sich durch besonders massive Eingriffe in die Persönlichkeitsrechte auszeichnet. Sie zeigt, wo die Rückführungspraxis menschenrechtskonform abläuft, wo sie an Grenzen stößt – und wo strukturelle Lücken bestehen, die nicht durch guten Willen allein geschlossen werden können.“ Deshalb, so Höhne, verliere der große Erfahrungsschatz aus 25 Jahren Abschiebungsbeobachtung gerade jetzt, in Zeiten politischer Verschärfung und anstehender Reformen, nicht an Bedeutung. „Sondern er wird, gerade jetzt, dringend gebraucht.“
 

Diakonie RWL-Vorstand Christian Heine-Göttelmann mit der Vorsitzenden des Fachverbands Freya Lüdeke-Obiapi, Ministerin Verena Schäffer und Fachbereichsleiter André Hartjes

Diakonie RWL-Vorstand Christian Heine-Göttelmann mit der Vorsitzenden des Fachverbands Migration und Flucht, Freya Lüdeke-Obiapi, Ministerin Verena Schäffer und André Hartjes, Leiter des Geschäftsfelds Flucht, Migration und Integration (v.l.n.r.).

Drei Fragen an den ersten Abschiebungsbeobachter Deutschlands

Diakonie RWL: Lieber Herr Sextro, Sie sind 2001 bei der Diakonie Rheinland als erster Abschiebungsbeobachter Deutschlands gestartet. Was war damals das dezidiert Neue?

Ulrich Sextro: Die größte Verbesserung war, dass staatliche und nicht-staatliche Akteure in einem sehr konfliktären Bereich miteinander in den Dialog gegangen sind. Wir haben es damals wirklich geschafft, uns fachlich auseinanderzusetzen. Das ist ein sehr großer Erfolg, den wir errungen haben. Der ist heute auch noch da, muss aber immer wieder neu erkämpft werden. 

Diakonie RWL: Was hat sich seit 2001 nicht verbessert?

Sextro: Viele Diskussionen heute erinnern mich leider immer noch an Diskussionen, die wir früher geführt haben. Sei es die Familientrennung oder das Handgeld oder die Frage, wie Abzuschiebende versorgt werden. Das ist schade, dass wir uns nicht so weiterentwickelt haben, wie wir es hätten tun können. 

Diakonie RWL: Was ist Ihr Wunsch für die Zukunft der Abschiebungsbeobachtung?

Sextro: Was auch schade ist: Wir waren damals ein innovatives Projekt, das, denke ich, auch europaweit Standards gesetzt hat. Wir haben es leider bis jetzt nicht geschafft, diese Errungenschaft mit einem ordentlichen Bundes- oder Landesgesetz gesetzlich abzusichern – und so Strukturen zu schaffen, die für alle Seiten verlässlich sind. Das ist mein großer Wunsch, dass das noch passiert.
 

Porträtfoto von Ulrich Sextro

Text: Franz Werfel / Diakonie RWL

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