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Bahnhofsmissionen

Perspektiven für einsame Menschen

Einsamkeit ist oft unsichtbar. In den Bahnhofsmissionen jedoch ist Einsamkeit eine zentrale Erfahrung vieler Menschen. Bahnhofsmissionen sind für viele ein erster Anlaufpunkt – ohne Termin, niedrigschwellig, mit offenen Ohren und Herzen.

Ehrenamt
Mitarbeiterin Bahnhofsmission beugt sich herunter zu einer Person mit Kapuze ins Gesicht gezogen
Mitarbeiterin der Bahnhofsmission mit zwei Menschen

„Die Bahnhofsmission ist mein Wohnzimmer, wo ich mich mit anderen austauschen kann. Da bin ich nicht mehr so einsam.“ So hat es einmal eine Besucherin der Bahnhofsmission Paderborn formuliert. Ein Satz, der eindrücklich beschreibt, welche Bedeutung Bahnhofsmissionen für viele Menschen haben.

102 Bahnhofsmissionen bundesweit und 23 Bahnhofsmissionen in Nordrhein-Westfalen bieten niedrigschwellige und kostenlose Möglichkeiten der sozialen Teilhabe an. Sie wirken Einsamkeit vor allem durch aufsuchende Sozialarbeit, offene Aufenthaltsräume für Gespräche und gezielte Weitervermittlung an Fachstellen entgegen. Die Hilfe erfolgt ohne Termin, ohne Voraussetzungen oder Anmeldung, sodass die Hemmschwelle, die Bahnhofsmission aufzusuchen, sehr niedrig ist. 

Mitarbeiterin Bahnhofsmission

Rund 500 Ehrenamtliche und mehr als 20 Hauptamtliche in den Bahnhofsmissionen in Nordrhein-Westfalen bieten Unterstützung an.

Einsamkeit hat viele Gesichter

Eine Ehrenamtliche einer Bahnhofsmission beschreibt die Situation der Gäste der Bahnhofsmission so: „Einsamkeit hat viele Gesichter: ältere Menschen, Wohnungslose, Reisende mit Angst, Jugendliche ohne Orientierung, Menschen in Krisen. Oft ist das Wichtigste nicht primär Geld oder ein Ticket, sondern Zeit und Aufmerksamkeit.“ 

Offene Aufenthaltsräume, warme Räumlichkeiten, in denen Menschen verweilen können, ohne etwas verzehren oder kaufen zu müssen, sind ein wichtiges Angebot. Gerade auch für Menschen, die aufgrund ihrer Armut einsam sind. Außerdem sind Bahnhofsmissionen Schutzräume vor Lärm und Kälte, in denen die Menschen einfach sein können, schweigen können oder sich auch aussprechen können.

Niedrigschwellige Kontaktmöglichkeiten und Gespräche auf Augenhöhe fördern den sozialen Austausch und durchbrechen die Isolation.

Dasein und Zuhören, das ist den ehrenamtlichen und hauptamtlichen Mitarbeitenden wichtig. Sie hören aktiv zu und entwickeln gemeinsam mit den Gästen Perspektiven gegen die Einsamkeit. Das tut den Gästen der Bahnhofsmission gut, zumal sie ansonsten kaum noch die Erfahrung machen, dass sie gesehen und wahrgenommen werden. Ein Gast beschreibt dies mit den Worten: „Jeder Mensch braucht einen Ort, an dem er einfach sein darf."

Bahnhofsmission verglaster Raum

Bahnhofsmissionen bieten offene Aufenthaltsräume und warme Räumlichkeiten, in denen Menschen verweilen können, ohne etwas verzehren oder kaufen zu müssen.

Mit Respekt und Wertschätzung

Die Mitarbeitenden vermitteln für weitergehende Unterstützungen und Beratungen in das Hilfesystem der Stadt, so beispielsweise an psychosoziale Dienste, Begegnungsstätten, Freizeitgruppen oder Seniorenclubs.

Ältere oder in ihrer Mobilität unsichere Menschen werden von den Bahnhofsmissionen in den Nahverkehrszügen begleitet. Hier offenbart sich in vielen begleitenden Gesprächen auch das oft nicht offen formulierte Gefühl der Einsamkeit. Da hilft es, jemanden an der Seite zu haben, der oder die zuhört und zudem durch Einstiegs-, Umstiegs- und Ausstiegshilfen Mobilität zu Orten ermöglicht, die soziale Kontakte bieten.

Jeder Gast wird in der Bahnhofsmission mit Respekt und Wertschätzung empfangen. Gerade Menschen mit Einsamkeitserfahrung ermutigt es, in ihrer Situation gesehen und willkommen geheißen zu werden. Und beim gemeinsamen Kaffee entstehen oft Kontakte zu anderen Gästen. 

Teilhabe ermöglichen ist ein Schlüsselwort der Bahnhofsmissionen. Diese geschieht durch Begleitung in den Zügen, durch Zuhören, durch warme Kleidung und andere materielle Hilfen und auch durch digitale Angebote.

So bietet die Bahnhofsmission Münster ihren Gästen Teilhabe durch digitale Medien an, etwa mit Hardware, mit der Möglichkeit, Laptops zu nutzen, und mit kurzen Workshops, die Sicherheit geben und Optionen eröffnen.

Die Bahnhofsmission Lage öffnet Zugänge durch kurze Workshops, die Tipps geben zu Themen wie Wohnen und Miete.

Gemeinschaftsaktivitäten, etwa gemeinsames Kochen, gemeinsames Essen oder gemeinsame Theaterbesuche, lassen Netzwerke entstehen, eröffnen neue Horizonte und helfen, Einsamkeit zu überwinden.

Bahnhofsmission Hagen

Ältere oder in ihrer Mobilität unsichere Menschen werden von den Bahnhofsmissionen in den Nahverkehrszügen begleitet. 

Zugehörigkeit hilft gegen Einsamkeit

Mit dem monatlichen Angebot eines Frauennachmittags bietet das „FrauenZimmer“ der Bahnhofsmission Köln einen Raum der Gemeinschaft und ermöglicht den Kontakt zu anderen weiblichen Gästen in geschützter Atmosphäre. Die besonderen Anliegen und Bedürfnisse der Frauen können so besser wahrgenommen werden. Die Frauen haben Gelegenheit, sich zu öffnen und Vertrauen zu fassen für Gespräche über ihren Alltag und ihre Erfahrungen. So schafft das Treffen einen Rahmen zur Entfaltung von Ressourcen, Partizipation es stärkt das Gefühl der Zugehörigkeit. Auch andere Bahnhofsmissionen bieten Angebote für Frauen an, die aufgrund ihrer oft durch Armut geprägten Lebenssituation einsam sind und hier oft zum ersten Mal Zugehörigkeit erfahren.

„Es gefällt mir hier bei Euch sehr gut! Danke. […] Ich bin 85 Jahre und vereinsame zu Hause, weil ich ganz allein lebe“, sagt beispielsweise eine Besucherin.

Eines der Ziele ist die Stärkung gesellschaftlicher Teilhabe durch Ausflüge wie Stadtführungen, Kino- oder Museumsbesuche. Die Frauen werden hierzu nach ihren Ideen und Wünschen gefragt, sie erfahren Ansehen, Gehörtwerden. Das hilft ihnen vielleicht sogar, ihre Einsamkeit zu überwinden.

Ehrenamtliche und hauptamtliche Mitarbeitende geben Perspektiven

Rund 500 Ehrenamtliche und mehr als 20 Hauptamtliche in Nordrhein-Westfalen bieten diese Vielfalt an Unterstützung an. Mehr als eine Million Hilfeleistungen hielten die Bahnhofsmissionen in NRW 2025 vor. Die Zahlen steigen. Hinter vielen Hilfeanfragen verbirgt sich Einsamkeit.

Besonders stark werden Aufenthalte in den Räumen der Bahnhofsmission und Gespräche nachgefragt. Zu den weiteren Hilfeangeboten der Bahnhofsmissionen zählen beispielsweise seelsorgliche Gespräche, Kriseninterventionen und materielle Hilfen. Darüber hinaus sind einige Bahnhofsmissionen, etwa in Essen, mit den kommunalen Netzwerken zum Thema Einsamkeit verbunden und in der Angebotslandkarte des bundesweit tätigen Kompetenznetzwerkes Einsamkeit gelistet.

Das ist wichtig beim Überwinden von Einsamkeit: Zuhören, Wahrnehmen, die Kontinuität der Angebote, der Kontakte und Beziehungen, die niedrigen Barrieren, die die Angst nehmen, auf die Bahnhofsmission zuzugehen, der nicht zu Aktivitäten verpflichtende Raum, die Empathie der Mitarbeitenden, der mögliche Kontakt zu den anderen Gästen der Bahnhofsmissionen, das Angebot, immer wieder kommen zu dürfen, die vielen Möglichkeiten der niedrigschwelligen Teilhabe, Gemeinschaftsangebote, Gemeinschaftserfahrungen, Zugehörigkeit ermöglichen.

Die Bahnhofsmission verändert durch ihre Angebote gegen die Einsamkeit nicht immer die Welt. Aber sie verändert oft den Tag eines Menschen. Und manchmal ist genau das der Anfang von Hoffnung.

Text: Karen Sommer-Loeffen, Referentin für Ehrenamt und Bahnhofsmissionen beim Diakonischen Werk Rheinland-Westfalen-Lippe e.V. – Diakonie RWL, Fotos:  Werner Krüper, Bahnhofsmission Deutschland e.V.

Ansprechperson

Karen Sommer-Loeffen
Referentin
Krankenhaus und Gesundheit
K.Sommer-Loeffenatdiakonie-rwl.de
Verena Bretz
Referentin
Politik und Kommunikation
V.Bretzatdiakonie-rwl.de

Kurztext

1894 öffnete die erste Bahnhofsmission in Berlin. Ihr Ziel: Junge Frauen vor Ausbeutung und erzwungener Prostitution zu beschützen. Heute sind die 102 Bahnhofsmissionen in ganz Deutschland zu einem festen Anlaufpunkt für alle Menschen geworden.