4. Dezember 2020

Covid-19-Altenpflegestudie

Pflegekräfte am Limit

Das größte Hindernis in der Bekämpfung der Covid-19-Pandemie in der Altenpflege wird im Personalmangel gesehen. Das gaben die befragten Pflegekräfte in der am Mittwoch vorgestellten Pflegestudie von Diakonie Deutschland und midi, der Zukunftswerkstatt von Diakonie und EKD, an. In Rheinland-Westfalen-Lippe wie bundesweit mangelte es im Lockdown im Frühjahr vor allem an den so wichtigen FFP2/3-Masken.

1.735 Mitarbeitende aus der Altenhilfe nahmen an der repräsentativen Umfrage von Diakonie und midi teil. Befragt wurden Mitarbeitende aus stationären und teilstationären Einrichtungen sowie ambulanten Diensten und Hospizen im Bereich der Altenhilfe der Diakonie aus ganz Deutschland vom 2. bis 30. Oktober.

Grafik: Diakonie Deutschland

Bundesweiter Personalmangel

Diakonie Deutschland zeigt mit seiner Studie folgendes zentrales Ergebnis auf: Der Personalmangel in der Altenpflege wird als das größte Hindernis bei der Bewältigung der Covid-19-Pandemie von den Pflegekräften angesehen. "Schon ohne Pandemie benötigen die Pflegeheime deutschlandweit mehr als 100.000 zusätzliche Pflegekräfte, wie der Bremer Gesundheitsökonom und Pflegeexperte Professor Heinz Rothgang errechnet hat", schreibt Diakonie Deutschland in ihrer Pressemitteilung.

Der coronabedingte Personalmangel sei nur durch Mehrarbeit und einer Umverteilung von Personal innerhalb der Einrichtung zu kompensieren gewesen, gaben zwei Drittel der Befragten an. 25 Prozent der Befragten sagten, dass Kolleginnen und Kollegen mit Covid-19 infiziert waren. 70 Prozent der Mitarbeitenden mussten aufgrund eines Coronaverdachts in Quarantäne. 

"Die ohnehin angespannte Personallage in der Pflege wird durch Corona drastisch verschärft", betont Diakonie-Präsident Ulrich Lilie. "Wenn in erheblichem Maße Personal durch Erkrankung oder Quarantänemaßnahmen ausfällt, wird es mehr als eng. Der großen Professionalität und dem konstant hohen Engagement der Pflegenden in der Diakonie verdanken wir, dass auch in dieser Ausnahmezeit die besonders gefährdeten Menschen in den Einrichtungen und Diensten der Altenhilfe weiter umsichtig und zugewandt versorgt werden. Corona unterstreicht aber auch, dass der Personalnotstand in der Pflege endlich gelöst werden muss. "

Grafik: Diakonie Deutschland

Bundesweiter Materialmangel

85 Prozent der Beschäftigten in den Einrichtungen der Altenhilfe empfinden die Pandemie als große Belastung. Dabei sorgen sich die Mitarbeitenden besonders darum, dass sie Bewohner*innen anstecken könnten. "50 Prozent der Befragten gab an, dass sie damals nicht einmal einen einfachen Mundnasen-Schutz nutzen konnten. Noch seltener standen die vom RKI als Arbeitsschutz empfohlenen FFP2/3-Masken zur Verfügung", schreibt Diakonie Deutschland in ihrer Studie. Dieser Materialmangel war das Hauptproblem in Bezug auf die Materialbeschaffung in der ersten Welle der Pandemie im Frühjahr.

"Nach dem Lockdown hat sich die Lage bei der Schutzausrüstung etwas entspannt: vor allem mit Blick auf den einfachen Mund-Nasen-Schutz und die Schutzbekleidung hat sich die Situation signifikant verbessert. Dennoch gaben ein Viertel der Befragten an, dass die FFP2/FFP3-Maske nach wie vor nur in geringem oder gar keinem Umfang bereitgestellt wird", heißt es in der Studie. 

Diakonie-Präsident Ulrich Lilie kritisiert den Materialmangel: "Dass angesichts dieses dramatischen Mangels an Ausrüstung die Altenhilfe-Einrichtungen überhaupt arbeitsfähig waren – und sind – und es in rund 80 Prozent der Einrichtungen in der stationären Altenhilfe keine Infektionen gab, ist zuerst dem verantwortungsbewussten und professionellen Reagieren der Mitarbeitenden in den Einrichtungen zu verdanken." 

Grafik: Diakonie Deutschland

Bessere Arbeitsbedingungen und Bezahlung

Die Studie der Diakonie Deutschland zeigt, dass in der Altenhilfe Reformbedarf besteht, der im Angesicht der Pandemie deutlich wird: Zwei Drittel der Befragten fordern strukturelle Verbesserungen der Arbeitsbedingungen und Bezahlung, schreibt die Bundesdiakonie.

Die Personalnot zeigt sich jüngst an den Corona-Schnelltests für Bewohner, Mitarbeitende und Besucher von Pflegeheimen und ambulanten Diensten in den Einrichtungen des Diakonischen Werkes Rheinland-Westfalen-Lippe. "Hinzu kommt: für die Durchführung ist qualifiziertes Personal nötig", sagt Christian Heine-Göttelmann, Vorstand der Diakonie RWL, mit Verweis auf die ohnehin schon angespannte Personalsituation in der Altenpflege. "Schon vor der Pandemie haben viele unserer Pflegekräfte am Limit gearbeitet. Die Pandemie hat die Personalsituation dramatisch in den Einrichtungen weiter verschärft. Die Pflegekräfte sind neben ihren sonstigen Aufgaben mit hoher Motivation und viel Kreativität damit beschäftigt, die Versorgung sicherzustellen und Kontakte zu Angehörigen zu ermöglichen."

Während der ersten Corona-Welle im Frühjahr fehlten die so wichtigen FFP2/3-Masken. Foto: pixabay

Zahlen zu Rheinland-Westfalen-Lippe

Für das Gebiet der Diakonie RWL gibt es folgende regionale Zahlen, die aus der aktuellen Studie der Diakonie Deutschland hervorgehen. Die Angaben beziehen sich entweder auf den Zeitraum während des erstens Lockdowns (März/April) oder nach diesem (ab Mai bis heute, Befragungszeitraum 2.-30.10.2020):  

Einfacher Mund-Nasen-Schutz: 48 Prozent der Befragten gaben an, dass sie während des Lockdowns (März/April) ausreichend einfache Mund-Nasen-Masken zur Verfügung hatten, 47 Prozent zu wenige, 5 Prozent gar keine. 

Schutzkleidung: 44 Prozent der Befragten gaben an, dass sie während des Lockdowns ausreichend Schutzkleidung hatten, 41 Prozent zu wenig, 11 Prozent gar keine. 

FFP2/3-Masken: 35 Prozent der Pflegekräfte im Gebiet Rheinland-Westfalen-Lippe (RWL) hatten während des Lockdowns zu wenig und 29 Prozent gar keine FFP2/3-Masken zur Verfügung. Etwa 75 Prozent der Befragten gaben an, dass sie nach dem Lockdown (ab Mai) ausreichend FFP2/3-Masken hatten. Etwa 14 Prozent gaben an, dass sie zu wenige und etwa 5 Prozent gar keine hatten. 

Testmöglichkeiten: 44 Prozent der Befragten hatten während des Lockdowns gar keine Testmöglichkeiten, 24 Prozent zu wenig, 22 Prozent ausreichend. Nach dem Lockdown hatten 36 Prozent der Befragten ausreichend Testmöglichkeiten, 31 Prozent gar keine und 22 Prozent zu wenige. 

Text: Christoph Bürgener, Quelle: Covid-19-Altenpflegestudie der Diakonie Deutschland, Grafiken: Diakonie Deutschland, Fotos: pixabay

Ihre Ansprechpartner/innen
Martina Althoff
Referent/in

Stationäre Pflege

, Zentrum Teilhabe, Inklusion und Pflege
Weiterer Kontakt:
Daniel Hörsch: Leiter der Studie; daniel.hoersch@mi-di.de
Weitere Informationen
Bewerten Sie diesen Artikel
Durchschnittliche Bewertung: 3.1 (78 Stimmen)
Bundesweite Ergebnisse der Covid-19-Altenpflegestudie in der Kurzübersicht: 
1.) 85 % der Pflegekräfte sorgen sich davor, andere zu infizieren, ohne es zu wissen. 60 % haben Angst, sich selbst anzustecken.
2.) 78 % der Pflegekräfte finden in der Pandemie Halt durch „Oasenzeiten“.
3.) 64 % der Pflegekräfte hatten während des ersten Lockdowns zu wenig FFP2/3-Masken zur Verfügung
4.) 49 % der Pflegekräfte fühlen sich während der Pandemie überfordert.
5.) 76 % der Pflegekräfte werden durch persönliche Anerkennung motiviert. 
6.) 96 % der Pflegekräfte wünschen sich bessere Rahmenbedingungen.