Probleme verhindern, bevor sie entstehen
Die Geburt eines Kindes und die damit verbundenen Veränderungen können Familien vor große Herausforderungen stellen. Um für die Eltern und das Baby die bestmöglichen Voraussetzungen zu schaffen, gibt es am Florence-Nightingale-Krankenhaus im Düsseldorfer Stadtteil Kaiserswerth die Familienlotsinnen. „Eine Familienlotsin ist eine Mitarbeiterin, die sich gezielt und so früh wie möglich in der Schwangerschaft um Familien mit besonderen Bedürfnissen kümmert und bei Bedarf Unterstützungsmöglichkeiten organisiert“, erklärt Hebamme und Familienlotsin Martina Engelen ihre Arbeit. „Sie sorgt innerhalb der Klinik dafür, dass alle Mitarbeitenden auf der Station die Informationen haben, die sie brauchen, um sich optimal um diese Familie kümmern zu können.“

Das Florence-Nightingale-Krankenhaus im Düsseldorfer Stadtteil Kaiserswerth setzt auf Familienlotsinnen.
Kaiserswerther Modell
„Wir möchten Probleme verhindern, bevor sie entstehen“, sagt Engelen. Um das zu erreichen, muss als Anmeldung zur Geburt online ein Anamnesebogen ausgefüllt werden. „Der Anmeldebogen landet in unserer Krankenhaussoftware, im Hintergrund läuft zeitgleich ein automatisiertes Scoringverfahren. Wir fragen nicht nur nach Vorerkrankungen, Medikamenten, Blutgruppe und ähnlichen Dingen, sondern auch nach psychosozialen Risikofaktoren. Das ist das Spezielle am Kaiserswerther Modell“, erklärt die Familienlotsin. Je nachdem, welche Punktzahl erreicht wird, bekommt die Frau bei der Familienlotsin oder bei der Hebammensprechstunde einen Termin angeboten.

Dr. Michael Meier, Departmentleiter Geburtshilfe am Florence-Nightingale-Krankenhaus in Düsseldorf .
Freiwilligkeit
Die Offerte ist freiwillig. „Es ist wichtig, den Familien zu vermitteln, dass es in Ordnung ist, das Angebot nicht anzunehmen. Aber sie sollen wissen, dass sie jederzeit darauf zurückkommen können“, sagt Dr. Michael Meier, Departmentleiter Geburtshilfe. Frauen und Familien haben auch die Möglichkeit, sich von sich aus, per Telefon oder E-Mail, bei den Familienlotsinnen zu melden. „Der nächste Schritt wird sein, dass sie sich auch über eine Videoplattform melden können, weil es Menschen gibt, die eine massive Klinikangst haben“, erklärt Engelen.

Hebamme und Familienlotsin Martina Engelen
Selbstbestimmung
Die persönlichen Geschichten, die die Frauen und Familien mit ins Gespräch bringen, sind vielfältig. Im Fokus stehen aber nicht ihre Schicksale, sondern herauszufinden, was die Frauen brauchen, um sich sicher zu fühlen, und zu erfahren, was das Personal benötigt, um den Familien Sicherheit zu geben. „Es ist wichtig, Frauen zu zeigen, dass sie ihre Selbstbestimmung behalten und eigene Entscheidungen fällen können“, sagt Meier.
Ohne absolute Transparenz gehe es dabei nicht. Die Wünsche der Frauen werden mit den Ärzten besprochen und in den Systemen der Ärzt*innen und Hebammen als Pop-up-Nachricht hinterlegt. „Frau Engelen erarbeitet mit der Frau oder den werdenden Familien, was es im vorhandenen Angebot der Ressourcen für sie gibt und was Sinn macht“, so der Gynäkologe.

Kreißsaal im Florence-Nightingale-Krankenhaus der Kaiserwerther Diakonie
Vertrauen stärken
Für die Familien ist es von Bedeutung, eine Ansprechperson zu haben. „Der verständnisvolle Umgang nahm mir die Angst, zu etwas gedrängt zu werden, was alte Wunden aufgerissen hätte. Die Versicherung, dass auch alle anderen Mitarbeitenden über meine Situation informiert werden, gab mir sehr viel Vertrauen“, berichtet beispielsweise Anna, die eigentlich anders heißt. Für die Frauen bedeutet die Betreuung auch, dass die Geburt ihres Kindes, die ihnen Sorgen bereitet, zu einer positiven Erfahrung werden kann. „Zu keiner Zeit wurde etwas über meinen Kopf hinweg entschieden oder Druck ausgeübt. Ich hatte eine absolute Traumgeburt und bin den Hebammen, die zu dieser Zeit im Kreißsaal gearbeitet haben, unendlich dankbar für ihren Einsatz“, so Anna weiter.
Das Schönste an ihrem Job sei, dass sie immer wieder extrem belastete Menschen vor sich sitzen habe, die letztlich mit viel Erleichterung gingen, sagt Familienlotsin Martina Engelen. „Ich bekomme viele dankbare Briefe. Eine Geburt kann eine heilsame Erfahrung sein, und Wunder sind möglich.“

Hebamme und Familienlotsin Martina Engelen und Gynäkologe Dr. Michael Meier arbeiten am Florence-Nightingale-Krankenhaus in Düsseldorf.
Sicherheit vermitteln
Veronika Ruske hatte in ihrer Kindheit und Jugend im häuslichen Umfeld wiederholt physische und psychische Gewalt erfahren, was zu einer Traumafolgestörung führte. Als sie schwanger wurde und sich mit dem Thema Geburt befasste, wurde ihr immer unwohler zumute. „Es gibt viele Berichte darüber, dass man im Kreißsaal nicht richtig gesehen und über einen hinweg gearbeitet wird. Das machte mir ein mulmiges Gefühl, weil man alle Verantwortung abgeben muss. Und ich kämpfe immer wieder damit, Kontrolle abzugeben“, so die junge Mutter.
Sie entschied sich für das „babyfreundliche“ Florence-Nightingale-Krankenhaus als Geburtsklinik. „Es hat mich positiv gestimmt, dass im Anmeldebogen auch die mentale Gesundheit der Mutter abgefragt wurde“, sagt Ruske. Noch mehr überzeugte sie das Gespräch mit der Familienlotsin. „Frau Engelen konnte mich sehr abholen. Sie stellte sicher, dass ich nicht in Dynamiken komme, in denen ich einen Kontrollverlust verspüre. Das hat mir ein sehr gutes und sicheres Gefühl gegeben.“
Durch diese Erfahrung konnte die junge Mutter gelassener und mit mehr Freude auf die Geburt warten. Die Geburt erlebte Ruske dann als sehr positiv. „Ich wurde mit so viel Respekt, Aufmerksamkeit und Einfühlungsvermögen betreut, wie ich es mir kaum besser hätte wünschen können.
Text: Nicole Esch, Fotos: Nicole Esch, Kaiserswerther Diakonie





