„Das soziale Gesicht unserer Bahnhöfe“
An der Decke im Aufenthaltsraum der Bahnhofsmission Essen sieht man eine schmale Leiste. Genau da endete vor einiger Zeit noch der Raum – jetzt ist er ein ganzes Stück in die Tiefe gewachsen. Das bedeutet nicht nur, dass ein paar Tische und Stühle mehr Platz finden, sondern auch, dass es mehr Raum für die Besucher*innen gibt – und somit auch mehr Raum für Entspannung und weniger Konflikte.

NRW-Sozialminister Karl-Josef Laumann
Minister zu Besuch
Die Erweiterung und Renovierung der Räume der Essener Bahnhofsmission war möglich durch eine Förderung des Ministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales in NRW. Nachdem es 2025 schon eine Anschub- und Stabilisierungsförderung in Höhe von rund 1,25 Millionen Euro für die Bahnhofsmissionen im Land gab, kommen in diesem Jahr noch einmal 914.000 Euro hinzu.
„Es muss nicht immer ein neues Modellprojekt sein – wir können auch mal das fördern, was wir schon haben“, sagt Karl-Josef Laumann, Minister für Arbeit, Gesundheit und Soziales in Nordrhein-Westfalen, bei seinem Besuch der Bahnhofsmission Essen. Dort hat er einen weiteren entsprechenden Zuwendungsbescheid an die kirchlichen Wohlfahrtsverbände als Träger der Bahnhofsmissionen übergeben. Laumann: „Die Bahnhofsmissionen und ihre vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer sind das soziale Gesicht unserer Bahnhöfe. Sie bieten Orientierung, sichern die Barrierefreiheit im Reiseverkehr und leisten unbürokratische Krisenhilfe in akuten Notsituationen.“

Christian Heine-Göttelmann, Vorstand Diakonisches Werk Rheinland-Westfalen-Lippe e.V. - Diakonie RWL, NRW-Sozialminister Karl-Josef Laumann und Karen Sommer-Loeffen, Referentin der Diakonie RWL und Expertin für Bahnhofsmissionen und Ehrenamt.
Förderung als wichtiges Zeichen
„Wir danken der Landesregierung, insbesondere dem Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales, für die erneute Förderung der 23 Bahnhofsmissionen in Nordrhein-Westfalen. Mit der ersten Förderung konnten viele die Bahnhofsmissionen stabilisierende Projekte umgesetzt werden, etwa bauliche Maßnahmen und Qualifizierungen der ehrenamtlichen Mitarbeitenden. Die vielfältige Arbeit der ehrenamtlich und hauptamtlich Mitarbeitenden mit etwa einer Million Hilfeleistungen pro Jahr für alle Menschen unterwegs erfährt durch die Förderung große Wertschätzung und Anerkennung. Mit der zweiten Förderung werden beispielsweise weitere notwendige Hitzeschutzmaßnahmen und die Erweiterung der Angebote möglich sein“, sagt Christian Heine-Göttelmann, Vorstand Diakonisches Werk Rheinland-Westfalen-Lippe e.V. - Diakonie RWL.
Andrea Redding, Vorstandssprecherin von IN VIA Köln, ergänzt: „Die Förderung ist ein sehr wichtiges Zeichen für die haupt- und ehrenamtlich Engagierten, die so viel Zeit und Herzblut schenken. Minister Karl-Josef Laumann macht damit einmal mehr deutlich, dass ihm die pragmatische und niedrigschwellige Hilfe für Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen in Notlagen geraten, am Herzen liegt. Damit hilft er uns, den Menschen an den Bahnhöfen, die oft Brennpunkte sozialer Problemlagen sind, zu helfen.“

Die Mitarbeitenden der Bahnhofsmissionen sind an ihren blauen Westen zu erkennen.
Offen für alle
In der Bahnhofsmission Essen hängen in einer langen Reihe die markanten blauen Westen an der Wand. Die tragen die Mitarbeitenden, um bei der Arbeit im Bahnhof gut erkennbar zu sein. Denn die Bahnhofsmission ist nicht nur Anlaufstelle für alle, die Mitarbeitenden sind auch aufsuchend tätig. Sie bewegen sich im Bahnhof und im Umfeld, schauen nach Menschen, die womöglich Hilfe benötigen, bringen im Sommer kühle Getränke und Kopfbedeckungen und im Winter warmen Tee und Schlafsäcke mit.
„Unsere Arbeit macht aus, dass wir so nah am Puls der Zeit sind“, sagt Nadine Wittmann, stellvertretende Leiterin in Essen. „Wenn etwas passiert, bekommt man es hier als erstes zu spüren.“ Die Bahnhofsmission sei für viele die niedrigste Schwelle, der Ort, wo jede und jeder hinkommen könne – auch die, die durch alle anderen Raster gefallen sind. Das erfordere ein hohes Maß an Flexibilität.
„Wir haben den Anspruch, alle erst einmal zu versorgen“, sagt Nadine Wittmann. Ob mit einem Kaffee, der Möglichkeit, sich hinzusetzen und Ruhe zu finden, einer Steckdose für das leergelaufene Handy – oder eben mit allem, was sonst so anfällt. In die Bahnhofsmission kann jede und jeder kommen und wird wertfrei in Empfang genommen. „Wenn die Tür aufgeht, weiß ich nie, wer als nächstes kommt – jemand, der nur einen Kaffee trinken will, oder jemand in höchster Not“, sagt die stellvertretende Leiterin, die schon seit zwei Jahrzehnten hier im Einsatz ist.
Die Bahnhofsmissionen gebe es gefühlt schon immer, sagt Minister Laumann. Um genau zu sein, seit 1894. Die in Essen besteht auch schon seit 129 Jahren. Viele der Einrichtungen sind in die Jahre gekommen und können eine Renovierung gut vertragen. Es sei auch wichtig, den Menschen, die dort Hilfe oder Kontakt suchen, einen schönen Ort zu geben, sagt der Minister, aber auch den vielen Haupt- und Ehrenamtlichen, die die Arbeit der Bahnhofsmissionen tragen, ein positives Signal zu senden. „Diese wichtige Arbeit verdient unseren Respekt und unsere Unterstützung“, sagt er.
Etwa 35 Ehrenamtliche und sechs Hauptamtliche arbeiten bei der Bahnhofsmission in Essen. „Die Ehrenamtlichen sind das große Pfund der Bahnhofsmissionen“, sagt Nadine Wittmann. Sie seien das Herz der Einrichtungen und würden viel zur Atmosphäre beitragen. Ute Beese ist eine von ihnen. Mit dem Eintritt in die Rente hat sie angefangen, ehrenamtlich in der Bahnhofsmission zu arbeiten.
„Ich habe hier schon viele Geschichten gehört, die mich sehr beeindruckt haben“, sagt sie. Meistens gehe es aber erst einmal um ganz normale Themen, Fußball etwa oder das, was eben gerade so in der Welt los ist. „Wir wollen auch ein Stück Normalität geben. Dass die Leute sich fallen lassen können und sich fühlen wie jeder normale Mensch“, sagt Ute Beese.
Manchmal dauere es Wochen, Monate, manchmal auch Jahre, bis jemand sich öffnet und erzählt, was ihn oder sie beschäftigt. In welcher Notlage sich die Person befindet oder welche Lebenslagen sie durchstehen musste. Oft gehe es um Beziehungs- und Vertrauensarbeit. „Wir erleben auch Sachen, die wirklich ans Herz gehen.“ Ute Beese ist dankbar für die Arbeit der Hauptamtlichen, die sie schützen – davor, dass ihnen vor Ort etwas passiert, aber ganz besonders auch davor, dass sie das Erlebte zu sehr mitnimmt. „Seit ich hier arbeite, gehe ich auf jeden Fall mit anderen Augen durch die Stadt.“
In der Essener Bahnhofsmission werden neben dem Alltäglichen weitere Projekte und Angebote umgesetzt. Seit 2022 gibt es etwa einmal im Monat „Ellens Treff“ für FLINTA, also Frauen, Lesben, intergeschlechtliche, nicht-Binäre, transgeschlechtliche oder Agender-Personen. Männer sind bei diesen Treffen nicht erlaubt – auch nicht unter den Mitarbeitenden. „Bei diesen Treffen können sich die Frauen offen über ihre Themen austauschen“, sagt Nadine Wittmann. Wichtig sei für sie dabei, dass sie dies eben nicht unter der Beobachtung von Männern machten, von denen für sie immer wieder auch eine Bedrohung ausgehe – aber auch, dass sie das in einem kostenlosen Rahmen tun könnten. „Für manche nehmen soziale Kontakte ab, weil sie sich den Cafébesuch mit der Freundin eben nicht leisten können“, sagt Nadine Wittmann.
Einsamkeit und fehlende Kontakte seien für viele Besuchende ein Thema. Manch einer komme für die Gespräche oder um gemeinsam die Tagesschau anzusehen und eben nicht allein zu sein. Auch wenn die Bahnhofsmission nicht nur für Menschen da ist, die ihren Lebensmittelpunkt auf der Straße haben oder sich in prekären Lebenslagen befinden, macht die Arbeit mit ihnen doch einen großen Anteil des Alltags aus. Die Bahnhofsmission funktioniert dabei immer wieder auch als Clearingstelle. Jemand kommt mit einem Problem, wird erst einmal mit dem nötigsten versorgt, dann wird geschaut, welche Anlaufstelle im Hilfenetzwerk übernehmen kann.
Es sei wichtig, dass diese Menschen wieder Anschluss an die Strukturen im Hilfenetz finden, sagt Minister Karl-Josef Laumann. Und auch, wenn es dieses Hilfenetz und Strukturen gibt, die Menschen aus schwierigen Lebenslagen helfen können: „Ich glaube, ohne Barmherzigkeit, wie sie hier gelebt wird, wird es nicht funktionieren.“
Text und Fotos: Carolin Scholz
Ansprechperson
diakonie-rwl.deHintergrund
Die verschiedenen selbstständigen, lokalen Bahnhofsmissionen werden personell und finanziell von den Wohlfahrtsverbänden der Evangelischen und der Katholischen Kirche wie etwa der Diakonie, Caritas oder IN VIA und ihren regionalen und lokalen Unterorganisationen getragen. Oft arbeiten katholische und evangelische Träger dabei vor Ort ökumenisch zusammen.



