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Jahrestagung evangelische arbeitsgemeinschaft familie (eaf)

Wie Familienfreundlichkeit gelingen kann

Einfach mal groß denken – das konnten Teilnehmende aus dem gesamten Bundesgebiet bei der diesjährigen Jahrestagung der eaf („evangelische arbeitsgemeinschaft familie“). Unter dem Motto „Think BIG! Zukunftsfähiger Sozialstaat für Familien“ tauschten sie sich zwei Tage lang im Evangelischen Tagungszentrum „Auf dem Heiligen Berg“ in Wuppertal aus. Wie Marvin Schmidt, Referent der Diakonie RWL im Geschäftsfeld Familie und junge Menschen sowie Geschäftsführung der eaf-NRW, das Treffen erlebt hat. 

Kinder, Jugend, Familien und Frauen
Tagung eaf mit Sprecher Marvin Schmidt
Jahrestagung eaf Wuppertal
Jahrestagung eaf  Marvin Schmidt

Die diesjährige Jahrestagung der eaf-bund stand unter dem Motto „Think BIG! Zukunftsfähiger Sozialstaat für Familien“ und widmete sich der Frage, wie Familien, Kinder, Jugendliche und ältere Menschen in einer zunehmend komplexen Gesellschaft besser unterstützt werden können. Im Mittelpunkt standen aktuelle und geplante Sozialstaatsreformen sowie die Frage danach, wie Hilfen so gestaltet werden können, dass sie Menschen tatsächlich erreichen und ihre Wirkung entfalten. Die Herausforderungen der Nicht-Inanspruchnahme von Leistungen, der Abbau von Barrieren sowie niedrigschwellige Zugänge zu Unterstützungssystemen zogen sich dabei wie ein roter Faden durch die zwei intensiven Veranstaltungstage.

Den fachlichen Auftakt gestaltete Prof. Dr. Frank Nullmeier mit seinem Vortrag „Gerechtigkeit & Sicherheit – Sozialstaat als basale Infrastruktur“. Er plädierte dafür, Steuer- und Sozialpolitik stärker gemeinsam zu denken und verdeutlichte die Bedeutung eines leistungsfähigen Sozialstaats als Grundlage gesellschaftlicher Teilhabe. Dagmar Müller vom Deutschen Jugendinstitut e.V. (DJI) richtete anschließend den Blick auf die Frage, warum viele Menschen bestehende Leistungen und Unterstützungsangebote nicht in Anspruch nehmen. Dabei machte sie deutlich, wie vielfältig die Hürden sein können, die Familien von notwendigen Hilfen fernhalten.

Präses Dr. Thorsten Latzel Jahrestagung eaf in Wuppertal

Dr. Thorsten Latzel, Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland.

Vertrauen als zentrales Thema

Eine besondere Perspektive brachte Dr. Thorsten Latzel, Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, in die Tagung ein. Unter dem Titel „Im Vertrauen wachsen – Evangelische Perspektive auf Sozialstaat und Familie“ lenkte er den Blick auf die gesellschaftliche Bedeutung von Vertrauen. „Unsere Gesellschaft lebt in erster Linie davon, dass wir einander vertrauen, und auch Familien sind Orte des Vertrauens. Aktuell leben wir jedoch in einer Zeit verstärkten Misstrauens“, betonte Latzel. Angewiesen zu sein, sei kein Defizit des Menschen, sondern gehöre zu seiner Würde. Menschen seien von Geburt an auf andere angewiesen und blieben dies ein Leben lang. Familienfreundlichkeit zeige sich deshalb auch darin, Zeit füreinander zu haben und Räume zu schaffen, in denen Beziehungen wachsen können. Dabei hob er insbesondere die Bedeutung von Zeitfreundlichkeit und „heiligen Zeiten“ füreinander hervor.

Auch Staatssekretär Lorenz Bahr aus dem Ministerium für Kinder, Jugend, Familie, Gleichstellung, Flucht und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen (MKJFGFI) griff in seinem Grußwort zentrale Fragestellungen der Tagung auf. Mit Bezug auf den aktuellen Familienbericht NRW machte er deutlich, dass dieser neben den Herausforderungen von Familien ausdrücklich auch deren Ressourcen und Potenziale sichtbar mache. Diese gelte es weiter zu stärken und als Ausgangspunkt familienpolitischen Handelns zu nutzen.

Neben den Fachvorträgen bot die Tagung zahlreiche Möglichkeiten für Austausch, Vernetzung und Diskussion. Eine besondere Rolle spielte dabei das von der eaf-nrw entwickelte Mitmachtool „Familie sind wir alle“. Über die gesamte Tagungsdauer hinweg konnten Teilnehmende ihre Gedanken, Erfahrungen und Lösungsansätze digital einbringen, miteinander diskutieren und weiterentwickeln.

Darüber hinaus wurden die Ergebnisse von drei Workshops über das Mitmachtool dokumentiert und zum Abschluss der Tagung im Plenum vorgestellt. Die Workshops beschäftigten sich mit der Frage, wie Unterstützungsangebote und Hilfen in einem zukunftsfähigen Sozialstaat bei Familien ankommen und tatsächlich genutzt werden können. Diskutiert wurden insbesondere die Chancen und Herausforderungen von Digitalisierung, die Vereinfachung bestehender Strukturen sowie die Passgenauigkeit von Unterstützungsangeboten. Ebenso wurde darüber nachgedacht, an welchen Orten Familien niedrigschwellige Zugänge zu Beratung und Leistungen finden können. Das Mitmachtool zeigte dabei beispielhaft auf, wie digitale Beteiligung konstruktiv genutzt werden kann, um unterschiedlichste Perspektiven sichtbar zu machen und gemeinsames Nachdenken über gesellschaftliche Herausforderungen zu ermöglichen.

Abgerundet wurde die Jahrestagung durch zwei eindrucksvolle Andachten von Dr. Steffen Merle Oberkirchenrat und Referent für Sozial- und Gesellschaftspolitik der EKD und Dr. André Hartjes, ehemaliger Geschäftsführer der eaf-nrw und aktuelle Geschäftsfeldleitung (Flucht, Migration und Integration) beim Diakonischen Werk Rheinland-Westfalen-Lippe e.V.. Auch hier zog sich das Thema Vertrauen durch die Beiträge. Beide Andachten luden dazu ein, über die Bedeutung von Vertrauen für das Zusammenleben, für Familien und für einen solidarischen Sozialstaat nachzudenken.

Jahrestagung eaf Heike Buschmann, Ulrike Martin und Marvin Schmidt

Heike Buschmann (li.), Ulrike Martin und Marvin Schmidt, Referent*innen im Geschäftsfeld Familie und junge Menschen der Diakonie RWL.

Mitspracherecht für Familien

Die Jahrestagung machte deutlich: Ein zukunftsfähiger Sozialstaat braucht mehr als funktionierende Leistungen und Verwaltungsstrukturen. Er braucht Zugänge, die Menschen erreichen, Vertrauen schaffen und Familien in ihren unterschiedlichen Lebenslagen stärken. Die vielfältigen Impulse, Diskussionen und Beteiligungsformate in Wuppertal haben gezeigt, wie wichtig es ist, Sozialpolitik konsequent von den Lebensrealitäten der Menschen her zu denken.

Dass hierfür ein Raum entstand, der fachliche Tiefe, ehrlichen Austausch und neue Perspektiven ermöglichte, war nicht zuletzt der hervorragenden Planung, Organisation und Begleitung durch die Geschäftsstelle der eaf-bund zu verdanken. So wurde auch jenseits der Vorträge und Workshops erlebbar, was die Tagung an vielen Stellen thematisierte: Vertrauen wächst dort, wo Menschen miteinander ins Gespräch kommen und sich aktiv einbringen können.

Die Impulse der Tagung wirken dabei über die zwei Veranstaltungstage hinaus nach. In einer begleitend veröffentlichten Schlusserklärung und Pressemitteilung hat die eaf-bund zentrale Forderungen an die geplante Sozialstaatsreform formuliert. Dazu gehören unter anderem einfache und verständliche Zugänge zu Leistungen, wohnortnahe Anlaufstellen, eine stärkere Beteiligung der Zivilgesellschaft sowie die konsequente Ausrichtung staatlicher Unterstützung an den Lebensrealitäten von Familien. Die Ergebnisse der Workshops in Wuppertal sind dabei unmittelbar in die formulierten Forderungen eingeflossen und unterstreichen, dass ein zukunftsfähiger Sozialstaat nur dann gelingen kann, wenn die Erfahrungen und Perspektiven von Familien sowie der Praxis vor Ort von Beginn an mitgedacht werden.

Text und Fotos: Marvin Schmidt / Diakonie RWL

Ansprechperson

Verena Bretz
Referentin
Politik und Kommunikation
V.Bretzatdiakonie-rwl.de

Kurztext

Die eaf-NRW ist der familienpolitische Landesverband der Evangelischen Kirchen im Rheinland, in Westfalen und in Lippe für NRW und gleichzeitig Fachverband der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe.