Aktuelles
Fachtag Bahnhofsmissionen

Wo alle gut aufgehoben sind

Die Bahnhofsmissionen sind Anlaufstelle für alle Menschen – von Reisenden bis hin zu Menschen in existenziellen Notlagen. Eine Landesförderung von 1,25 Millionen Euro hat 2025/2026 zusätzliche Projekte und wissenschaftliche Analysen möglich gemacht. Beim Fachtag zeigte sich, wie wichtig und zugleich herausfordernd die vielfältige Arbeit der Bahnhofsmissionen heute ist. Und wie hilfreich die durch das Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales geförderten Projekte sind.

Ehrenamt
Zwei Mitarbeitende der Bahnhofsmission mit einem Mann im Rollstuhl.
Eine Gruppe sitzt vor einem blauen Plakat.
Viele Menschen sitzen zusammen in einem Raum und diskutieren.
Zwei Männer reden miteinander, einer hat ein Mikrofon in der Hand.
Zwei Frauen reden miteinander.
Ein Mann mit einem Mikrofon spricht vor einer Gruppe.
Eine Frau spricht vor einer Gruppe.

„Sie werden staunen“, sagt Silvia Raffel, Leitung Geschäftsfeld Krankenhaus und Gesundheit des Diakonischen Werks Rheinland-Westfalen-Lippe e.V. – Diakonie RWL, zu Beginn des Fachtags in Richtung der Vertreter*innen des NRW-Ministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales (MAGS). 1,25 Millionen Euro hatte das Ministerium den Bahnhofsmissionen in Nordrhein-Westfalen im Jahr 2025 für Projekte zur Verfügung gestellt, die zusätzlich zur täglichen Arbeit umgesetzt werden sollten. Relativ kurzfristig mussten Projekte gefunden werden, die sich im Rahmen dieser Förderung durchführen ließen. Doch trotz der knappen Zeit haben die Bahnhofsmissionen beeindruckende Projekte geliefert.

Insgesamt 27 Projekte wurden im Förderteil A, der sich auf die Bahnhofsmissionen  vor Ort bezieht, mit durchschnittlich jeweils bis knapp über 40.000 Euro möglich gemacht. Im Förderteil B wurde einrichtungsübergreifende sowie landesweite und für die Zukunftsfähigkeit wichtige Analysen und Kampagnen initiiert.

Beim Fachtag „Mission Zukunft: Herausforderungen für die Bahnhofsmissionen“ wurden einige der Projekte vorgestellt und konnten die Beteiligten ihre Erfahrungen austauschen. An der Tagung teilgenommen haben Vertreter*innen des MAGS, der G.I.B. (Landesgesellschaft Gestaltung, Innovation und Beratung in der Arbeits- und Sozialpolitik GmbH), Leitungen und Trägervertretungen der Bahnhofsmissionen in NRW und Vertretungen der beteiligten Hochschulen.

Ein Mann mit einem Mikrofon spricht vor einer Gruppe.

Wachsende Belastung

In ihrem Vortrag zur Standortanalyse stellte Prof. Dr. Anne van Rießen von der Hochschule Düsseldorf einen Überblick über die Lage und die Herausforderungen der Bahnhofsmissionen in NRW dar. Sie und ihr Team hatten dafür Interviews mit Leitungen, Fachkräften und erfahrenen Mitarbeitenden der Bahnhofsmissionen geführt. Um Muster und Unterschiede herauszustellen, hatten sie möglichst unterschiedliche Standorte ausgewählt.

Die Analyse, die mit den Landesmitteln möglich gemacht wurde, zeigt, dass die Bahnhofsmissionen mit wachsenden Herausforderungen konfrontiert sind: An vielen Bahnhöfen werden Serviceangebote eingeschränkt, ebenso auch Orte, um sich aufzuhalten. Städtische Hilfsangebote für Menschen in schwierigen Lebenslagen fallen weg oder werden eingeschränkt. Viele Menschen suchen dann Hilfe bei den Bahnhofsmissionen. Im Selbstverständnis aller Befragten ist die Bahnhofsmission eine Anlaufstelle für alle - für Wohnungslose, Drogenabhängige, psychisch Belastete, aber eben auch für Reisende, die Hilfe brauchen.

Eine Frau spricht vor einer Gruppe.

Ehrenamt als tragende Stütze

Um solch eine Anlaufstelle zu bleiben, sei die Arbeit der Ehrenamtlichen elementar, so die Wissenschaftlerin. Gleichzeitig stiegen die Belastungen und die Herausforderungen an die Ehrenamtlichen. Ehrenamtliche zu gewinnen, werde indes schwieriger. Ein Grund liege im veränderten Selbstverständnis von Ehrenamt, sich eher projektbezogen und zeitlich begrenzt zu engagieren. Eine gute Qualifizierung aller Mitarbeitenden sei ausgesprochen wichtig, um die Arbeit gut bewältigen zu können. 

Eine stabile Finanzierung der Bahnhofsmissionen ist nicht gesichert. „Es gibt kirchliche Mittel, es gibt zum Teil einige kommunale Zuschüsse, Projektförderungen, Spenden, Sachleistungen, aber es gibt keine sichere Finanzierung. Das fordert die Leitungen und Träger sehr heraus und ein permanentes Engagement zu der Frage: Wie hält man dieses Rad in Bewegung?", so Prof. Dr. Anne van Rießen. Dabei würden wertvolle Ressourcen verbraucht, die bei der inhaltlichen Arbeit fehlen könnten.

Eine Frau spricht vor einer Gruppe, neben ihr steht eine Tafel.

Öffentlichkeit schaffen

Einige der geförderten Projekte sollen die Mitarbeitenden an dieser Stelle stärken. So beschäftigte sich die Bahnhofsmission Bielefeld mit dem Thema Fundraising, mit neuen Spendenstrategien und Marketing. Ein Sponsorenlauf, eine Pressekampagne oder die Nutzung von Crowdfunding-Plattformen wie betterplace.org wurden geplant. Außerdem soll der Kontakt zu Spender*innen durch Veranstaltungen gestärkt werden.

Mit einer neuen „Landing Page“ macht die Bahnhofsmission Hagen inzwischen auf sich aufmerksam. Diese soll helfen, Förder*innen, Spender*innen und Ehrenamtliche für die Arbeit vor Ort zu gewinnen und die Arbeit der Bahnhofsmission bekannter zu machen. Dazu gibt es eine Mini-Online-Ausstellung und Ehrenamtsporträts.

Um die Bahnhofsmissionen auch landesweit in die Öffentlichkeit zu bringen, wurde eine landesweite Kampagne in Auftrag gegeben. Kern der Kampagne sind mehrere Motive, die in allen 23 Städten mit Bahnhofsmissionen in NRW über Großflächen, aber auch über Zeitungsanzeigen ausgespielt werden. Die Bilder zeigen Mitarbeitende bei verschiedenen Aspekten aus dem Alltag der Bahnhofsmissionen.

Qualifizierung und Vernetzung

Neben Schulungen zum Fundraising hat die Bahnhofsmission Bielefeld ihren ehren- und hauptamtlich Mitarbeitenden auch Schulungen zu Deeskalation und zum Umgang mit Krisen angeboten sowie gemeinsame Aktivitäten für den Zusammenhalt im Team.

In der Bahnhofsmission Köln wurde in die Umgestaltung des Gastraums investiert – dort gibt es nun beispielsweise eine barrierearme Toilette. Aber auch die Sicherheit der Mitarbeitenden war hier ein wichtiger Ansatzpunkt, etwa auch im Bereich der Fort- und Weiterbildungen. Dabei ging es um gute Kommunikation und den richtigen Umgang mit brenzligen Situationen.

Solche Fort- und Weiterbildungen waren für viele Bahnhofsmissionen erst Dank der Förderung möglich –  so auch bei der Bahnhofsmission in Bonn. Mit der Förderung durch das MAGS konnte das Netzwerk vor Ort gestärkt werden. „Runde Tische“ fanden bereits mehrfach statt und sollen auch in Zukunft wichtige Akteure rund um den Bahnhof an einen Tisch bringen.

Die Bahnhofsmission Lage hingegen hat mit den Fördergeldern Weiterbildungsformate für die Gäste ihrer Einrichtung finanziert. Themen dieser leicht verständlich gestalteten Vorträge waren Mieten und Wohnen, etwa Rechte und Pflichten von Mieter*innen und Vermieter*innen. Die Angebote wurden intensiv nachgefragt.

Eine Frau mit Mikrofon spricht vor einer Gruppe.

Standortanalyse

Die Evangelische Hochschule Bochum wurde beauftragt, durch eine Online-Befragung der Mitarbeitenden „Perspektiven zur Zukunftsgestaltung der Bahnhofsmissionen“ zu finden. An der Befragung nahmen 116 Mitarbeitende teil. Der Großteil davon arbeitet ehrenamtlich, aber auch Hauptamtliche, Praktikant*innen und AGH-Kräfte haben mitgemacht. Prof. Dr. Dr. Christian Zwingmann und Prof. Dr. Frank Mücher stellten beim Fachtag die Ergebnisse vor.

Eine zentrale Erkenntnis ist die „Allzuständigkeit“ der Bahnhofsmissionen. Die Mitarbeitenden versuchen, mit begrenzten Ressourcen für alle Menschen ansprechbar und eine niedrigschwellige Anlaufstelle zu sein. Gleichzeitig spüren die Mitarbeitenden, dass sie an ihre Belastbarkeitsgrenzen gelangen. Die Begleitung von Menschen in prekären Lebenssituationen benötigt viele Ressourcen, die Begleitung Reisender tritt dabei in den Hintergrund.

Für den Umgang mit schwierigen Situationen im Alltag wünschen sich die Befragten Fortbildungen, um auch auf aggressives Verhalten oder Regelverstöße reagieren zu können. Auch die Finanzierung der Arbeit ist immer wieder Thema, ebenso der Wunsch nach mehr Hauptamtlichen in den Einrichtungen. 

Ein Mann mit einem Mikrofon spricht vor einer Gruppe.

Markus Leßmann, Abteilungsleiter Soziales im Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes NRW.

So geht es weiter

Welches Bild die Bahnhofsmissionen nach außen abgeben, hat eine Befragung über die Plattform YouGov ermittelt. Insgesamt 1.000 Personen ab 18 Jahren mit Wohnsitz in NRW haben teilgenommen. Bei den 18- bis 34-Jährigen ist die Bahnhofsmission nur wenig bekannt. Der Altersgruppe ab 55 sind die Angebote am häufigsten bekannt. Häufig geben die Befragten davon aus, dass sich die Angebote fast ausschließlich an benachteiligte Menschen richtet und dass sie selber meinen, die Angebote der Bahnhofsmissionen seien für sie nicht relevant.

Das spiegelt sich auch in der Spendenbereitschaft wider: Nur etwa 42 Prozent aller Befragten ziehen eine Spende an die Bahnhofsmission in Erwägung. Viele, das zeigt die Umfrage, wissen zu wenig über deren Angebote oder empfinden es wichtiger, an andere Organisationen zu spenden.

Zur weiteren Begleitung der Bahnhofsmissionen gehört das Angebot des Ministeriums, eine Beratung durch die eigene Landesgesellschaft G.I.B. zur Verfügung zu stellen. „Oft geht es nicht darum, etwas Neues zu implementieren, sondern das, was bereits vorhanden ist, gut zusammen zu bringen“, sagt Lars Czommer von der G.I.B. Die G.I.B. wird ihr Augenmerk auf eine Vernetzung mit den kommunalen Strukturen richten.

Für die Beratung der Bahnhofsmissionen sind für 2026 bereits einige Gespräche und Austauschrunden geplant. Dabei will die G.I.B. herausfinden, was die Einrichtungen brauchen und wo es Dinge gibt, die gut laufen und die als Vorbild funktionieren können. „Wichtig ist, dass wir die Prozesse, die wir anstoßen, immer auch realistisch und gangbar machen, dass wir das Ganze kompakt halten, weil wir ja wissen, wie wenig Zeit die Hauptamtlichen zum Teil haben“, sagt Tobias Welp von der G.I.B.

Verlässliche Finanzierung

Abgerundet wurde der Fachtag von einer Austauschrunde zwischen Vertreter*innen der Träger, der Bahnhofsmissionen und des Ministeriums. Ein großes Thema war das Ehrenamt. Wichtig sei etwa, dass Ehrenamtliche nicht als Lückenfüller wahrgenommen würden. „Ihre Arbeit ist so ein kostbares Geschenk –  so müssen wir ihnen auch gegenübertreten“, sagt Clarissa Schruck von der Diakonie Düsseldorf. Gleichzeitig sei es auch wichtig, den Ehrenamtlichen Rückhalt zu geben, sie gut zu betreuen und im Blick zu behalten, wo sie möglicherweise überfordert würden.

Wichtig sei auch eine gute Vernetzung – untereinander, aber auch mit Behörden. „In einer Situation, wo das Personal kaum Zeit hat, ist es wichtig, schnell die richtigen Ansprechpersonen zu finden“, sagt Tobias Wegerhof vom Träger In Via in Düsseldorf. Oft seien die Behörden nicht gut erreichbar. Das koste Zeit und Ressourcen.

Auch die Finanzierung war Thema beim Austausch. „Wenn es so bleibt, wie es jetzt ist, wird das zum Abschmelzen der Angebote führen“, sagt Heidrun Schulz-Rabenschlag von der Diakonie Mark-Ruhr. Markus Leßmann, Abteilungsleiter Soziales im MAGS, sieht in der Stabilisierung der Bahnhofsmissionen eine wichtige Aufgabe. „Damit geht auch die Frage einher, wer kann, soll oder muss verlässlich zur Finanzierung beitragen?“, sagt er mit Blick auf die Deutsche Bahn

Er kündigte darüber hinaus an: „Wir bleiben am Ball. Wir werden weiter gucken, wo es Möglichkeiten gibt, mit Ihnen gemeinsam Projekte zu verwirklichen. Und wir werden eben auch weiter mit Ihnen schauen, wo wir insgesamt die Finanzierungsstruktur für die Bahnhofsmissionen verbessern können.“

Das Bild eines Mannes wird mit einem Beamer an die Wand gespielt.

Karl-Josef Laumann, Minister für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen, wurde beim Fachtag digital zugeschaltet.
 

Minister mit Videobotschaft

Karl-Josef Laumann, Minister für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen, sagt über die Bahnhofsmissionen NRW:

„Mir sind die Bahnhofsmissionen wichtig, denn ich glaube fest, dass sie ein sehr niedrigschwelliges Angebot für hilfesuchende Menschen in unserer Gesellschaft sind. Bahnhöfe sind immer auch Treffpunkt derjenigen, die es besonders schwer haben. Und die Bahnhofmission ist da, wo man mal auf einen Kaffee, auf ein warmes Getränk hingehen kann, wo man auch mal jemanden findet, der einem zuhört. Sie sind ein Zeichen für Menschlichkeit in unserer Gesellschaft.

Die Bahnhofsmission hat eine Aufgabe, die sich ja auch gerade Christinnen und Christen zu eigen gemacht haben. Und dass über ihre Arbeit auch die Werte des Christentums und der Glaube, der damit verbunden ist, in einem Bahnhof stattfinden, empfinde ich als wunderbares Zeichen.

Ich freue mich darüber, dass mein Ministerium die Möglichkeit hatte, den Bahnhofmissionen auch eine finanzielle Zuwendung zukommen lassen zu können. Wir wollten damit auch ermöglichen, dass Bahnhofmissionen vielleicht mal die ein oder andere Verschönerung, Verbesserung, Renovierung in ihren Räumen im Bahnhof wahrnehmen können, aber wichtig ist mir auch, dass wir überlegen: Wie können wir den Gedanken der Bahnhofmission in die heutige Zeit bringen? Wie können wir Menschen, die in der jetzigen Zeit leben, auch wieder stärker dafür begeistern, sich in einer so bewährten und lange bestehenden Institution wie der Bahnhofsmission zu engagieren?“


 

Text: Carolin Scholz Fotos: Carolin Scholz, Jana Hofmann

Ansprechperson

Verena Bretz
Referentin
Politik und Kommunikation
V.Bretzatdiakonie-rwl.de
Karen Sommer-Loeffen
Referentin
Krankenhaus und Gesundheit
K.Sommer-Loeffenatdiakonie-rwl.de

Kurztext

1894 öffnete die erste Bahnhofsmission in Berlin. Ihr Ziel: Junge Frauen vor Ausbeutung und erzwungener Prostitution zu beschützen. Heute sind die 104 Bahnhofsmissionen in ganz Deutschland zu einem festen Anlaufpunkt für alle Menschen geworden.