Aktuelles
9. Treffen der Menschen mit Armutserfahrung

„Vom Überleben zum LEBEN“

Wie kann aus dem reinen Überleben wieder ein Leben werden? Mit dieser Frage beschäftigten sich rund 120 Menschen mit Armutserfahrung beim diesjährigen Treffen in Düsseldorf. Im Austausch mit Wissenschaft und Wohlfahrt entwickelten sie konkrete Forderungen an Politik und Verwaltung. 

Armut und soziale Notlagen
Das Plenum beim Treffen der Menschen mit Armutserfahrung 2026
Arbeitsgruppe beim Aktion beim Treffen der Menschen mit Armutserfahrung 2026
Michaela Hofmann beim Treffen der Menschen mit Armutserfahrung 2026
Arnd Liesendahl und Meral Ökten beim Treffen der Menschen mit Armutserfahrung

Armut grenzt aus – sozial, politisch und gesellschaftlich. Wie sich das ändern lässt, diskutierten rund 120 Teilnehmende beim mittlerweile 9. Treffen von Menschen mit Armutserfahrung in Nordrhein-Westfalen am Mittwoch, 5. August. In diesem Jahr stand das Treffen in der Hochschule Düsseldorf unter dem Motto „Vom Überleben zum LEBEN“.  

„Es geht nicht nur ums Überleben. Es geht um ein Leben in Würde. Es geht darum, Teil der Gesellschaft zu sein, gehört zu werden und mitgestalten zu können“, sagte die Vorsitzende der Freien Wohlfahrtspflege NRW, Kirsten Schwenke, in ihrer Begrüßung. „Ihre Erfahrungen sind kein Randthema. Sie gehören in die Mitte der sozialpolitischen Debatte. Deshalb sind Räume wie dieser so wertvoll. Sie schaffen Austausch, Vernetzung und Selbstvertretung. Sie machen sichtbar, dass Menschen mit Armutserfahrung nicht nur Probleme beschreiben, sondern konkrete Lösungen entwickeln.“

Kirsten Schwenke beim Treffen der Menschen mit Armutserfahrung 2026

Folgen der Sozialstaatsreformen 

Zu Beginn der Tagung gab es einen Input von Sigrid Leitner, Professorin für Sozialpolitik an der Technischen Hochschule Köln. Sie ordnete die aktuellen sozialstaatlichen Reformen ein und machte deutlich, dass zentrale solidarische Sicherungssysteme zunehmend unter Druck geraten. Am Beispiel der Grundsicherung zeigte sie, dass sie nicht ausreicht, um die Existenz der Menschen zu sichern und ihnen gesellschaftliche, kulturelle und politische Teilhabe zu ermöglichen. „Wir sehen hier ganz deutlich eine Entsolidarisierung. Das, was die Gemeinschaft denen zubilligt, für die sie eigentlich Fürsorge leisten sollte, ist nicht mehr besonders solidarisch“, sagte sie. „Wo ist eigentlich der Widerstand gegen die Kürzungen? Ich sehe noch keine große soziale Bewegung, aber das heißt ja nicht, dass wir sie nicht anzetteln können!“ 

Professorin Sigrid Leitner

Forderungen aus der Praxis 

Wie Protest, Forderungen und Lösungen aussehen könnten, erarbeiteten die Teilnehmenden anschließend in sechs Arbeitsgruppen. Ob politische Partizipation, Arbeit, Wohnen, Sozialpässe, Digitalisierung oder Zugänge zu Sozialleistungen – die Expert*innen in eigener Sache entwickelten Forderungen und Ideen, wie es besser laufen könnte. Dazu gehörten ein einfacher und diskriminierungsfreier Zugang zu Sozialleistungen und bezahlbarem Wohnraum, die tatsächliche Umsetzung des Rechts auf Beratung und Ressourcen für die eigene Vernetzung und politische Beteiligung. 

Arbeitsgruppe beim Treffen der Menschen mit Armutserfahrung 2026

Gemeinsam Veränderungen anstoßen 

„Wir wollen eine politische Selbstvertretung von Menschen mit Armutserfahrung in Nordrhein-Westfalen etablieren“, sagte Meral Ökten, Expertin in eigener Sache. Sie gehört zum Organisationsteam des Treffens und engagiert sich politisch: In Gesprächen mit Ministerien, Jobcentern, Politiker*innen und Fraktionen bringt sie immer wieder die Perspektive von Menschen mit Armutserfahrung ein. „Durch diese Regierung und reichen Lobbygruppen erleben wir einen beispiellosen Angriff auf den Sozialstaat. Wir brauchen Menschen, die Lust haben, politisch mitzumischen“, sagte Ökten.

Dass die Tagung weit mehr ist als ein fachlicher Austausch, machte auch Michaela Hofmann deutlich: „Dieses Treffen sorgt für Normalität. Menschen merken, dass sie über ihre Probleme sprechen können“, sagte die Koordinatorin für den Ausschuss Armut und Sozialberichterstattung der Freien Wohlfahrtspflege NRW. „Es ist wichtig, dass wir sichtbar machen, dass der Sozialstaat eine Solidargemeinschaft ist, die allen das Gefühl gibt, dazuzugehören.“

Auch für Maximilian Köster, Referent bei der Diakonie RWL, zeigt das Treffen, wie wichtig die Beteiligung von Menschen mit Armutserfahrung ist: „Wer Armut wirksam bekämpfen will, muss den Menschen zuhören, die sie täglich erleben. Ihre Erfahrungen zeigen, wo Unterstützung funktioniert und wo unser Sozialstaat noch Hürden aufbaut.“

Seit neun Jahren schaffen AWO, Caritas, Diakonie, DRK, Der Paritätische und die Jüdischen Gemeinden mit dem Treffen einen Raum, in dem Menschen mit Armutserfahrung ihre Perspektiven einbringen und politische Forderungen entwickeln können. Die gemeinsame Abschlussaktion auf dem Gelände der Hochschule Düsseldorf machte deutlich: Der Einsatz für einen starken Sozialstaat und gegen Armut geht weiter. „Tragt den Protest auch auf die Straße. Wir müssen größer werden!“, appellierte Teilnehmerin Sonja Waszerks aus Köln.

Text: Jana Hofmann, Fotos: Katharina Kindsmüller / Freie Wohlfahrtspflege NRW 

Ansprechperson

Maximilian Köster
Referent
Berufliche und soziale Integration
M.Koesteratdiakonie-rwl.de