Wenn Fremde ins Gespräch kommen
Auf dem Opernvorplatz in Dortmund wird an diesem Samstag angeregt gesprochen. Mehr als 50 Tische sind hier aufgebaut - fast alle sind besetzt. Die Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner wirken von außen sehr unterschiedlich: Hier sitzen junge Menschen gegenüber von älteren, stark tätowierte gegenüber von konservativ gekleideten, Birkenstocks gegenüber von Trekking-Sandalen.
Die Konstellationen sind aber nicht nur äußerlich unterschiedlich. Die, die hier zum Gespräch kommen, nehmen an der Aktion „Das Ruhrgebiet spricht“ teil. Wer sich anmeldet, beantwortet zehn vorgegebene Fragen. Der Algorithmus der Wochenzeitung Die Zeit bringt dann Paare zusammen, die möglichst gegensätzlich geantwortet haben. Die Veranstaltung in Dortmund ist eine Initiative der Stadtkirche St. Reinoldi, der Diakonie Dortmund und Lünen und des Dortmunder Theaters. Finanziell unterstützt wird die Aktion unter anderem von der Demokratie-Kollekte der Diakonie RWL. Zeitgleich zu Dortmund wird auch in drei weiteren Städten gesprochen: in Bochum, Duisburg und Essen.
„Die Leute beschäftigt ganz grundsätzlich die rasante Geschwindigkeit der großen Veränderungen, die gerade anstehen und dann eben die Themen der Sozialen Gerechtigkeit in der Gesellschaft“, sagt Uta Schütte-Haermeier Geschäftsführerin der Diakonie Dortmund und Lünen.
Susanne Karmeier, Pfarrerin der Stadtkirche St. Reinoldi in Dortmund sagt: „Das Besondere ist, dass wir hier Menschen zusammenbringen, die sich vorher nicht gekannt haben und die hier über existentielle Fragen sprechen.“ Fragen wie: Wie stelle ich mir mein Leben vor, wie meine Zukunft oder das Zusammenleben in meinem Viertel? Dabei gehöre nicht nur das Sprechen dazu, sondern unbedingt auch das Zuhören.

Veye Tatah (li.) und Ibrahim Direnc unterhalten sich angeregt. Sie wären sich im Alltag vermutlich nicht begegnet.
Das Ziel: noch diverser
Läuft man zwischen den Tischen entlang, sind viele interessierte Fragen und überlegte Antworten zu hören. Nicht immer geht es dabei um Politik, oft auch um den Lebensweg der Gesprächspartnerinnen und -partner. „Wir haben über alles möglich geredet“, sagt Ibrahim Direnc. Die vorgegebenen Fragen seien aber eine gute Stütze gewesen, um auch die gesellschaftlichen Themen zu besprechen. Etwa: Fühlst du dich sicher? Sollte die Politik stärker für bezahlbares Wohnen eingreifen? Findest du, dass es wieder eine allgemeine Wehrpflicht geben sollte? Beeinflusst der Klimawandel deine Entscheidungen im Alltag? Und gibt es politische Akteure, denen du echte Veränderung zutraust?
Ibrahim Direnc würde sich grün-konservativ verorten, seine Gesprächspartnerin Veye Tatah als links. Er habe den politischen Austausch gesucht und sich deshalb angemeldet. Veye Tatah wurde eingeladen und wollte sich die Aktion einmal ansehen. „Ich bin ein sehr offener Mensch und komme eigentlich immer schnell ins Gespräch“, sagt sie. Trotzdem wären sie und Ibrahim Direnc sich im Alltag vermutlich nicht begegnet. Ein paar Themen, wie die Wehrpflicht, habe es gegeben, bei der sich ihre Meinung unterschieden habe. Ansonsten waren sie sich auch oft einig.
Schon im vergangenen Jahr war die Resonanz positiv. Bei manchen sei es erstaunlich gewesen, dass sie bei bestimmten Themen eine Meinung vertreten haben, die man nicht erwartet hätte, sagt Uta Schütte-Haermeier. „Das sieht man den Leuten eben nicht an.“ Viele Paare hatten aber auch festgestellt, dass sie so unterschiedlich dann doch nicht denken. „Sie haben aber auch dann gesagt, dass sich die Teilnahme gelohnt hat“, sagt Susanne Karmeier. Einfach, weil es interessant gewesen sei, jemanden kennenzulernen, den man vorher nicht kannte und Argumente und Lebensrealitäten der Teilnehmenden trotz ähnlicher Meinung unterschiedlich waren. Für dieses Jahr habe man sich vorgenommen, noch diverser zu werden. „Wir haben versucht, sehr breit in ganz verschiedene Richtungen in verschiedene Communitys zu streuen und es ist heute auch tatsächlich noch diverser auf dem Platz“, sagt Susanne Karmeier.

Nazmiye Keceli und ihr Gesprächspartner Frank Magiera haben direkt nach ihrem Gespräch Nummern getauscht.
Stärkend und verbindend
„Wir sind gar nicht so verschieden“, sagt Nazmiye Keceli lachend. Nach ihrem Gespräch wurden direkt Nummern ausgetauscht. Offenheit hilft immer - mit diesem Gedanken ist sie zum Opernvorplatz gekommen. „Man kann ja unterschiedlicher Meinung sein, aber das muss man dann einfach akzeptieren“, sagt sie. Sie habe hier niemanden überzeugen, sondern andere Ansichten kennenlernen wollen. Ihr Gesprächspartner Frank Magiera fand den Austausch bereichernd. „Es ist spannend, auch mal durch die Brille einer anderen Person zu schauen“, sagt er. Er sei auch auf neue Gedanken gekommen und nimmt mit, im Alltag mehr auf zufällige, schöne Kleinigkeiten zu achten.
„Miteinander ins Gespräch zu kommen, ist eines der ureigensten Anliegen des Theaterbetriebs“, sagt Tobias Ehinger, Geschäftsführender Direktor des Dortmunder Theaters. Auch deshalb habe man schnell angeboten, das Gesprächsprojekt auf dem Vorplatz der Oper durchzuführen. „Ich glaube sehr stark an Begegnung. Man muss nicht der gleichen Meinung sein, aber man kann von jedem Menschen und jeder Kultur etwas lernen.“
„Vieles an der Polarisierung, die man aktuell spürt, ist meinem Eindruck nach vorgestellt und vermittelt und betrifft eher die Ränder, in der Mitte ist man aber gesprächsfähig“, sagt Susanne Karmeier. Auch deshalb gebe es dieses Projekt: nicht nur, um zu sehen, wie andere denken oder welche Meinung sie haben, sondern auch um zu sehen, wie viele bereit für ein Gespräch sind. „Das hat etwas Stärkendes und Verbindendes“, sagt sie.

Katrin Pinetzki und Björn Merschmeier sind sich gar nicht so unähnlich. Sie unterscheiden sich hauptsächlich durch den Altersunterschied.
Markenkern des Ruhrgebiets
Katrin Pinetzki und Björn Merschmeier gehörten an diesem Tag nicht zu den kontroversesten Paarungen auf dem Theaterplatz. Unterschieden haben sich die Perspektiven besonders durch den Altersunterschied: Rund um die 50 und rund um die 30 Jahre. Besonders beim Social-Media-Verbot und bei der Wehrpflicht sei man unterschiedlicher Meinung gewesen. Ansonsten haben sich beide viel über ihre unterschiedlichen Lebensphasen ausgetauscht und über eigene Erfahrungen.
„Diversität ist ein Markenkern des Ruhrgebiets“, sagt Uta Schütte-Haermeier. Durch die Industrialisierung sind die heutigen Städte entstanden - die habe aber nur funktioniert, weil sehr viele Menschen zugewandert sind. „Diese Diversität ist also etwas, was wir im Ruhrgebiet eigentlich gut können, aber zu wenig gepflegt haben“. Den Diskurs und wie man Diversität und Unterschiedlichkeit in einer Gesellschaft gut handhabt. „Da habe wir eigentlich viel Vorerfahrung, man muss es aber auch pflegen – und das tun wir mit so einem Format.“
Text und Fotos: Carolin Scholz
Ansprechperson
Info
Worum geht es bei "Das Ruhrgebiet spricht?: Reden über das, was trennt und was verbindet, über das Leben im Revier, über Wandel und Zusammenhalt, über Alltagslasten und Zukunftsfragen. Finanziell unterstützt wird die Aktion unter anderem von der Demokratie-Kollekte der Diakonie RWL.







