Für Armut Worte finden
Rekord beim Treffen der Menschen mit Armutserfahrung: 90 Teilnehmende – so viele wie noch nie – diskutieren auf Initiative der Freien Wohlfahrtspflege NRW, wie sie ihre Lebenssituation verbessern können. Sie fordern mehr Gehör von Politik und Gesellschaft und ein Ende der Diskriminierung von Menschen, die Armut erfahren.
Schon die Zahl der Teilnehmenden macht deutlich, wie groß die Not vieler Menschen ist: 90 Frauen und Männer, so viele wie noch nie, haben am siebten Treffen der Menschen mit Armutserfahrung teilgenommen. Eingeladen hatte die Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege in Nordrhein-Westfalen (LAG FW NRW), geplant und organisiert wurde das Treffen von den Teilnehmenden selbst. Alle lebten oder leben in Armut, viele mit körperlichen oder psychischen Behinderungen, manche sind oder waren wohnungslos. NRW-weit ist es das einzige Treffen dieser Art.
"Mir fehlen die Worte! Armut besprechbar machen" – so lautete das Motto der diesjährigen Tagung in den Räumen des Kölner Diözesan-Caritasverbandes. Michaela Hofmann koordiniert den Ausschuss Armut und Sozialberichterstattung der Freien Wohlfahrtspflege NRW und bereitete das Treffen vor. Sie erklärt: "Armut wird in der Gesellschaft zwar wahrgenommen, aber häufig werden nur Stereotype verwendet. Den Betroffen selbst fehlen Möglichkeiten und Gelegenheiten, sich zu äußern." Aber was sind die richtigen Worte? "Das wissen die Betroffenen am besten selbst", so Hofmann.

Die UN-Landwirtschaftsorganisation schätzt, dass in Deutschland drei Millionen Menschen unter Ernährungsarmut leiden.
Plattform für Austausch
Das Treffen ist nicht nur eine Art Parlament derjenigen, die am Rande der Gesellschaft stehen, es dient auch als Plattform – um sich etwa über neue Regelungen und Gesetze zu informieren und um mit Politik und Behörden ins Gespräch zu kommen. So nahmen etwa auch die Grünen-Landtagsabgeordnete Jule Wenzel und Vertreter*innen von Jobcentern teil.
Thorsten Prinz war bereits zum dritten Mal dabei. Der 54-Jährige aus Frechen ist gelernter Maurer, krankheitsbedingt aber nicht mehr erwerbsfähig. Er lebt von Bürgergeld. "Ich fühle mich von Politik und Gesellschaft übersehen und übergangen", sagt er. Er kann nicht verstehen, wie Politiker*innen selbst hohe Diäten beziehen, sich aber nicht genug für Menschen mit wenig Geld einsetzen. Prinz selbst würde gern wieder einmal in Urlaub fahren, kann es sich aber nicht leisten. Einer aktuellen Statistik zufolge kann sich nicht einmal die Hälfte aller einkommensarmen Haushalte in Deutschland einen einwöchigen Urlaub leisten. Thorsten Prinz habe, so sagt er, nicht einmal Geld für ein Deutschlandticket.
Aus Bremen reiste Sabrina Fanslau an. Die 34-Jährige berichtet, sie habe eine "schwierige Beziehung" hinter sich: "Mein Freund konnte nicht mit Geld umgehen." Das trieb das Paar in die Insolvenz, aus der sie sich mühsam wieder herausarbeitet.

Sabrina Fanslau ist aus Bremen angereist. Sie tappte in die Schuldenfalle und lebt deshalb in Armut.

In Arbeitsgruppen diskutierten die Teilnehmenden Schwerpunktthemen, etwa die Herausforderung, Geld für das Deutschlandticket aufzubringen, um mobil zu bleiben.
Die richtigen Worte finden
Aber wie darüber sprechen? Wie kann man seine Notsituation plausibel machen – vor allem gegenüber der Politik?
Jule Wenzel, sozialpolitische Sprecherin der Grünen im NRW-Landtag, zeigt Verständnis: Es gehe in der aktuellen Bürgergeld-Debatte um die richtigen Worte, das gelte auch für die Politik. "Vor allem die Sprache in den sozialen Netzwerken ist psychisch belastend", so Wenzel.
Auch Politiker*innen seien gefordert, ihre Sprache auf Vorurteile zu überprüfen, so Diakonie RWL-Armutsexpertin Heike Moerland, die ebenfalls an dem Treffen teilnahm. "In der aktuellen politischen Debatte werden Menschen, die Bürgergeld erhalten, herabgewertet. Politiker*innen sollten eine respektvolle Sprache verwenden." Außerdem brauche es mehr Aufklärung über die Ursachen für Armut. "Wir müssen das Thema Armut frei von Scham und Schuld machen und immer wieder deutlich machen: Das Problem liegt nicht bei den Menschen, die Armut erleben, sondern bei einer Gesellschaft, die Armut zulässt", fasst Moerland eine zentrale Forderung des Treffens zusammen.
Neben den falschen oder fehlenden Worten für Armut kritisierten Betroffenen vor allem Einschränkungen in ihrer Mobilität. Sie forderten ein kostenloses Deutschlandticket für alle, die Bürgergeld beziehen. Ein weiteres großes Thema war die schwierige Erreichbarkeit der Jobcenter. Viel zu oft seien deren Mitarbeitende nicht oder nur online zu erreichbar. Handys oder Computer würden für eine Kontaktaufnahme vorausgesetzt, viele Betroffene besitzen derartige Geräte aber gar nicht oder sind – aufgrund von Sprachbarrieren – nicht in der Lage, eine Mail so zu formulieren, dass ihr Anliegen klar wird. "Das A und O ist die persönliche Beratung", räumte auch ein Jobcenter-Vertreter ein und versprach, sich für einen Verbesserung einzusetzen.
Lobbyarbeit Haushaltskürzungen
Die Sparpläne der Bundesregierung im Sozialen hat die Diakonie RWL in direkten Gesprächen und Briefen an die entsprechenden Minister*innen, Fraktionsspitzen und fachpolitischen Sprecher*innen sowie Bundes- und Landtagsabgeordnete adressiert. Auch mit der Landesarbeitsgemeinschaft Freie Wohlfahrtspflege NRW (LAG FW) und der Bundesdiakonie besteht weiterhin eine enge Zusammenarbeit. Die Großdemonstration der LAG FW vor dem Landtag beförderte die Diakonie RWL stark. Informationen und die eigene Berichterstattung der Diakonie RWL fasst dieses Dossier zusammen: https://www.diakonie-rwl.de/haushaltskuerzungen
Wirtschaftlich steht der Landesverband gesund da: So konnte das Jahr 2022 mit einem Überschuss von rund 1,87 Millionen Euro abgeschlossen werden. Die Delegierten in der Hauptversammlung bestätigten den Jahresabschluss sowie die Entlastung des Vorstandes und Verwaltungsrates. Sie beschlossen ebenfalls den Wirtschaftsplan für das Jahr 2024.
Text: Pia Klinkhammer/DiCV Köln, Redaktion: Jana Hofmann, Fotos: Jo Schwartz/ DiCV Köln
Ansprechperson
diakonie-rwl.deAnhang
Kurztext
Treffen der Menschen mit Armutserfahrung: 90 Teilnehmende – so viele wie noch nie – diskutieren auf Initiative der Freien Wohlfahrtspflege NRW, wie sie ihre Lebenssituation verbessern können
Infobox
Zunehmender Reichtum auf der einen Seite und verfestigte Armut auf der anderen – das passt nicht zusammen, meint die Diakonie. Deshalb macht sie sich dafür stark, dass das Thema Armutsbekämpfung auf der Agenda bleibt.
Das Diakonische Werk Rheinland-Westfalen-Lippe e.V. ist der größte diakonische Landesverband und einer der größten Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege. Es erstreckt sich über Nordrhein-Westfalen, Teile von Rheinland-Pfalz, das Saarland und Hessen. Die Diakonie RWL repräsentiert rund 5.000 evangelische Sozialeinrichtungen, in denen 390.000 Mitarbeitende hauptamtlich oder ehrenamtlich tätig sind. Die regionalen Diakonischen Werke nehmen als örtliche Wohlfahrtsverbände und regionale Gliederungen der Diakonie RWL in der Regel die Vertretung der Diakonie in der Region gegenüber den staatlichen, kommunalen, kirchlichen und anderen Stellen wahr.



