Unter Transformationsdruck: Wie die Sozialwirtschaft ihre Zukunft neu denkt
Mit dem Deutschen Bergbaumuseum hatten das Diakonische Werk Rheinland-Westfalen-Lippe (Diakonie RWL) und die Organisationsberatung contec als Veranstalter einen symbolträchtigen Ort für die zweitägige Fachveranstaltung gewählt: Kaum eine andere Region steht so sehr für den Strukturwandel wie das Ruhrgebiet mit seiner Bergbaugeschichte. Die Parallelen zur Sozialbranche sind offensichtlich, denn auch diese steht unter erheblichem Transformationsdruck.
„Wir alle nehmen wahr, dass sich die Rahmenbedingungen eklatant verändern, nicht zuletzt durch Themen wie Fachkräftemangel, gesellschaftliche Transformation und Künstliche Intelligenz“, brachte contec-Geschäftsführer Thomas Müller die aktuellen Herausforderungen bei der Eröffnung auf den Punkt. Diakonie-Vorstand Christian Heine-Göttelmann betonte, dass die Soziale Arbeit trotz aller Umbrüche vor allem von engagierten, fachkundigen Menschen lebt. Seine Leitfrage: „Wie gelingt es uns, in Zeiten von Fachkräftemangel Menschen und Organisationen sinnvoll miteinander zu koppeln?“

Dr. Thomas Müller, Geschäftsführer contec
Change by Design
Erste Antworten lieferte der Management-Experte und Innovationsforscher Prof. Dr. Jan Tietmeyer von der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst in Göttingen. Mithilfe der Methode „Design Thinking“ analysierte er die Lage der Sozialwirtschaft und ging der Frage nach, wie sie ihre eigene Mission bewahren kann. Seine Empfehlung an die Führung der Branche: verbandsübergreifende strategische Allianzen bilden, um die großen Aufgaben der Zeit gemeinsam anzugehen. Außerdem: Weniger auf Einzelfallfinanzierungen setzen und das Konzept der Sozialraumorientierung neu denken.

Auf dem Podium herrschte Einigkeit: Tragfähige Lösungen können nur im gemeinsamen Dialog und auf Grundlage gegenseitigen Vertrauens entstehen.
Hochkarätiges politisches Podium
Bei einer Podiumsdiskussion, an der Vertreterinnen und Vertreter der Freien Wohlfahrtspflege teilnahmen (Sabine Hirte, Vorstandsvorsitzende Evangelisches Johanneswerk; Michael Schmidt, Vorstandsvorsitzender Diakonie Düsseldorf) sowie aus Politik und Kommunen (Staatssekretär Lorenz Bahr-Hedemann aus dem NRW-Familien- und Fluchtministerium; Takis Mehmet Ali, Landesrat für Soziales im Landschaftsverband Westfalen-Lippe; Daniela Schneckenburger, Beigeordnete Deutscher Städtetag für Bildung, Integration, Kultur, Sport und Gleichstellung), stand die Zukunft des Sozialstaats im Mittelpunkt.
WDR-Radiomoderator Uwe Schulz führte souverän und mit pointierten Fragen durch diese Diskussion wie auch durch den gesamten Kongress. Vor dem Hintergrund eines zuvor geleakten „Vorschlagsbuchs“ aus dem Bundeskanzleramt einer Arbeitsgruppe von Bund, Ländern und Kommunen warnten die Teilnehmenden davor, Grundlagen wie Subsidiarität, individuelle Rechtsansprüche und soziale Teilhabe infrage zu stellen. Gleichzeitig verwiesen sie auf den wachsenden finanziellen Druck auf die öffentlichen Haushalte sowie den Fachkräftemangel als Treiber notwendiger Veränderungen. Einigkeit bestand darin, dass tragfähige Lösungen nur im gemeinsamen Dialog und auf Grundlage gegenseitigen Vertrauens entstehen können.

Arbeitswissenschaftlerin Dr. phil. Nina Garthe, Bergische Universität Wuppertal
Ältere Mitarbeitende als wertvolle Ressource
Den Impuls, dass das Management sozialer Einrichtungen ältere Mitarbeitende stärker in den Blick nehmen und den Übergang in den Ruhestand rechtzeitig ansprechen sollte, brachte Arbeitswissenschaftlerin Dr. phil. Nina Garthe (Bergische Universität Wuppertal) ein. Erfahrungsgemäß seien viele Beschäftigte vier bis fünf Jahre vor ihrem geplanten Ausscheiden noch offen für eine Weiterbeschäftigung – diese Zeit sollten Personaler nutzen, andernfalls verlasse ein Großteil den Job, noch bevor das gesetzliche Renteneintrittsalter erreicht würde.
Mit der Frage, wie Künstliche Intelligenz (K)) in der Sozialwirtschaft sinnvoll eingesetzt werden kann und wo ihre Grenzen liegen, befassten sich Prof. Dr. habil. Dennis Klinkhammer (FOM Hochschule) und Prof. Dr. Marc Augustin (Evangelische Hochschule Bochum). Für Klinkhammer steht außer Frage, dass KI die soziale Arbeit grundlegend verändern wird. Entscheidend sei deshalb, diesen Wandel mitzugestalten. Er appellierte an die Führungskräfte, Datenkompetenz als Kernkompetenz zu etablieren und gezielt „Promoter*innen“ mit IT-Affinität einzusetzen, die die digitale Transformation vorantreiben. Augustin ergänzte diese Aspekte um ethische Leitplanken für den KI-Einsatz im Sozialwesen, darunter das Prinzip der „Menschenzentrierung“. Die Verantwortung für wesentliche Entscheidungen müsse stets beim Menschen verbleiben.

Elke Eckardt, CEO der Evangelischen Heimstiftung
KI im Pflegealltag – strategisch und ganz praktisch
Praxisnahe Einblicke, wie KI in sozialen Organisationen eingeführt werden kann, gaben die Vorträge von Elke Eckardt, CEO der Evangelischen Heimstiftung, und Birgitta Neumann, Partnerin und Mitglied der Geschäftsleitung von contec. Eckardt stellte die KI-Strategie des größten baden-württembergischen Pflegeunternehmens vor. Diese ist eng an der Gesamtstrategie gekoppelt. Sie ermutigte dazu, die Chancen von KI aktiv zu nutzen, statt sie als „Schatten-KI“ unkontrolliert entstehen zu lassen. Auch Neumann zeigte sich überzeugt, dass Digitalisierung und KI nur dort ihre Wirkung entfalten, wo es eine klare Strategie, Strukturen und Verantwortlichkeiten gibt. Ihr Fazit: „Nicht die Technologie entscheidet über Wirkung, sondern die Fähigkeit einer Organisation, Veränderung strategisch zu führen und nachhaltig zu verankern.“

Den Teilnehmenden blieb außerhalb des Programms genug Zeit für Vernetzung und intensiven Austausch.
Vernetzung bei Sonnenschein und Sekt
Ergänzt wurde das Programm von verschiedenen Deep-Dives, bei denen die Teilnehmenden Gelegenheit hatten, sich über Themen wie „Resiliente Organisationen“ oder „Weg von der Innovationsinsel – rein in die Organisationsentwicklung“ auszutauschen. Das Abendprogramm – mit Sektempfang auf dem Fördergerüst des Bergbaumuseums, einer Führung „unter Tage“ und einem gemeinsamen Essen – bot darüber hinaus reichlich Raum für Vernetzung und vertiefende Gespräche. Kirsten Schwenke, Vorständin beim Diakonischen Werk Rheinland-Westfalen-Lippe, fasste die Eindrücke der zwei Tage zusammen: „Ich gehe hier mental gestärkt und im Zukunftsmodus raus und bin dankbar für die vielen Impulse.“
Text: Annette Borgstedt, Fotos: Philip Schunke / contec






