Vom Trauma zur Stärke
Der Verein Internationales Mädchenzentrum Gladbeck ist einer der kleinsten Träger in der Diakonie RWL. Sie richten sich im Schwerpunkt an Mädchen und Frauen mit Zuwanderungsgeschichte. Was bieten Sie ihnen an?
Esther Montzka: Uns geht es vor allem um niedrigschwellige Angebote. Wir sind eine klassische offene Einrichtung, die tagesaktuell besucht werden kann: Hausaufgabenzeit, Internationales Frauencafé, Deutsch im Alltag, Do it Yourself-Werkstatt oder Tanz und Bewegung. Dazu kommen Angebote zur Selbststärkung: Empowerment- und "Mut tut gut"-Trainings. Formularhilfe und Familien-Coaching für neu zugewanderte Frauen, Ferienprogramme, politische Bildungsarbeit, Präventions- und Schulungsangebote runden das Programm ab.
Das Internationale Mädchenzentrum begleitet seit 40 Jahren Mädchen und Frauen. Warum ist Ihnen die Arbeit so wichtig?
Montzka: Ein selbstbestimmtes Aufwachsen ist für viele Mädchen weltweit noch immer ein Privileg. Das macht mich bestürzt und fassungslos und daran müssen wir weiterhin mit vereinten Kräften arbeiten. Es liegt mir sehr am Herzen, Mädchen und Frauen zu fördern und ihnen die gleichberechtigte Teilhabe an der Gesellschaft zu ermöglichen.

Esther Montzka leitet die Integrationsagentur und das Internationale Mädchenzentrum Gladbeck.
Wie sieht das konkret aus?
Montzka: Da fällt mir gleich ein Mädchen ein, das wir bis heute begleiten. Sie kam 2016 als junges Mädchen zu uns. Sie und ihre Familie kommen aus dem Irak. Eines Tages kam der Vater mit seiner Tochter ins Internationale Mädchenzentrum und fragte, ob sie direkt nach ihrer Neuankunft in Deutschland bei uns mitmachen darf. Sie sprach kein Wort Deutsch, wir haben uns mit Händen und Füßen verständigt.
Es ist eine ganz enge Bindung zu dem Mädchen entstanden, sie besucht heute immer noch unsere Einrichtung. Als sie anfangs zu uns kam, haben wir schnell bemerkt, dass sie besondere Unterstützung braucht: Die Fluchtsituation war sehr belastend und traumatisierend. Das alte Haus im Irak war der Sehnsuchtsort der Familie. Ihr älterer Bruder war noch im Irak und konnte nicht nachkommen, was die Familie stark belastete. Das Mädchen hat auch erlebt, wie traumatisiert die Mutter war. Das hat sich auch auf die Tochter übertragen.
Wie konnten Sie das Mädchen und die Familie in dieser schwierigen Situation unterstützen?
Montzka: Leider wurde ihre Traumatisierung in der Schule nicht berücksichtigt: Im Schulsystem ist eine traumasensible Begleitung nicht vorgesehen. Wir haben das Gespräch mit der Schule gesucht und schließlich hat das Mädchen die Schule gewechselt. Sie besuchte eine Förderschule im Stadtteil und konnte dort eine intensivere Begleitung erfahren. Inzwischen besucht sie ein Berufskolleg und ist nun voller Stolz und mit Unterstützung ihrer Eltern auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz.
Sie hat an all unseren Angeboten und unseren Empowerment-Trainings teilgenommen. Jetzt ist sie sehr gestärkt. Mittlerweile ist sie 18 Jahre alt und wir freuen uns sehr, ihre Entwicklung zu sehen: Sie hat sich von einem schüchternen, traumatisierten Mädchen zu einer sehr starken heranwachsenden jungen Frau entwickelt. Auch zu Hause hat sich die Situation entspannt: Ihr älterer Bruder konnte endlich nach Deutschland nachkommen. Ihre Bedürfnisse kann sie ganz klar zum Ausdruck bringen. Zum Beispiel hat sie kürzlich ein Berufspraktikum absolviert und kann sehr gut formulieren, was sie braucht und was sie sich für ihre Zukunft wünscht.

Was brauchen Sie, damit Sie Ihre Arbeit gut weiterführen können?
Montzka: Gerade aus der Perspektive unseres kleinen Trägervereins ist eine gute Finanzierung ein riesiges Thema. Ohne eine langfristige Förderung und eine Anpassung an die wachsenden Kosten könnte es passieren, dass Träger ihre Angebote nicht aufrechterhalten können. Der Wunsch wäre auch hier eine zu hundert Prozent geförderte Strukturförderung, auch als Wertschätzung der langjährig vorbildlichen Integrationsarbeit der freien Wohlfahrtsverbände.
Die Integrationsagenturen sind unverzichtbar, um ein gutes, faires und friedliches Zusammenleben aller Menschen in NRW zu gestalten. Es ist deshalb ein wichtiges und richtiges integrationspolitisches Signal, unsere Arbeit finanziell zu stärken und ein bundesweit wegweisendes "Modellprojekt" in der gelungenen Integrationsinfrastruktur des Landes zu sein.
Mit einer gesicherten Finanzierung können wir unsere Strukturen festigen und ausbauen. Im Internationalen Mädchenzentrum sind unsere Kapazitäten sehr ausgeschöpft. Wir würden gerne noch mehr anbieten, um Mädchen und Frauen zu stärken: Der Bedarf ist da, wir können ihn aber leider nicht komplett abdecken.
Das Gespräch führte Jana Hofmann, Fotos: Int. Mädchenzentrum Gladbeck, Privat
Die Integrationsagenturen
Die mehr als 200 Integrationsagenturen in Nordrhein-Westfalen haben das Ziel, die gesellschaftliche Teilhabe von zugewanderten Menschen zu verbessern. Sie sind seit 2007 in den Kommunen, Stadtteilen und Quartieren aktiv und arbeiten mit Gemeinden, Behörden, Einrichtungen oder Initiativen zusammen. Die Integrationsagenturen bieten unter anderem Sprachkurse, Kinder-Freizeitangebote, Coachings für Frauen, Angebote für Senior*innen und Schulungen für Ehrenamtliche. Träger sind die Wohlfahrtsverbände, das Land fördert die Integrationsagenturen.




