Spiegel statt Sprenger
„Ich weiß nicht mal, woran das Problem lag, dass ich überall rausgeflogen bin.“ Dieser Satz einer Jugendlichen war Titel des Fachtags des Evangelischen Fachverbands für Erzieherische Hilfen Rheinland-Westfalen-Lippe in der Diakonie RWL. Rund 50 Fachkräfte aus der Kinder- und Jugendhilfe kamen in Düsseldorf zusammen, um über Kinder und Jugendliche im sogenannten Drehtüreffekt zwischen den Systemen zu diskutieren.
Fachexpertise bot die Dissertation von Dr. Corinna Butzin. Für ihre Forschung hat sie Jugendliche und junge Erwachsene interviewt, die wiederholt Hilfeabbrüche, Einrichtungswechsel oder Ausschlüsse erlebt haben. Ihre Erkenntnisse zeichnen ein differenziertes Bild und zeigen, welche Veränderungen notwendig sind, damit Hilfen langfristig gelingen können.

Jugendliche spiegeln das System, sie sprengen es nicht, sagt Corinna Butzin.
Viele Wege führen zum Abbruch
Gründe für Abbrüche sind sehr individuell, erläutert Corinna Butzin. Manche Jugendliche provozieren einen Ausschluss bewusst, um Kontrolle zurückzugewinnen. Andere verlassen Hilfen aufgrund von Mobbingerfahrungen oder anderen psychischen Belastungen. „Die Betroffenen werden immer depressiver“, berichtet die Wissenschaftlerin. Häufig komme es zu selbstverletzendem Verhalten. „Mir hat eine Probandin gesagt: ‚Lieber Tod als diese Situation weiterzumachen.‘“
Wieder andere junge Menschen erleben einen Abbruch, ohne selbst zu verstehen, warum. Manchmal habe das organisatorische Gründe, die aber oft nicht kommuniziert würden: Mit dem Geburtstag wechselt ein Jugendlicher in eine Gruppe mit älteren Jugendlichen.

Kerstin Schwabl begrüßt als Geschäftsführerin des Fachverbands die Teilnehmenden.
Gewalt, Misstrauen und fehlende Beteiligung
Viele der interviewten Jugendlichen berichteten, nicht ernst genommen oder nicht gehört zu werden. Besonders belastend sei für viele, dass ihren Aussagen nicht geglaubt werde. „Ich sag etwas, der Betreuer sagt etwas anderes – der Betreuer hat immer Recht“, fasst Butzin eine häufige Erfahrung der Jugendlichen zusammen.
Auch Gewalt spielte in ihrer Untersuchung eine große Rolle. Die jungen Menschen beschrieben sich häufig sowohl als Opfer als auch als Täter. Gewalt werde oftmals als Strategie erlebt, um sich selbst zu schützen. „Wenn ich ihn haue, lässt er mich in Ruhe“, berichtete ein Jugendlicher.
Immer wieder äußerten die Befragten zudem den Wunsch nach mehr Beteiligung. Entscheidungen über ihren Alltag oder ihre Zukunft würden häufig ohne sie getroffen. „Es ist mein Leben. Warum darf ich nicht mitentscheiden?“, zitiert Butzin eine Jugendliche.
Die Jugendlichen als Spiegel des Systems
Ein zentrales Ergebnis der Forschung lautet, dass die jungen Menschen nicht als „Systemsprenger“ verstanden werden sollten. „Die Jugendlichen sind keine Systemsprenger, sie sind Systemspiegler“, betont Butzin. Sie machten sichtbar, wo Hilfesysteme an Grenzen stoßen, wo Kommunikation scheitert oder wo Beteiligung und Beziehungen nicht ausreichend gelingen. Deshalb müsse sich die Fachwelt auch fragen: „Wo ist das Problem? Ist es die Ausbildung? Ist es die Überforderung des Systems?“
Für Butzin ist eine der wichtigsten Herausforderungen klar: „Wir brauchen eine verbindliche Beziehung, die nicht nur Kooperation der Jugendlichen einfordert, sondern auch Bedürfnisse wahrnimmt“, sagt Butzin und gibt das Beispiel einer jungen Frau, die genau wusste, was sie brauchte. Doch ihre Aussagen wurden nicht ernst genommen: „Sie erzählte mir: ‚Wenn ich ausraste, sollen sie mich alleine lassen. Ich knalle mit der Tür, gehe in mein Zimmer, höre Musik und am nächsten Tag ist alles gut. Aber nein, sie kommen mir nach und gehen mir auf die Nerven.‘“
Kommunikation sei die Voraussetzung für gegenseitiges Verstehen und damit für gelingende Hilfen, analysiert Butzin. „In der pädagogischen Arbeit wird zu schlecht kommuniziert. Wir müssen uns immer wieder fragen: Kommt das, was ich sagen möchte, überhaupt bei den jungen Menschen an?“

Sabine Brosch von der Graf Recke Erziehung gGmbH plädiert dafür, Kinder und Jugendliche bedingungslos anzunehmen.
Verlässliche Beziehungen schaffen
Welche Antworten die Praxis auf diese Herausforderungen finden kann, zeigten Sabine Brosch von der Graf Recke Erziehung gGmbH und Wolfgang Gröber von der Evangelischen Jugend- und Familienhilfe Essen.
„Junge Menschen brauchen vor allem erstmal einen sicheren Ort. Und Menschen, die sie bedingungslos annehmen“, sagte Sabine Brosch. Gerade Kinder und Jugendliche mit zahlreichen Beziehungsabbrüchen bräuchten die Erfahrung, dass Unterstützung dauerhaft gemeint sei und auch in Krisen Bestand habe.
Partizipation und Empowerment seien dabei zentrale Bausteine erfolgreicher Hilfen. Nur wenn Kinder und Jugendliche an Entscheidungen beteiligt werden, könnten sie Selbstwirksamkeit erleben und Verantwortung für ihren eigenen Weg übernehmen.
Wolfgang Gröber stellte die Haltung der Einrichtungen in den Mittelpunkt. Er appellierte an Fachkräfte und Einrichtungen, sich selbst diesen Anspruch zu geben: „Eine jede Einrichtung sollte sich verpflichten zu sagen: Ich bin die letzte Einrichtung der Jugendhilfe, wenn wir ein Kind aufnehmen. Entlassen ist keine Option.“

"Auf die Haltung kommt es an", sagt Wolfgang Gröber von der Evangelischen Jugend- und Familienhilfe Essen.
Kreative und individuelle Wege finden
„Unsere Einrichtungen vor Ort entwickeln kreative und individuelle Wege, um jungen Menschen Halt zu geben“, sagt Kerstin Schwabl, Referentin bei der Diakonie RWL und Geschäftsführerin des Fachverbands. „In den Workshops wurde engagiert diskutiert, Erfahrungen wurden geteilt, neue Ideen entwickelt und Netzwerke gestärkt. Das große Engagement der Teilnehmenden macht Mut und zeigt, wie viel Veränderungskraft in unserer Praxis steckt.“
Text und Fotos: Jana Hofmann




