Vielfaltswochen in der Pflege
Schon als Kind war für Liranda klar, dass sie mal im sozialen Bereich arbeiten möchte, um Menschen helfen zu können. Doch im Kosovo sah sie keine berufliche Perspektive. Ihre Cousine, die selbst im Rheinwaldheim arbeitet, war es, die den Kontakt zum Geschäftsführer und Einrichtungsleiter Norbert Krumm herstellte. Und der ist froh um seine neue Mitarbeiterin: „Ich ziehe meinen Hut vor Liranda. Sie ist richtig taff!“ Für den 64-Jährigen ist klar: „Jeder verdient eine Chance – egal aus welchem Land, mit welchem religiösen Hintergrund.“

Vokabeln lernen gegen Heimweh
Auch wenn ihre Cousine und ihr Bruder schon in Deutschland auf sie warteten, war es für Liranda anfänglich schwer, denn sie war zum ersten Mal vom Rest der Familie getrennt. Und dann war da noch die große Sprachbarriere. Deswegen hieß es gerade in den ersten Monaten: Täglich Vokabeln und Grammatik lernen und jede Gelegenheit nutzen, um Deutsch zu sprechen. Auch wenn es anfangs noch holprig war. Denn Voraussetzung für Azubis aus dem Ausland ist das B2-Sprachenzertifikat. Ohne dieses können Sie sich nicht an der Berufsschule anmelden. Keine leichte Zeit erinnert sie sich: „Ich habe mich schnell gefragt, ob ich das schaffe? Aber dann habe ich mir gesagt: Du bist nicht umsonst hierhergekommen. Du hast ein Ziel! Du willst was erreichen!“ Und so machte sie immer weiter.
Dass die Azubis sich mit den Bewohner*innen gut verständigen können, ist Norbert Krumm sehr wichtig und so heißt es meist schon im ersten Gespräch: „Du musst schnell Deutsch lernen! Sprechen ist das A und O!“ Und das sieht nicht nur der Geschäftsführer so, auch für die Bewohnerin Hannelore Müller ist das eine wichtige Voraussetzung, die sie an das Pflegepersonal stellt.

Hannelore Müller und Liranda Gjukaj – ein eingespieltes Team
Die 85-Jährige lebt gemeinsam mit ihrem Mann im Rheinwaldheim und weiß die Unterstützung der jungen Pflegekraft aus dem Kosovo sehr zu schätzen. Schnell waren sie und Liranda ein eingespieltes Team, wie beispielsweise beim täglichen Blutdruckmessen: „Hallo Frau Müller. Ich wollte Ihren Blutdruck messen. Ist das in Ordnung für Sie?“ Die ältere Dame nickt und mit gekonnten Handgriffen krempelt Liranda den Ärmel hoch, legt die Blutdruckmanschette um den dünnen Arm und pumpt die Manschette auf. Geräuschvoll entweicht die Luft, während sie aufmerksam durch das Stethoskop horcht. „120 zu 80 – das ist gut, Frau Müller.“ Ein Lächeln breitet sich auf beiden Gesichtern aus. Das ist eine der Situationen, die Liranda an ihrem Beruf besonders mag: der direkte Umgang mit Menschen und als besonderes Extra ein Lächeln der Bewohnerin als Feedback für ihre gute Arbeit.

Generalistische Pflegeausbildung – drei Berufe in einem
Liranda ist nun im zweiten Lehrjahr der dreijährigen generalistischen Pflegeausbildung. Auch nach der Ausbildung möchte sie sehr gerne weiter im Rheinwaldheim arbeiten, Erfahrungen sammeln und später ihr Wissen durch eine weiterführende Ausbildung vertiefen.
Die Generalistische Pflegeausbildung ist eine Ausbildungsform, die es erst seit 2020 gibt. Sie vereint die Bereiche der Gesundheits- und Krankenpflege, Gesundheits- und Kinderkrankenpflege und die Altenpflege. „Die neue Ausbildung ist hoch angesetzt. Sehr viele bleiben auf der Strecke. Das macht es schwierig, an Fachkräfte zu kommen“, resümiert Norbert Krumm die letzten Jahre. Und wie dringend Fachkräfte aktuell benötigt werden, merkte er erst Anfang des Jahres stark: Durch einen personellen Engpass konnte er die vom Land festgesetzte Fachkräftequote von 50 Prozent nicht erfüllen. Die Konsequenz: Die insgesamt 64 Heimplätze durften nicht voll belegt werden.

Die Pflege braucht Kräfte aus dem Ausland
Für Norbert Krumm ist klar: „Wir sind auf Kräfte aus dem Ausland angewiesen. Viele Mitarbeitende sind aus den Boomer-Jahrgängen und die gehen bald in Rente, ohne dass neue Fachkräfte nachkommen.“ Insgesamt müsse der Pflegeberuf aber auch für alle attraktiver werden. Und um gerade den Menschen aus dem Ausland den Zugang zu erleichtern, wünscht er sich, dass die bürokratischen Hürden abgebaut werden. Sieben junge Menschen werden aktuell im Rheinwaldheim in der Pflege ausgebildet. Vier von ihnen mussten zahlreiche bürokratische Hürden nehmen, ehe sie mit der Ausbildung starten konnten. Denn sie kommen aus Kroatien, Bosnien Herzegowina, Polen und Kosovo. Das Ziel des Geschäftsführers: Liranda und die weiteren Azubis zu übernehmen und so die Fachkräftequote und die gute Versorgung der Bewohner*innen sicherzustellen.
Noch liegt aber ein weiteres Ausbildungsjahr vor Liranda. Praxisanleiterin Astrid Wagner schätzt ihre jungen Kolleg*innen aus dem Ausland: „Sie bringen ganz neue Sichtweisen mit und das ist gerade in der Pflege sehr gut. Ich finde es klasse, wenn das Team multikulti wird.“ Und sie ist sich sicher: „Liranda wird mal eine wirklich gute Pflegekraft!“ Heute blickt Liranda auf die vergangenen Jahre zurück und sagt mit einem Lächeln: „Manchmal muss man es einfach wagen!“
Text: Celina Winter, Fotos: Celina Winter / Diakonie RWL
Ansprechperson
Kurztext
„Ich hab mich schnell gefragt: Ob ich das schaffe?“ Mit gerade einmal 23 Jahren hat Liranda alles hinter sich gelassen – Freunde, Familie, ihre Heimat Kosovo. Mit einem One-Way-Ticket kam sie voller Mut und Hoffnung nach Deutschland. Ihr Ziel: Eine Pflegeausbildung im evangelischen Altenheim Rheinwaldheim in Rheinbrohl im nördlichen Rheinland-Pfalz.


