Wenn Künstliche Intelligenz das Tippen übernimmt
In der Hosentasche ein zerknittertes Post-It, auf dem Unterarm ein paar Notizen mit Kugelschreiber. Und gegen Ende der Schicht oder zwischendurch müssen dann alle Infos, Zahlen und Daten mühsam am Computer ins zentrale Dokumentationssystem eingetippt werden. Zeitverlust? Mindestens 35 Minuten, häufig mehr. „Jeder, der in der Pflege arbeitet, kennt das“, sagt Kirsten Neveling, Referentin der Geschäftsführung der Diakonie Michaelshoven Pflege und Wohnen gGmbH. „Dabei haben sich diese Menschen doch nicht für den Pflegeberuf entschieden, um Daten einzupflegen, sondern um mit Menschen zu arbeiten."
Die Diakonie Michaelshoven Pflege und Wohnen gGmbH in Köln, die sechs stationäre Einrichtungen, vier Tagespflegen, einen ambulanten Dienst, ein gemeinschaftliches Wohnen und ein Service-Wohnen betreibt, setzt daher bereits seit mehr als zwei Jahren in all ihren Häusern auf Voize. Eine Spracherkennungs-App, die speziell für den Pflegalltag entwickelt wurde und Mitarbeitenden den Arbeitsalltag erleichtern soll, indem sie Sprache in strukturierte Pflegeberichte umwandelt und diese direkt ins vorhandene Dokumentationssystem überträgt.

Melani Köroglu (li.), Sprecherin der Diakonie Michaelshoven, und Kirsten Neveling, Referentin der Geschäftsführung der Diakonie Michaelshoven Pflege und Wohnen gGmbH in Köln.
Zeitgewinn: mehr als 35 Minuten
Wie genau die Technik funktioniert, erklärt Kirsten Neveling: „Statt Messwerte und Beobachtungen aufzuschreiben oder bis zur nächsten Pause im Kopf zu behalten, sprechen die Pflegefachkräfte direkt nach oder sogar während der Medikamentengabe oder Vitalwertmessung in ihr Diensthandy, das sie dafür nicht einmal in die Hand nehmen müssen. Voize erkennt das Gesprochene, wandelt es in Text um, ordnet die Inhalte automatisch den richtigen Kategorien zu und überträgt Protokolle, Medikation, Werte und Pflegeberichte in das zentrale Dokumentationssystem.“ Die Fachkraft prüft anschließend und gibt die Datenübermittlung selbst frei – ganz ohne Lauferei zum Stations-PC und lästiges Eintippen.
Pro Pflegekraft sei so eine Zeitersparnis von mehr als 35 Minuten pro Schicht drin. „Wertvolle Zeit, die Mitarbeitende ihren Kundinnen und Kunden widmen können“, so Neveling weiter. Mehr noch: Der KI-Sprachassistent mache die Dokumentationen nicht nur einfacher, sondern auch detaillierter. „Denn die Hemmschwelle, auch solche Beobachtungen wie ,Herr Z hat schlecht geschlafen‘ oder ‚Frau XY klagt über Appetitlosigkeit‘ zu dokumentieren, ist gesunken“, sagt sie. Einträge, die früher vielleicht schon mal unter den Tisch gefallen seien, ließen sich jetzt „quasi im Vorbeigehen“ erfassen.

Eine Fachkraft misst bei einer Seniorin den Blutzucker, das Diensthandy mit der installierten Voize-App hat sie umgehängt.
Daten stets griffbereit
Was die KI auch beherrscht: Sie versteht verschiedene Akzente und Dialekte, was besonders wichtig ist, weil in der Pflege häufig Menschen arbeiten, die keine deutschen Muttersprachler sind. „Außerdem“, so Kirsten Neveling weiter, „können individuelle Warnwerte und Erinnerungen hinterlegt werden, was für zusätzliche Sicherheit sorgt und die Übergaben optimiert.“ So sind neben dem jeweiligen Profil beispielsweise Symbole zu sehen, die anzeigen, dass die Person länger nichts getrunken hat. Oder dass sie ein bestimmtes Schmerzmittel bekommen hat, das dann die Pflegekraft in der nächsten Schicht auf seine Wirksamkeit hin überprüfen kann. Neveling: „Die Mitarbeitenden haben alle Pflegedaten stets griffbereit auf dem Diensthandy und können diese – etwa bei einem medizinischen Notfall – sofort abrufen.“

Besonders beliebt bei den Gästen in der Tagespflege der Diakonie Michaelshoven sind die regelmäßigen Quiznachmittage mit der Online-Version von "Wer wird Millionär?".
Online-Shopping
Als die Diakonie Michaelshoven im Jahr 2023 die Pilotphase für die App startete, war sie der erste Träger in Köln und Umgebung, der auf eine solche Lösung setzte. „Natürlich hat das ein Umdenken in der Art der Dokumentation erfordert, erst recht für die Pflegekräfte, die zuvor jahrelang handschriftlich ihre Notizen verfasst hatten“, beschreibt Kirsten Neveling die Anfangszeit. Allerdings sei der Wunsch nach einer solchen sprachgesteuerten Dokumentation aus der Mitarbeiterschaft selbst gekommen. „Es sind auch unsere eigenen Mitarbeitenden, die inzwischen als Multiplikatoren für die Nutzung von Voize fungieren und ihre Kolleginnen und Kollegen laufend schulen“, sagt Kirsten Neveling.
Die Diakonie Michaelshoven Pflege und Wohnen gGmbH steht digitalen Techniken und vor allem auch Künstlicher Intelligenz grundsätzlich positiv aufgeschlossen gegenüber: „Digitalisierung soll aber immer einen Mehrwert haben – sowohl für unsere Kund*innen als auch für die Mitarbeitenden.“ Neben Voize setzt der Träger im Pflegealltag bereits seit mehr als zehn Jahren auf verschiedene digitale Unterstützungsformen, etwa das digitale Fortbildungstool Pflegecampus oder die Bringliesel. Letzteres ist ein Online-Einkaufsdienst für Hygiene- und Seniorenartikel, der die Einkäufe per Post direkt ins Haus liefert. Neveling: „Die virtuellen Einkaufstouren gemeinsam mit einer Pflegekraft sind für unsere Bewohner immer ein großer Spaß, und wenn die Pakete dann geliefert werden, ist die Freude groß.“
Auch ein gemeinsames Projekt mit der Kölner Uni-Klinik, bei dem VR-Brillen in den Tagespflegen eingesetzt werden, komme bei den alten Menschen gut an. Dabei müssen diese in virtuellen Situationen beispielsweise Hühner jagen oder über Pfützen springen. Neveling: „Die Spiele simulieren verschiedene Alltagsbewegungen, die Senioren beherrschen sollten, um sich sicher selbstständig bewegen zu können.“ Ebenfalls beliebt bei den Tagespflegegästen sind die regelmäßigen „Wer wird Millionär“-Quizrunden.
Seit März sind die Michaelshovener Pflegeeinrichtungen beziehungsweise deren Kunden und Kundinnen gemeinsam mit der Stadt Köln Teil eines weiteren Modellprojekts, das das Antragswesen vereinfachen soll. Sie testen die Softwarelösung Formfix, ein digitales Antragsmanagement für die Kostenübernahme von Pflegeleistungen durch das Sozialamt. Bislang ist auch das ein voller Erfolg, mehr als zehn Anträge für „Hilfe zur Pflege“ seien seitdem bereits ausgefüllt worden, berichtet Kirsten Neveling.
Text: Verena Bretz, Fotos: Diakonie Michaelshoven, Bretz/Diakonie RWL, PeopleImages / shutterstock.com, Mdisk / shutterstock.com




