Wie Künstliche Intelligenz Gefahren erkennt
Anneliese Knuemann sitzt tagsüber im Rollstuhl. Die 96-Jährige ist aber noch so mobil, dass sie nachts manchmal selbst aufstehen und ins Bad gehen will. „Einmal bin ich so heftig hingefallen, dass ich mit dem Kopf auf den Boden geknallt bin – das war wirklich schlimm, auch dieses Geräusch“, beschreibt sie ihren letzten Sturz. Seitdem sind Monate vergangen, aber die Seniorin denkt noch immer mit Schrecken daran zurück. Für das Pflegeteam im Seniorenzentrum Evangelische Pflege Diakonie Vohwinkel, wo Knuemann seit rund sieben Jahren lebt, war damals sofort klar: Bei dieser Bewohnerin ist das Sturzrisiko inzwischen so hoch, dass sie eine Kandidatin für „AnnaCare“ ist.

Das Sturz-Pad wird unter dem Bett platziert und ist nur wenige Millimeter hoch. Eine integrierte KI analysiert die Vibrationen im Bett.
Mehr als 30 Geräte im Einsatz
„AnnaCare“ ist ein flaches Pad, eine Art Tablet, das einfach unter einer Rolle des Bettes platziert wird. Eine künstliche Intelligenz analysiert sämtliche Vibrationen im Bett. Wenn eine potenziell gefährliche Situation festgestellt wird, etwa das Aufrichten der Person im Bett, wird sofort telefonisch das Pflegepersonal alarmiert. „Das geht meist so schnell, dass die entsprechende Person manchmal noch schlaftrunken auf der Bettkante sitzt und überrascht ist, warum wir mitten in der Nacht bei ihr im Zimmer stehen“, berichtet Pflegedienstleiterin Stephanie Roggenkamp. „So sind wir tatsächlich in der Lage zu verhindern, dass es überhaupt zum Sturz kommt. Für unsere Bewohner und unsere Mitarbeitenden ist diese digitale Lösung ein Riesengewinn.“
Zuvor wurden im Seniorenzentrum auch Sturzmatten und andere Sensorsysteme eingesetzt. Die hätten aber oft zu sensibel oder aber - viel schlimmer - zu spät reagiert. „Bei den Matten etwa muss die Person mit beiden Füßen darauf stehen, damit ein Alarm ausgelöst wird – aber dann kann es schon zu spät sein“, beschreibt Pflegefachkraft Katharine Reiter das Problem. Fehlalarme seien zwar auch mit „AnnaCare“ möglich, aber eher die Ausnahme. Reiter: „Und lieber einmal Fehlalarm, als dass wir zu spät eingreifen.“
Entwickelt wurde die Technik von einem Wuppertaler Unternehmen, das die Geräte im 3D-Drucker produziert. „Einer der drei Inhaber kam damals bei uns vorbei und hat uns das Gerät vorgestellt“, berichtet Stephanie Roggenkamp. Zu Beginn der Pilot-Phase im vergangenen Jahr ist die Einrichtung, in der 136 Senior*innen leben, mit elf Geräten gestartet. Inzwischen sind es mehr als 30. „Vom tatsächlichen Bedarf her könnten wir sogar noch mehr nutzen, ideal wären so um die 50“, schätzt die Pflegedienstleiterin.

Robin Levering leitet die Haustechnik im Seniorenzentrum Vohwinkel und programmiert auch die Sturz-Pads.
„Ich fühle mich viel sicherer“
Die alten Menschen selbst bemerken das unscheinbare, flache Pad nicht, auch vom Alarm bekommen sie nichts mit, denn der geht über das interne Anrufsystem direkt aufs Personalhandy. „Ich bewege mich wie früher“, bestätigt Anneliese Knuemann. „Der Unterschied ist, dass ich mich jetzt viel sicherer fühle.“
Natürlich wird das Sturz-Pad im Seniorenzentrum Vohwinkel erst nach Rücksprache mit den Bewohner*innen und deren Angehörigen eingesetzt. „Dass wir den Einsatz vorher besprechen, ist wichtig“, sagt Pflegedienstleiterin Roggenkamp. „Manche Bewohner können ihr Sturzrisiko nämlich selbst nicht so gut einschätzen. Sie sind dann zuerst skeptisch und meinen, dass wir sie überwachen wollen. Wenn sie aber verstehen, wie das Tablet funktioniert, begreifen sie die Technik als große Unterstützung.“
Ein besonderer Vorteil des Sturz-Pads ist, dass sich jedes Gerät individuell einstellen lässt: Alarmierung rund um die Uhr, nur nachts, mit Zeitverzögerung oder ohne. Die meisten Bewohner*innen im Seniorenzentrum Vohwinkel seien noch recht sicher auf den Beinen, so Roggenkamp. Bei ihnen reagiert das Pad daher zeitverzögert. Das heißt, es schickt den Alarm erst ab, wenn eine Person in der Nacht nach beispielsweise 30 Minuten nicht wieder ins Bett zurückgekehrt ist. Bei den wenigen stark sturzgefährdeten Menschen wie Anneliese Knuemann hingegen wird der Alarm sofort ausgelöst.
„Und wenn wir bei einer Person eine Veränderung im Bewegungsprofil feststellen, können wir flexibel reagieren und die Einstellung einfach ändern“, sagt Roggenkamp. Die technischen Einstellungen übernimmt Haustechniker Robin Levering. „Das Pflegepersonal gibt mir vor, wo ich ein Pad installiere und welche Einstellung ich programmieren soll“, sagt er. „Das funktioniert ganz unkompliziert übers Smartphone.“

Sozialarbeiterin Aylin Ünal macht mit den Senior*innen am Bildschirm digitale Gedächtnisübungen.
VR-Brille und digitales Quiz
In der Einrichtung in Vohwinkel findet sich digitale Technik gleich an mehreren Stellen. Sozialarbeiterin Aylin Ünal etwa spielt gerade im Aufenthaltstraum mit einem Bewohner ein Quiz. Nicht etwa mit Stift und Papier, sondern am sogenannten Care-Table, das ist ein Bildschirm für verschiedene Aktivitäten. Zuletzt wurden außerdem zwei VR-Brillen für virtuelle Reisen und Naturerlebnisse angeschafft. Und die Mitarbeitenden sind über die „Foxy-App“ miteinander vernetzt, wo sie in verschiedenen Gruppen fachliche Beiträge erstellen, sich schnell untereinander austauschen und Informationen teilen können. Geplant ist, dass die App auch für Angehörige geöffnet wird.

Pflegedienstleitung Stephanie Roggenkamp, Geschäftsführer Stephan Graue, Haustechniker Robin Levering, Melanie Heller, Feel Good-Management
Mehr Lebensqualität
„Bei der Diakonie Vohwinkel verstehen wir Digitalisierung nicht als Selbstzweck, sondern als Werkzeug für mehr Lebensqualität“, sagt Stephan Graue, Geschäftsführer Evangelische Pflege Diakonie Vohwinkel gGmbH in Wuppertal. „Unser Ziel ist klar: Wir schaffen spürbaren Mehrwert für unsere Bewohnerschaft und Mitarbeitenden, indem wir Freiräume für das Wesentliche schaffen. Dabei gehen wir mutig voran. Als digital Pionier in der Region sind wir stolz darauf, gefragter Partner für innovative Projekte zu sein. Wir beweisen täglich, dass moderne Technik und menschliche Pflege kein Widerspruch sind, sondern die Basis für eine zukunftsfähige und nahbare Betreuung.“
Text und Fotos: Verena Bretz





