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Pflegende Angehörige

Mit Papa im Pflegedschungel

Die Eltern pflegen, wenn sie im Alter Pflege benötigen. Für viele erwachsene Kinder ist das selbstverständlich. Aber häufig fühlen sie sich allein gelassen mit zahlreichen praktischen, rechtlichen und finanziellen Fragen zur Pflege. Über einen Alltag zwischen Liebe, Pflichtgefühl und Überforderung.

Gesundheit, Pflege und Alter
Anette Mikolajewski, pflegende Angehörige
Pflegekraft füllt Dokumentation aus
Pflegekraft befüllt Tablettenbox

Papa war immer für sie da. Selbst als Erwachsene konnte sich Anette Mikolajewski jederzeit auf die Eltern verlassen. "Wenn es mir schlecht ging, haben sich meine Eltern um mich gekümmert: Sie haben mir Essen vorbeigebracht, mich zum Arzt gefahren und mir zugehört", erinnert sich die alleinstehende 59-Jährige. Bis vor drei Jahren habe der Vater sogar noch ihren Rasen gemäht. Da war er schon 92 Jahre alt. Doch seit dem Tod seiner Frau Hildegard im Sommer 2023 sei "Papas Demenz galoppiert", wie Anette Mikolajewski es beschreibt. Seinen Alltag kann der heute 95-Jährige längst nicht mehr ohne die Unterstützung der Tochter bewältigen, die deshalb ihre Vollzeitstelle reduziert hat: erst auf 80 Prozent, seit Januar 2025 arbeitet sie in Teilzeit mit 60 Prozent. "Und obwohl ich großartige Unterstützung habe, bin ich oft überlastet", sagt Anette Mikolajewski. "Dennoch fühlt sich das, was ich mache, für mich total richtig und gut an."

Das Thema "Eltern pflegen" beschäftigt sie bereits seit sechs Jahren – da waren ihre Eltern 87 und 89 Jahre alt. Damals ging es fast ausschließlich um organisatorische Dinge. Denn in den ersten Jahren unterstützte ein ambulanter Pflegedienst die kranke Mutter, zuletzt wohnte eine polnische Pflegekraft im Haus der Eltern, während der Vater Edwin noch gut allein zurechtkam. "Für mich war aber auch das schon sehr herausfordernd", erzählt sie. "Sich als Laie im Pflegedschungel zurechtzufinden, ist fast unmöglich: Aus welchem Topf bekomme ich welches Geld? Wo muss ich was beantragen? Wer benötigt welche Unterlagen? Selbst für mich als Sparkassenbetriebswirtin war das nicht leicht zu durchschauen", berichtet die Monheimerin, die seit bald 44 Jahren in Düsseldorf im Sparkassenwesen arbeitet. Die Pflegegrade beispielsweise habe sie viel zu spät beantragt, weil sie "davon einfach nicht viel gewusst" habe und die Eltern in ihren Augen gut zurechtkamen.
 

Anette Mikolajewski, pflegende Angehörige

Aus welchem Topf bekomme ich welches Geld? Wo muss ich was beantragen? "Selbst für mich als Sparkassenbetriebswirtin war das anfangs nicht leicht zu durchschauen", sagt Anette Mikolajewski.

Entscheidung nie bereut

Erst mit dem Besuch einer Pflegeberaterin habe sich der "Dschungel" allmählich gelichtet. "Ich kann jedem nur raten, dieses Angebot der Pflegekassen zu nutzen", so Mikolajewski. Der Rest war "einfach machen". Rund ein Jahr habe es gedauert, seitdem finde sie sich gut zurecht zwischen all den Vorgaben und Verordnungen. "Ich habe das Gefühl, dass ich inzwischen selbst als Pflegeberaterin arbeiten könnte", scherzt sie.

Etwa 30 Prozent der Zeit für ihren Vater investiert Anette Mikolajewski in Termine und Orga. Die restlichen 70 Prozent sind Pflege und Haushalt. "Seit ich meinen Vater unterstütze, besteht mein Leben fast ausschließlich aus Pflege und Beruf – ich bin nur an zwei Wochenenden mal allein weggefahren." Dennoch habe sie die Entscheidung, ihren Vater zuhause zu pflegen, nie bereut. "Eine Heimunterbringung könnte ich nicht mit meinem Gewissen vereinbaren, und Papa würde das auch nicht guttun. Er hat mir mal gesagt, dass er bis zum Tod zuhause leben möchte, und ich verstehe das." Mit Blick auf den allgemeinem Pflegenotstand würde sie auch niemandem den Platz wegnehmen wollen. "Das sollte denen vorbehalten sein, die wirklich ins Heim müssen, etwa weil sie keine Angehörigen in der Nähe haben."

Ohne Unterstützung geht es nicht

Um ihren dementen Vater angemessen versorgen zu können, setzt Anette Mikolajewski seit August 2023 auf ein kombiniertes Modell: An zwei Tagen in der Woche – montagabends und freitagmittags – kommt der ambulante Pflegedienst der Diakonie, der ihrem Vater dann beispielsweise beim Duschen hilft. Und an drei Tagen in der Woche – Montag, Dienstag und Donnerstag - besucht der Vater die Seniorentagespflege der Diakonie Düsseldorf im Otto-Ohl-Haus in Garath. "Das ist für mich eine große Erleichterung, weil ich weiß, dass er dort gut aufgehoben ist", sagt die 59-Jährige. "Die Menschen dort kümmern so intensiv um meinen Vater, wie ich es neben meinem Beruf und meinem eigenen Haushalt niemals könnte." Er bekommt dort etwa regelmäßig Physiotherapie und beteiligt sich hin und wieder auch an Angeboten wie gemeinsamem Singen. "Wenn er dann spätnachmittags nach Hause kommt, erscheint er mir viel aufgeweckter." 
 

Senioren in der Tagespflege

An drei Tagen in der Woche besucht Anette Mikolajewskis Vater Edwin die Tagespflege der Diakonie.

Alltag eng getaktet

Weitere Unterstützung bringt eine Haushaltshilfe vom Betreuungsdienst, die zweimal wöchentlich nicht nur das Haus des Vaters sauber hält, sondern auch schon mal ein Fertiggericht für den Senior aufwärmt, wenn Anette Mikolajewski selbst Termine hat. Dennoch bleiben genug Aufgaben übrig, um die sich die Monheimerin selbst kümmert. "Glücklicherweise wohnt Papa im Haus nebenan, sodass die Wege kurz sind."

Ein typischer Tag sieht so aus: Um 5.20 Uhr klingelt der Wecker. "Wenn Papa mich nicht vorher schon angerufen hat, laufe ich direkt rüber, koche Kaffee und bereite die Tabletten vor, dann helfe ich ihm aus dem Bett, setze die Osteoporosepritze, Waschen, Stützstrümpfe und Kleidung anziehen, anschließend geht’s im Treppenlift runter. Das alles dauert je nach Tagesform ungefähr eine Stunde, dabei komme ich selbst ordentlich ins Schwitzen. Während Papa dann frühstückt und dabei Frühstücksfernsehen schaut, mache ich mich selbst fertig."

Gegen 7.40 Uhr geht sie erneut zum Vater rüber und macht ihn für den Fahrdienst fertig, der ihn dreimal wöchentlich in die Tagespflege bringt. Heißt: Schuhe und Jacke anziehen, Brille putzen, Augentropfen träufeln und Hörgeräte anziehen. Auch das Abendprogramm – Schlafanzug anziehen, Windel- Pants wechseln, Zähne rausnehmen, richtig ins Bett legen – übernimmt sie an sieben Tagen die Woche selbst.

Anette Mikolajewskis Abläufe sind eng getaktet. "Ich habe für jeden Tag eine To-do-Liste", sagt sie. "Aber meist kann ich die gar nicht abarbeiten." Denn da ist ja auch noch ihr Job bei der Kreissparkasse: Offiziell arbeitet sie an drei Tagen in der Woche fünf Stunden, donnerstags rund acht Stunden, mittwochs hat sie frei. Die Arbeitszeitreduzierung auf 60 Prozent habe ihr nur eine geringfügige Entlastung gebracht, weil sie doch meist länger arbeite. "Ich baue dann zwar Überstunden auf, aber es ist schwierig, die wieder abfeiern zu können."
 

Physiotherapeut arbeitet mit Senior

In der Tagespflege nutzt Anette Mikolajewskis Vater spezielle Angebote wie Physiotherapie.

Das Beste aus der Situation machen


Nach Feierabend hat Anette Mikolajewski manchmal selbst Arzttermine, macht den Einkauf, kümmert sich um beide Haushalte, führt Telefonate und erledigt Schriftkram. Der Vater sitzt dann oft vorm Fernseher und schaut Sportsendungen, besonders gerne Fußball. Oder die Tochter überträgt ihm leichte Hausarbeiten, etwa Socken zusammenlegen. Als einziger Werktag für gemeinsame Erledigungen bleibt ihr arbeitsfreier Mittwoch: "Meist haben wir dann Arzttermine, besorgen Rezepte und gehen auch schon mal zusammen einkaufen – irgendwas ist immer." Am wichtigsten jedoch sei der Besuch am Grillwagen: Immer mittwochs bekommt ihr Vater dort Hähnchenkeule mit Pommes und Gurkensalat – "das mag er so gerne". Und außerdem bleibt mittwochs und am Wochenende auch mal die Zeit, sich gemeinsam an den Tisch zu setzen und zu erzählen. Das sind die besonders innigen Momente zwischen Vater und Tochter.

"Oft lachen wir zusammen, aber manchmal ist Papa auch verzweifelt und klagt 'Mein Kopf, mein Kopf – was ist das?' Dann sitzt er da wie ein kleiner Junge und weint, und ich sage ich ihm: 'Es ist wie es ist, das ist die Demenz, wir müssen das Beste aus der Situation machen.' Auch für mich ist die Krankheit nicht immer einfach, besonders wenn Papa hin und wieder rumzickt und mich beschimpft." Sie habe gelernt, damit umzugehen. "Ich weiß, dass ich das nicht persönlich nehmen darf und dass das nur Phasen sind." Schließlich sage er ihr auch oft, dass er ohne sie "verloren wäre in dieser Welt".

Wertvolle Zeit

Anette Mikolajewski gibt es sehr viel, sich so intensiv um ihren Vater zu kümmern, sagt sie. Obwohl ihr Privatleben sowie ihre körperliche und seelische Gesundheit darunter leiden und sie wegen ihrer Teilzeittätigkeit finanzielle Einbußen hat. "Die Pflege alter Menschen gleicht der Kleinkindbetreuung." Was sie sich wünschen würde? "Dass ich so abgesichert wäre, dass ich mich ausschließlich um die Pflege meines Vaters kümmern könnte und mich nicht immer so zerreißen müsste. Wir könnten dann zum Beispiel mal Ausflüge machen oder in die Kirche gehen. Papa kann zwar nicht mehr alles mitsingen, aber beim Halleluja schmettert er mit. Ich möchte auch mal wieder mein eigenes Haus aufräumen, aber dafür fehlt mir die Zeit. Ich bin immer gehetzt, und trotzdem schaffe ich nicht alles."

Auch ihrem Umfeld bleibt die Belastung nicht verborgen. Regelmäßig würden sie die Ärzte und Pflegekräfte warnen: "Es geht hier auch um Sie, Frau Mikolajewski, und darum, wie lange Sie das noch aushalten." Denn pflegende Angehörige seien unverzichtbar. Erst recht solche wie, die die Pflege ihrer Angehörigen gerne übernehmen. Denn trotz aller Herausforderungen: Die 59-Jährige empfindet die Pflege ihres Vaters als so sinnstiftend, dass sie sich vorstellen könnte, ehrenamtlich in der Tagespflege zu helfen, wenn ihr Vater irgendwann nicht mehr sein sollte.

Ihr Appell an alle, die sich vor der Situation fürchten, eines Tages ihre Angehörigen pflegen zu müssen: "Pflege kann auch Spaß machen. Pflege kann sogar mehr Glücksgefühle bringen als der eigene Beruf." Rückblickend bereue sie sogar, dass sie nicht schon früher beruflich kürzergetreten sei. "So oft haben mir meine Eltern gesagt: Setz dich doch mal ein paar Minuten zu uns, du bist immer so kurz angebunden. Nimm dir doch mal die Zeit. Inzwischen kann ich nur sagen: Die Zeit mit meinem Vater ist unendlich wertvoll."  

Text: Verena Bretz, Fotos: Verena Bretz, Shutterstock

Ansprechperson

Eva Best
Referentin
Pflege
E.Bestatdiakonie-rwl.de
Verena Bretz
Referentin
Politik und Kommunikation
V.Bretzatdiakonie-rwl.de