Aktuelles
Vielfalt in der Pflege

"Einfach sein, wie wir sind"

Im Alter fühlen sich queere Menschen oft unsicher. Besonders dann, wenn sie Pflege brauchen. Viele von ihnen leben zurückgezogen, weil sie in der Vergangenheit Diskriminierung erlebt haben. Nun fürchten sie, dass sie in der Pflegeeinrichtung erneut ausgegrenzt werden. Die Tagespflege Vielfalt will ein sicherer Ort für alle sein – unabhängig von sexueller Orientierung und Lebensgeschichte.  

Gesundheit, Pflege und Alter
Tagespflege Vielfalt in Heerdt
© Verena Bretz / Diakonie RWL
Tagespflege Vielfalt in Heerdt, Pflegefachkraft Julia van Hasselt und Gäste
© Verena Bretz / Diakonie RWL
Tagespflege Vielfalt in Heerdt, Pflegefachkraft Gudrun Peifer und Gast
© Verena Bretz / Diakonie RWL
Tagespflege Vielfalt in Heerdt
© Verena Bretz / Diakonie RWL
Tagespflege Vielfalt in Heerdt
© Verena Bretz / Diakonie RWL

"Ich bin eine Frohnatur – und ich finde es gut, dass ich hier mit einem Lächeln begrüßt werde und mich nicht verstellen muss", sagt Robert. Der 59-jährige Düsseldorfer sitzt gemeinsam mit Winfried auf einer Bank im Innenhof der Tagespflege Vielfalt im Düsseldorfer Stadtteil Heerdt. Als der 74-Jährige anfängt zu jodeln, stimmt Robert sofort mit ein und beide jodeln zusammen. Die Frau am Nachbartisch lächelt, schließt die Augen und döst vor sich hin. "Hier können wir einfach so sein, wie wir sind", sagt Winfried.

Sein, wie sie sind – das gilt für alle Klient*innen der Tagespflege Vielfalt der Diakonie Düsseldorf, übrigens die erste queere Einrichtung in der Landeshauptstadt. Im November 2024 ist das Projekt mit 15 Plätzen gestartet. Unter den Gästen sind regelmäßig auch vier bis fünf queere Personen, berichtet Projektleiter Dietmar Saxler.

Dietmar Saxler, Leitung Tagespflege Vielfalt in Heerdt

Projektleiter Dietmar Saxler hat die Erfahrung gemacht, dass es nicht immer leicht ist, queere Ältere zu erreichen. Er beschreibt seine eigene Rolle daher als "Türöffner".

In der Stadt vernetzt

Sozialarbeiter Saxler, der in der Vergangenheit als Seniorenberater in der Quartiersarbeit in Köln bereits mehrere queere Projekte begleitet hat, versteht sich als Netzwerker und sieht seine Aufgabe darin, die Tagespflege Vielfalt "in die Community zu tragen". Er sagt: "Ich bin so eine Art Türöffner." Mit Erfolg: Eine enge Zusammenarbeit gibt es inzwischen mit dem städtischen Projekt "Queer im Alter", mit der Aidshilfe, der AWO und dem Gendertreff. Außerdem konnte Saxler die Düsseldorfer Karnevalsgesellschaft Regenbogen, das ist der größte schwul-lesbische Karnevalsverein Deutschlands, für eine Schirmherrschaft gewinnen. Saxler: "Wir sind stolz, dass die KG Regenbogen unser Projekt mitträgt." 

Dietmar Saxler macht aber auch Hausbesuche. Denn queere Senior*innen gebe es genug in Düsseldorf. Aber es sei nicht immer einfach, diese Menschen zu erreichen. Viele von ihnen lebten zurückgezogen, nicht in klassischen Familienstrukturen, sie hätten keine Kinder oder Angehörigen. Saxler: "Gerade die ältere Generation braucht einen sicheren Raum, um sich überhaupt öffnen zu können." Hintergrund: Diese Gruppe hätte noch unter dem Stigma des "Schwulen-Paragrafen 175" gelitten, der gleichgeschlechtliche Beziehungen zwischen Männern für illegal erklärte und erst nach der Wiedervereinigung endgültig aus dem Strafgesetzbuch entfernt wurde. Noch dazu hätten viele aus der queeren Community Mitte der 1980er Jahre die große AIDS-Welle miterlebt.

Tagespflege Vielfalt in Heerdt, Pflegefachkraft Julia van Hasselt, Leitung Dietmar Saxler, Pflegefachkraft Gudrun Peiferund Gäste

Die Pflegfachkräfte Julia van Hasselt und Gudrun Peifer wurden eigens geschult, um mit allen Gästen sensibel umzugehen – mit queeren wie nicht queeren. Projektleiter Dietmar Saxler ist stolz, in diesem Team zu arbeiten. 

Diskriminierung war alltäglich

Diskriminierung sei daher für viele queere Ältere schon immer Teil des Lebens gewesen: im Job, im Umgang mit Mitmenschen, bei Behörden oder im Gesundheitssystem. Manche hätten ihre sexuelle Orientierung deshalb über Jahre verheimlicht. Und bei vielen sei die Furcht nun wieder da, dass sie auch in der Pflegeeinrichtung nicht akzeptiert würden. Dabei beschreiben sich doch die meisten Einrichtungen selbst als "offen für alle". Aber das allein reiche nicht, sagt der Sozialarbeiter.

Die Tagespflege Vielfalt möchte mehr sein: ein sicherer Ort, an dem niemand ausgegrenzt wird. Wer 55 Jahre und älter ist sowie mindestens Pflegegrad 2 hat, ist willkommen. Wer Zeit braucht, um sich zu öffnen, bekommt die Zeit. Wer schnell Vertrauen fasst und sich öffnen möchte, findet passende Gesprächspartner*innen.  Die meisten Gäste besuchen die Tagespflege ein bis zweimal in der Woche. "Wir bemühen uns, die jeweiligen Gruppen passend zusammenzustellen – die eine Gruppe ist vielleicht etwas lebhafter, die andere braucht mehr Ruhe", beschreibt Saxler das Konzept. "Wir möchten queersensible Pflege ganz praktisch leben." Was das bedeutet? Zuhören, mitdenken und Vertrauen schaffen. Dafür brauche es viel Zeit für Gespräche, aber auch Fortbildungen, die nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch die eigene Haltung stärken. 
 

Tagespflege Vielfalt in Heerdt

Die Gruppen in der Tagespflege Vielfalt werden individuell zusammengestellt. Einige Gäste sind ruhiger, andere lebhafter.

Altenpflege ist bunt

Pflegefachkraft Julia van Hasselt etwa berichtet: "Wir wurden eigens geschult, um mit allen Gästen sensibel umzugehen – mit queeren wie nicht queeren. Wir schauen, wo wir Ängste abbauen können und versuchen zu spüren, in welchen Momenten es vielleicht gewollt ist, dass queer ein Thema ist." Im täglichen Ablauf spiele der Zusatz "queer" jedoch keine übergeordnete Rolle, ergänzt ihre Kollegin Gudrun Peifer. "Die Altenpflege ist ja sowieso schon sehr bunt und vielfältig. Mensch ist Mensch, daran ändert sich ja nichts."

Dietmar Saxler ist stolz in einem Team zu arbeiten, dass er als "sehr harmonisch" beschreibt. "Alle können hier ihre Persönlichkeit einbringen und gehen auf die individuellen Wünsche der Gäste ein", sagt er. Heißt: Die Angebote der Tagespflege orientieren sich so gut es geht an den Biografien der Menschen. Da ist etwa der Gast, der früher einen Club betrieben hat. Oder ein anderer, der sich politisch stark engagiert. Das Team der Tagespflege Vielfalt versucht, solchen Bedürfnissen und Interessen kreativ nachzukommen. Etwa mit Märchen und Filmen abseits von klassischen Rollenbildern, mit Musik, die zur Lebensgeschichte passt, oder mit Quizangeboten, die die Gruppe zum Gespräch animieren. 

Zum ersten Mal ernst genommen

Auch Maria, eine Endsiebzigerin, die wie viele hier mit einer leichten Demenz lebt, besucht die Tagespflege Vielfalt. Ihr Sohn hat sie dort vor rund sechs Monaten angemeldet. "Hier habe ich Gesellschaft und bin von freundlichen Menschen umgeben", sagt sie. Besonders gut gefallen ihr kurze Spaziergänge zum nahe gelegenen Rhein. Und neulich, da habe die Gruppe gemeinsam auf dem Bildschirm die Drohnenshow der Düsseldorfer Rheinkirmes angeschaut.   

An diesem Nachmittag bilden sich schnell kleinere Gesprächsrunden, dabei werden auch immer wieder Anekdötchen von früher erzählt. Manche Gäste der Tagespflege erleben so zum ersten Mal, dass sie mit ihrer Lebensgeschichte gesehen und ernst genommen werden – ohne, dass sie sich erklären, anpassen oder verstecken müssen. Auch im Team gibt es queere Personen. Für Tagespflege-Gast Robert eine Selbstverständlichkeit: "Jeder soll doch lieben, wen er will, der Charakter ist entscheidend."

Text und Fotos: Verena Bretz / Diakonie RWL

Ansprechperson

Verena Bretz
Referentin
Politik und Kommunikation
V.Bretzatdiakonie-rwl.de
Mira Brandt
Referentin
Pflege
M.Brandtatdiakonie-rwl.de