Begegnungslots*innen: Gemeinsam den ersten Schritt wagen
Anne heißt eigentlich anders. Doch Menschen wie sie begegnen Petra Sigl immer wieder: Die Familie lebt weit weg, viele Kontakte sind im Laufe der Jahre weniger geworden. Wenn sie neue Menschen kennenlernen möchten, wissen sie oft nicht, wo sie anfangen sollen. Für die 71-Jährige beginnt ein solches Gespräch mit einer einfachen Frage: „Was haben Sie früher gern gemacht?“ Gemeinsam würde sie nach Möglichkeiten suchen, die passen. Und wenn eine geeignete Gruppe gefunden ist, würde sie nicht nur den Weg beschreiben. Sie würde fragen: „Sollen wir da mal zusammen hingehen?“ Genau auf dieser Idee basiert das neue Projekt der Diakonie RWL.
Ab Oktober sollen die ersten Begegnungslots*innen in Düsseldorf und Ratingen starten. Sie erkunden Angebote in ihrem Stadtteil, kommen mit Menschen ins Gespräch und begleiten auf Wunsch die ersten Schritte in neue Gruppen oder Aktivitäten. Der Rahmen dafür ist der Bundesfreiwilligendienst 60plus.

Petra Sigl aus Ratingen möchte Begegnungslotsin werden.
Wenn eine offene Tür nicht ausreicht
In jeder Stadt gibt es Treffpunkte, Vereine, Kurse und Begegnungsangebote. Trotzdem fällt es vielen Menschen schwer, neu dazuzukommen. Wer eine bestehende Gruppe besucht, weiß oft nicht, was ihn erwartet. Passt das Angebot zu mir? Werde ich freundlich aufgenommen? Komme ich mit anderen ins Gespräch? „Eine offene Tür ist noch kein leichter Zugang“, sagt Christian Carls, Projektleiter und Referent im Zentrum Freiwilligendienste der Diakonie RWL.
Auch Margit Risthaus, Fachbereichsleitung Zentren Plus und Quartiersentwicklung bei der Diakonie Düsseldorf, kennt diese Erfahrung aus ihrer täglichen Arbeit. „Für jemanden, der den Schritt über die Schwelle nicht schafft, ist nicht die Masse das Problem, sondern der Zugang“, sagt sie. Viele Menschen hätten Angebote in ihrer Nachbarschaft längst entdeckt und seien vielleicht schon mehrfach daran vorbeigegangen. Den Schritt hinein machten sie trotzdem nicht. Genau hier könnten Begegnungslots*innen unterstützen.
Das Projekt fragt nicht danach, wie einsam jemand ist. Es setzt dort an, wo Menschen neue Kontakte suchen, aber der erste Schritt in eine Gruppe, einen Kurs oder einen offenen Treff schwerfällt. Die Begegnungslots*innen unterstützen beim Einstieg und sammeln zugleich Erfahrungen dazu, welche Hürden es gibt und wie Angebote neue Menschen besser willkommen heißen können.

Christian Carls (Mitte) im Gespräch bei der Infoveranstaltung zum Projekt.
Brücken zu neuen Begegnungen
Anders als klassische Beratungsangebote wollen die Begegnungslots*innen Menschen nicht einfach an bestehende Angebote vermitteln. Sie hören zu und erkunden gemeinsam, was jemand eigentlich sucht: neue Kontakte, gemeinsame Aktivitäten oder vielleicht eine Aufgabe, bei der man sich selbst einbringen kann.
Manchmal bedeutet das, beim ersten Besuch einer Gruppe dabei zu sein, wie es auch Petra Sigl vorhat. Manchmal bringen die Lots*innen Menschen mit ähnlichen Interessen zusammen. Und manchmal entstehen aus Gesprächen ganz neue kleine Begegnungsangebote. Ziel ist es, dass niemand den ersten Schritt allein gehen muss.
Träger des Projekts ist die Diakonie RWL. In Düsseldorf arbeitet das Projekt mit der Diakonie Düsseldorf und ihren Zentren plus zusammen. In Ratingen beteiligen sich das FORUM.Lotsenpunkt sowie das Haus Salem-Lintorf der Kaiserswerther Diakonie. Die Begegnungslots*innen sammeln Erfahrungen aus den Stadtteilen und spiegeln diese an die Einrichtungen zurück. So soll in den kommenden Jahren herausgefunden werden, was Menschen den Zugang zu bestehenden Angeboten erleichtert und welche Rolle ältere Freiwillige dabei übernehmen können.

Margit Risthaus von der Diakonie Düsseldorf freut sich auf die Begegnungslots*innen, die in den Zentren Plus im Einsatz sein werden.
„Mensch sein bedeutet, Antwort zu geben“
Der Autor und Einsamkeitsexperte Thomas Hax-Schoppenhorst sieht in dem Projekt einen vielversprechenden Ansatz. „Einsamkeit kennt jeder“, sagt er. Umso wichtiger seien Erfahrungen von Zugehörigkeit und Resonanz. „Mensch sein bedeutet, einem anderen Menschen Antwort zu geben. Nichts ist schmerzhafter, als nicht gesehen, gehört zu werden, keine Antwort zu bekommen.“
Als eine Antwort auf Einsamkeit überzeugt ihn der Ansatz der Begegnungslots*innen. „Ich finde dieses Projekt spannend. Es ist hilfreich, wenn man jemanden an der Seite hat, der die ersten Versuche unterstützt.“ Damit Begegnung gelingen könne, brauche es Menschen mit Einfühlungsvermögen. Begegnungslots*innen müssten sich sensibel auf ihr Gegenüber einstellen und ein Gespür dafür entwickeln, was einem anderen Menschen guttun könnte.

Der Autor und Einsamkeitsexperte Thomas Hax-Schoppenhorst (links) gibt einen Impuls bei der Infoveranstaltung.
Bundesfreiwilligendienst ohne Altersgrenze
Die Begegnungslots*innen engagieren sich im Bundesfreiwilligendienst 60plus. Dazu gehören gut 20 Wochenstunden, Fortbildungen, gemeinsame Reflexionstage und eine fachliche Begleitung. Der Dienst wird mit einem monatlichen Taschengeld von 260 Euro sowie Sozialversicherungsleistungen unterstützt.
Welche Chancen darin liegen, hat Jürgen Schwarzbeck aus Königswinter bereits erlebt. Nach seinem Eintritt in den Ruhestand entschied sich der 63-Jährige für einen Bundesfreiwilligendienst in seiner evangelischen Kirchengemeinde. „Das Schöne für mich war, dass ich mich orientieren konnte, neue Bekanntschaften schließen konnte und viele Möglichkeiten kennengelernt habe“, berichtet er. Besonders bereichernd seien für ihn die Seminare und der Austausch mit anderen Freiwilligen gewesen. Heute engagiert er sich in mehreren Gruppen weiterhin ehrenamtlich.

Jürgen Schwarzbeck (rechts) berichtet von seinen Erfahrungen im Bundesfreiwilligendienst 60plus und macht Mut, sich im Alter zu engagieren.
Menschen an die Hand nehmen
Petra Sigl begegnet das Thema Einsamkeit in ihrem ehrenamtlichen Engagement immer wieder. Oft fehle nicht das Angebot, sondern jemand, der den Einstieg erleichtert. „Es gibt so viele Einrichtungen und so viele Angebote, aber die Leute kommen nicht hin“, sagt sie. Als Begegnungslotsin möchte sie helfen, diese Hürde zu überwinden. Menschen sollen Orte finden, an denen sie sich wohlfühlen, neue Kontakte knüpfen und vielleicht sogar etwas Neues entdecken können.
„Ich möchte Menschen helfen, dahin zu kommen, wo sie Spaß haben, sich wohlfühlen und noch etwas Neues lernen“, sagt Sigl. „Jemanden an die Hand zu nehmen und wirklich mitzugehen, das wäre für mich eine wichtige Aufgabe.“ Sie wird sich deshalb als Begegnungslotsin engagieren.
Text und Fotos: Jana Hofmann / Diakonie RWL
Ansprechperson
BFD 60plus: Engagementformat mit Potenzial
„Der Bundesfreiwilligendienst bietet einen guten Rahmen für Engagement im Ruhestand: verlässliche Einbindung, spürbare Wirksamkeit – und viel Freiheit in der Gestaltung“, sagt Mathias Schmitten, Leiter des Zentrums Freiwilligendienste der Diakonie RWL.
Bislang wird der Bundesfreiwilligendienst von älteren Menschen kaum genutzt – auch weil diese Möglichkeit wenig bekannt ist. Bundesweit sind nur knapp zwei Prozent aller Freiwilligen 60 Jahre oder älter. In NRW sind von rund 14.500 Freiwilligen in FSJ und BFD gerade einmal 37 älter als 65.
Das Modellprojekt will zeigen, welches Potenzial darin liegt. Erprobt wird der Ansatz zunächst mit Begegnungslots*innen. Denkbar ist BFD 60plus aber in vielen diakonischen Arbeitsfeldern: als Möglichkeit, erfahrene Menschen für ein verbindliches Engagement zu gewinnen. www.fsj-bfd.de/60plus





