Wo alle kunterbunt sind
Die meisten Kinder haben einen vollen Terminkalender. Nach der Schule oder der Kita geht es noch zum Fußball, zum Tanzen oder Turnen, zum Musikunterricht oder einfach nur auf den Spielplatz oder zum Spielen bei Freund*innen. Dort gibt es nicht nur viel zu entdecken und zu lernen, sondern allein zu Hause wird es auch schnell mal langweilig. Eltern von Kindern mit Behinderungen machen oft ganz andere Erfahrungen.
Denn viele Freizeitangebote sind nicht barrierefrei und vor allem nicht inklusiv. Das Projekt Kunterbunt des Evangelischen Familienbildungswerks der Diakonie im Kirchenkreis Düsseldorf-Mettmann will dem entgegenwirken. Bei den Angeboten sind Kinder mit Behinderungen in der Überzahl – ganz bewusst.
"Es gibt Familien, die wir mit den Angeboten der Familienbildung nicht erreichen", sagt Claudia Zenker, Leiterin des Evangelischen Familienbildungswerks der Diakonie im Kirchenkreis Düsseldorf-Mettmann. Vor allem Familien, die ein Kind mit Behinderung haben, kommen oft nicht zu den Veranstaltungen. "Wir dachten, es kann nicht sein, dass die keinen Bedarf haben", sagt Claudia Zenker. Vielleicht müsse man ihnen nur andere Angebote machen.

Claudia Zenker, Leiterin des Evangelischen Familienbildungswerks der Diakonie im Kirchenkreis Düsseldorf-Mettmann, hat sich gefragt, welche Angebote Familien mit Kindern mit Behinderungen sich wünschen.
Mobile Tierfarm
Schon im Jahr 2023 hat das Evangelische Familienbildungswerk deshalb angefangen, in Zusammenarbeit mit der Lebenshilfe Kontakt zu diesen Familien zu suchen. Was brauchen die? Welchen Hindernissen begegnen sie?
Im Garten des Pfarrhauses der Evangelischen Kirchengemeinde Lintorf in Ratingen stehen an diesem Nachmittag im Frühling zwei Ponys und ziehen die Augen von einigen der sieben Kinder, die mit ihren Eltern gekommen sind, auf sich. Andere sind vielmehr auf die acht Kaninchen konzentriert. Gabi Weyerhorst, die mit ihrer mobilen Tierfarm die Tiere mitgebracht hat, erklärt: "Kaninchen mögen es besonders, wenn man sie hinter den Ohren krault. Das heißt auf Kaninchensprache 'Ich mag dich'.! Einige Kinderhände greifen sofort in die Boxen, in denen die Kaninchen sitzen und Heu mümmeln.
"Viele der Familien sind sehr isoliert", sagt Heilerziehungspflegerin Ronja Krogmeier, die beim Evangelischen Familienbildungswerk für das Projekt Kunterbunt verantwortlich ist. Sie ist mit vielen in Kontakt und weiß, wie einsam es manchmal werden kann. Mutter Janina, die an diesem Tag mit ihrem Sohn Maximilian dabei ist, kennt dieses Gefühl. Maximilian sitzt im Rollstuhl. "Den klassischen Spielenachmittag gibt es bei uns nicht", sagt die Mutter. Obwohl er in seiner inklusiven Schule Kontakt zu anderen Kindern hat, mit denen er dort auch gerne spielt.
Im Sportverein absetzen und in der Zwischenzeit Erledigungen machen – das geht in ihrer Familie auch nicht. Maximilian braucht jemanden, der auf ihn achtet. Deshalb ist sie bei Freizeitangeboten immer mit dabei. Aber auch das mögen viele Anbieter nicht. "Wir sind mit Maximilian oft die Ausnahme. Das macht es schwierig", sagt Mutter Janina.
Genau das läuft beim Projekt Kunterbunt anders. Familien mit Kindern ohne Behinderungen sind willkommen, der Anteil derer, die eine Behinderung haben, soll aber immer größer sein - bei etwa 80 Prozent.

Maximilian mag Tiere und besucht das Treffen im Pfarrgarten in Ratingen-Lintorf gerne.
Passende Förderung suchen
Um Projekte wie dieses umsetzen zu können, braucht es nicht nur eine gute Idee und einen Bedarf, sondern immer auch Fördermittel. Dafür können sich Initiator*innen mit Ideen an das Zentrum Drittmittel und Fundraising der Diakonie RWL wenden. "Die Träger kommen mit einem Projekt auf uns zu, und wir matchen sie mit dem passenden Förderprogramm", sagt Lara Becker, die bei der Diakonie RWL in diesem Bereich arbeitet. Außerdem unterstützt das Team bei der Antragstellung und berät bei der Ausgestaltung eines Projekts.
So war es auch bei Claudia Zenker, die sich mit der Idee für Kunterbunt an Lara Becker gewandt hat. Weil sich das Projekt an Familien mit Kindern mit Behinderungen richtet, war hier die "Aktion Mensch" als Fördergeber naheliegend. Im gemeinsamen Gespräch habe man dann sowohl den Rahmen festgelegt als auch die Inhalte: Was sollte Teil des Projekts sein und was nicht? "Eine gute Projektplanung kann später viel Arbeit ersparen", berichtet Lara Becker. Mit einem klaren Antrag seien dann auch die Fördermittel bewilligt worden: Die "Aktion Mensch" unterstützt das Projekt Kunterbunt bis Ende Januar 2029.
Gabis mobile Tierfarm kommt regelmäßig für einen Nachmittag in den Pfarrgarten. Zum Programm gehören aber auch Ausflüge auf den Bauernhof, Spieletreffen, Orgelbau oder gemeinsames Singen. Regelmäßig montagnachmittags gibt es außerdem offene Treffen für die Familien. Die Ausflüge und Aktionen, die das Projekt Kunterbunt anbietet, sind in der Regel für alle teilnehmenden Familien kostenfrei.

Gabis mobile Tierfarm kommt regelmäßig für einen Nachmittag in den Pfarrgarten.
Vorbild sein
Das Evangelische Familienbildungswerk der Diakonie im Kirchenkreis Düsseldorf-Mettmann will aber nicht der einzige Anbieter inklusiver Angebote in der Umgebung sein. Deshalb beraten die Expertinnen auch Vereine und andere Initiativen im Ort dazu, was diese tun müssen, um ihre Angebote inklusiver zu gestalten. "Viele sind beispielsweise schon barrierefrei. Aber barrierefrei heißt eben noch lange nicht inklusiv", sagt Claudia Zenker. Nur weil ein Raum ohne Stufen oder mit dem Aufzug erreichbar ist, sei man noch nicht unbedingt auf die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen eingestellt. Auch Organisationen in anderen Städten hätten sich schon für das Projekt interessiert, erzählt sie.
Im Pfarrgarten in Ratingen-Lintorf trauen sich manche Kinder, eines der Ponys zu reiten. Auch das Kaninchenstreicheln wird nicht langweilig. Im Gras suchen manche von ihnen Löwenzahn, den sie den flauschigen Tieren entgegenstrecken. Auch Maximilian macht es Spaß, eine Kutschfahrt zu machen, sich durch den Garten schieben zu lassen und die anderen beim Reiten zu beobachten. Viele Familien, die hier dabei sind, nehmen auch andere Angebote des Projekts Kunterbunt wahr. Um ein bisschen mehr in Kontakt zu kommen - und sich als Familie nicht so allein zu fühlen.
Text: Carolin Scholz, Fotos: Carolin Scholz, Ronja Krogmeier/Projekt Kunterbunt






