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Gastbeitrag Diakonisches Werk Aachen

Die Diakonie als strategischer Pfeiler des Sozialstaats

In diesem Jahr ist es ein Vierteljahrhundert her, dass der Verein „Diakonisches Werk im Kirchenkreis Aachen e.V.“ zu seiner Gründungsversammlung zusammengekommen ist. Andreas Schäffer engagiert sich dort seit zwei Jahren ehrenamtlich im Vorstand. Der Professor im Ruhestand für Umweltwissenschaften an der RWTH Aachen warnt: In den vergangenen 25 Jahren stand die diakonische Arbeit noch nie so sehr unter Druck wie aktuell. Steigende Kosten, schwindende finanzielle Unterstützung, Fachkräftemangel und wachsende Bürokratie gefährden ihre Handlungsfähigkeit. Ein Weckruf zum Jubiläum.

Diakonie und Politik
Frau bei Demonstration mit Megaphon.

Wer in Deutschland über systemrelevante Berufe spricht, denkt an Menschen im Pflegebereich, im Erziehungswesen, im sozialen Umfeld oder in Heilberufen. Hinter vielen dieser Menschen steht eine Organisation, die selten im Rampenlicht steht, aber dennoch ein Fundament des Sozialstaats bildet: die Diakonie, der soziale Dienst der evangelischen Kirchen. Mit ihrem flächendeckenden Netzwerk leistet sie Wesentliches für Millionen Menschen und hält das Rückgrat des Sozialstaats funktionsfähig.

Eine Pflegerin stellt einer Patientin im Krankenhaus ein Tablett mit Essen auf den Tisch am Bett.

Arbeitgeber und Dienstleister

687.000 hauptamtlich Beschäftigte und 700.000 freiwillig Engagierte arbeiten bundesweit in rund 34.000 Einrichtungen und Diensten, in Pflegeheimen und Krankenhäusern, in der Suchthilfe, in der Kinder- und Jugendhilfe, in Familien- und Einzelberatungsstellen, in Einrichtungen für alte Menschen, in der Wohnungslosenhilfe und in der Flüchtlingsarbeit. Jedes Jahr erreichen diakonische Angebote rund zehn Millionen Menschen in Deutschland! Diese Zahlen zeigen: Die Diakonie ist kein Randphänomen kirchlicher Wohlfahrt, sondern – nach dem öffentlichen Dienst und der Caritas – der größte Arbeitgeber und Dienstleister des Landes.

Rechnet man Löhne, Sachkosten, betriebliche Aufwendungen und die indirekten Effekte durch Zulieferer, Konsum und lokale Wertschöpfung zusammen, entfaltet die Diakonie in jedem Jahr eine gesamtwirtschaftliche Leistung von einem mittleren zweistelligen Milliardenbetrag.

Jeder Euro, der in diakonische Arbeit fließt, löst ein Vielfaches an Nutzen aus: wirtschaftlich, sozial und menschlich. Er schafft Beschäftigung, hält Gemeinden lebendig und mindert zugleich Folgekosten in anderen Politikfeldern, etwa im Gesundheitswesen, in der Justiz oder bei der Armutsbekämpfung. Zudem bleiben Angehörige durch professionelle Betreuung der Hilfebedürftigen dem Arbeitsmarkt erhalten.

Eine junge Frau mit Behinderung berührt einen Bildschirm, der an der Wand hängt.

Frühwarnsystem

Auch in Aachen übernimmt die Diakonie mit rund 150 hauptamtlich und ebenso vielen ehrenamtlich Mitarbeitenden im Auftrag des Kirchenkreises Aachen wichtige Aufgaben in den Bereichen Kinder-, Jugend- und Suchthilfe sowie Erziehungs-, Familien-, Sozial- und Seniorenberatung und engagiert sich in der Arbeit mit Migrant*innen und Ehrenamtlichen.

Die Diakonie übernimmt Aufgaben, die der Staat allein nicht stemmen könnte. Und sie tut das mit einer Mischung aus Professionalität, Nähe und Werteorientierung, die einzigartig ist. Sie ist Arbeitgeberin, Dienstleisterin und Anwältin der Schwachen zugleich. Ihre Mitarbeitenden setzen sich dort ein, wo gesellschaftliche Probleme sichtbar werden, lange bevor sie zu politischen Schlagzeilen werden: bei Armut, Einsamkeit, Sucht, Pflegebedürftigkeit oder Wohnungslosigkeit.

In dieser Funktion ist die Diakonie auch ein Frühwarnsystem sozialer Realität. Sie zeigt, wo Strukturen greifen – und wo sie versagen. Das macht sie zu einer unverzichtbaren Partnerin der Politik. Ihre Arbeit ist keine Konkurrenz zum Staat, sondern seine gelebte Ergänzung; nicht nur als Dienstleisterin, sondern als sozialpolitische Akteurin. Die Diakonie bringt Erfahrung aus der Praxis mit und benötigt gezielte Investitionen, damit der Sozialstaat nicht an Leistungsfähigkeit verliert und das Vertrauen in politische Institutionen bestehen bleibt.

Andreas Schäffer, ein Mann im blauen Hemd mit Brille, ehrenamtlicher Vorstand des Diakonischen Werks im Kirchenkreis Aachen e.V.

Andreas Schäffer ist ehrenamtlicher Vorstand des Diakonischen Werkes im Kirchenkreis Aachen e.V. Der emeritierte Professor bezeichnet die Diakonie als "unverzichtbare Partnerin der Politik".

Soziale Investitionen zahlen sich aus

Die Arbeit der Diakonie wird durch Entgelte finanziert, die von Kranken- und Pflegekassen bezahlt werden, oder den Empfängern der Leistungen, etwa Gebühren in Tagespflege- und Frauenhäusern. Zum Teil aber auch durch staatliche Mittel von Bund, Ländern und Kommunen sowie durch die Kirchensteuer, Spenden und Sponsoring. Doch diese Arbeit steht unter Druck. Steigende Kosten, schwindende finanzielle Unterstützung, Fachkräftemangel und eine wachsende Bürokratie gefährden die Handlungsfähigkeit sozialer Träger wie der Diakonie.

Wer diese Gefahr übersieht, riskiert den schleichenden Abbau sozialer Infrastruktur und damit neben menschlich-ethischen Aspekten auch wirtschaftliche Verluste, die weit über einzelne Einrichtungen hinausreichen. Eine zukunftsorientierte Politik darf daher die Diakonie nicht als Kostenfaktor betrachten, sondern als Investition mit hohem gesellschaftlichem Ertrag. Denn soziale Investitionen zahlen sich aus: Sie schaffen Arbeit, sichern Teilhabe, beugen Krisen vor. Die Diakonie hilft, unsere Gesellschaft zu stabilisieren! Sie ist gelebte Effizienz im besten Sinne: menschlich, lokal verankert, volkswirtschaftlich wirksam.

Als parteipolitisch unabhängige Stimme für soziale Gerechtigkeit formuliert die Diakonie daher konkrete Erwartungen: Stabile Investitionen in soziale Infrastruktur, eine nachhaltige Pflege- und Bildungsfinanzierung sowie eine Steuergesetzgebung, die funktionierende soziale Netze sichert. Nur so kann soziale Sicherheit als Basis für Wachstum und Innovation garantiert werden und die Grundlage schaffen, Deutschlands Gesellschaft intakt zu erhalten.

Wenn die Politik über Zukunftspolitik spricht, sollte sie deshalb nicht nur in Straßen, Netze, Digitalisierung, künstliche Intelligenz und andere Technologien investieren, sondern auch in das, was Deutschland menschlich und wirtschaftlich trägt: die Kraft der Wohlfahrtsverbände als Schlüsselakteure für politisch verantwortungsvolles Handeln in unruhigen Zeiten.

Text: Andreas Schäffer, Fotos: Kathrin Harms / Diakonie Deutschland, Jacob Lund / Shutterstock, Diakonie RWL, Privat

Ansprechperson

Verena Bretz
Referentin
Politik und Kommunikation
V.Bretzatdiakonie-rwl.de

Über den Autor

Professor Andreas Schäffer übernimmt ehrenamtlich Aufgaben im Vorstand des Diakonischen Werks im Kirchenkreis Aachen e.V., zuvor leitete er an der RWTH Aachen mehr als 25 Jahre den Lehrstuhl für Umweltbiologie und Chemodynamik. Für die Zeit nach seiner Pensionierung hatte Schäffer sich vorgenommen, sich sozial zu engagieren und Menschen, die in Bedrängnis sind und Not leiden, zu unterstützen. “In der Diakonie habe ich eine Plattform gefunden, mich an verschiedenen Projekten zu beteiligen und die Erfahrung meiner Berufsjahre sinnvoll einzubringen, sei es in der Personalführung, der Antragstellung für Förderprogramme, der Außendarstellung und im Umgang mit Politik und Gesellschaft.”