Einfach mal machen
Katastrophen verhindern, das ist kaum möglich. "Aber wir können deren Folgen abmildern und unseren Umgang mit Katastrophen verbessern", sagt Markus Koth, Fluthilfekoordinator der Diakonie Katastrophenhilfe (DKH). Gemeinsam mit der Diakonie RWL unterstützt die DKH bereits seit Juli 2021 unter der Dachmarke Diakonie Katastrophenhilfe Rheinland-Westfalen-Lippe (DKH RWL) betroffene Menschen in den Flutregionen mit Spendengeldern aus verschiedenen Fördertöpfen – stets flankiert von psychosozialer Begleitung. "Denn Geld allein kann die Seelen der Menschen nicht heilen."
Starke Gemeinschaft
Nun hat die DKH zusätzlich das Projekt "Soziale Gemeinschaften stärken" ins Leben gerufen, das den gesellschaftlichen Zusammenhalt in den von der Flut betroffenen Orten wieder aufleben lassen will. Was die Quartiersarbeit in den Flutgebieten besonders macht: Sie will nicht nur das Gemeinschaftsgefühl der Menschen stärken, sondern sie verfolgt außerdem das Ziel, die Katastrophenvorsorge vor Ort auszubauen und die Menschen mit verschiedenen Aktionen zur Klimafolgenanpassung fit für mögliche künftige Katastrophen zu machen.
"Denn im Katastrophenfall kommt es darauf an, dass die Menschen wissen, wie sie als Gemeinschaft agieren müssen, wem sie helfen können und wo sie selbst Hilfe bekommen", sagt Andreas Vollmert von der Diakonie RWL. Er koordiniert in Düsseldorf die neuen Quartiersprojekte der DKH RWL an den verschiedenen Standorten in der gesamten Flutregion. Sieben Projekte zwischen Ahr, Wupper und Ruhr sind bereits an den Start gegangen, drei sollen in den nächsten Wochen folgen, darunter das Quartiersprojekt in Eschweiler, das im Juli beginnt.

Christian Heine-Göttelmann (re.), Vorstand der Diakonie RWL, und Markus Koth, Fluthilfekoordinator der Diakonie Katastrophenhilfe.
Von anderen lernen
Nach zahlreichen digitalen Austauschrunden haben sich die Quartiersmanager*innen der bestehenden Projekte nun erstmals persönlich zur zweitägigen Kick-Off-Veranstaltung in Düsseldorf getroffen. "Ich freue mich, dass Sie das, was wir uns in der Theorie bereits kurz nach der Flut überlegt haben, nun auch mit Leben füllen", begrüßte Christian Heine-Göttelmann, Vorstand der Diakonie RWL, die Gäste.
Und diese waren nicht nur aus dem Köln-Bonner Raum angereist, sondern auch aus dem Ahrtal, Trier, Hagen und Lüdenscheid. Für die DKH, die hauptsächlich international agiert, werden Einsätze in Deutschland immer alltäglicher. "Vor dem Hintergrund des Klimawandels werden wir künftig noch präsenter sein", kündigt DKH-Fluthilfekoordinator Markus Koth an. "Und in Deutschland können wir in Sachen Widerstandsfähigkeit und Katastrophenvorsorge viel vom Ausland lernen."
Entsprechende Impulse hat etwa in den vergangenen Monaten Durga Mohanakrishnan geliefert. Die indische Wissenschaftlerin war ein halbes Jahr lang als Beraterin der DKH angestellt und hat als solche beispielsweise ihre Erkenntnisse aus der internationalen Katastrophenvorsorge und Risikokommunikation sowie Initiativen zur Katastrophenvorsorge mit den neuen Quartiersmanager*innen geteilt. "Es war beeindruckend zu erkennen, dass sich ausländische Standards an vielen Stellen auf Deutschland übertragen lassen", sagt Andreas Vollmert. "Unsere Quartiersmitarbeitenden haben von Durgas Vorträgen stark profitiert."

Guter Start
Die Startphase in ihren neuen Jobs haben die Quartiersmanager*innen als überwiegend positiv erlebt. "Wir vernetzen uns vor Ort mit anderen Hilfsorganisationen, organisieren bereits viele Mikroprojekte für die Menschen und erfinden uns eigentlich jeden Tag neu", berichtet etwa Rubina Fahad vom Team in Hagen. Ihre Kollegin Barbara Schmidt aus Lüdenscheid-Brügge ergänzt: "Wir sind schon jetzt ein wichtiger Anlaufpunkt, und es kommen immer mehr Bürger*innen, die sich in ihrer Gemeinde einbringen und in irgendeiner Form engagieren möchten."
Zum Alltag der Quartiersarbeit gehörten aber auch solche Momente, in denen es nicht weitergeht: "Manche Ideen scheitern an bürokratischen Hürden und festgefahrenen Strukturen", sagt Jonas Flöck vom Kooperationspartner Palais e.V. in Trier. "Aber frustrierende Erfahrungen gehören dazu, davon lassen wir uns in unserer Arbeit nicht zurückwerfen."

Zusammen durch die Krise
Neben Austausch und Vernetzung ging es den Teilnehmenden der Kick-Off-Veranstaltung auch darum, Wissen zu sammeln und organisatorisch-formale Fragen zum Gesamtprojekt zu klären. Ronja Winkhardt-Enz, Referentin Deutsches Komitee Katastrophenvorsorge (DKKV), zeigte beispielsweise spielerisch, wie Städte und Regionen ihre jeweiligen Risiken für lokale Starkregenereignisse möglichst gut einschätzen und entsprechende Ausgaben für Vorsorge planen können. "Wir wollen Akteure aus operativer Praxis und Wissenschaft vernetzen", so Winkhardt-Enz. "Die Quartiersprojekte der DKH RWL mit dem Schwerpunkt Katastrophenvorsorge, Nachhaltigkeit, Klimawandelanpassung und Resilienz sind dabei wichtige Multiplikator*innen."
Bo Tackenberg von der Uni Wuppertal widmete sich in seinem Vortrag der Katastrophenprävention in der Quartiersarbeit. Er stellte seine Forschungsergebnisse und die daraus resultierenden Schlussfolgerungen für die künftige Katastrophenplanung vor. Ein Fazit: "Nachbarschaften, die schon vorher gut vernetzt sind, miteinander agieren und sich kennen, funktionieren auch im Katastrophenfall besser."
Kreativität gefragt
Der zweite Seminartag war geprägt von klassischer Quartiers- und Sozialraumarbeit. Kai Zander vom Büro WEQ4 präsentierte Erfahrungen und gab Tipps zur Umsetzung von Nachbarschaftsprojekten, er formulierte Ziele und stellte die Grundlagen dieser Arbeit vor. Seine wichtigste Botschaft: "Nutzt die vorhandenen Fähigkeiten der Menschen und bringt sie dazu, selbst zu handeln." Immer wieder brachte sich auch Elke Beyer mit wertvollen Wortbeiträgen ein. Sie ist bei der Bundesdiakonie in Berlin für das Projekt "Engagiert im Quartier" verantwortlich. Ihr Appell: "Seid kreativ, denkt auch mal anders und lernt vor allen Dingen voneinander – ihr müsst das Rad nicht neu erfinden." DKH-Fluthilfekoordinator Markus Koth ermutigte die neuen Quartiersmanager*innen: "In eurer Arbeit steckt enorm viel Potenzial." Denn wenn die Menschen in den Flutregionen sich mehr als Gemeinschaft verstehen würden, seien sie automatisch widerstandsfähiger gegen künftige Katastrophen.

Selbst machen
Viel Input für die Mitarbeitenden in den Quartiersprojekten, aber auch viel Zuversicht. "Ich kann jede Menge für meine Arbeit mitnehmen", sagt etwa Walter Bargen vom Hoffnungswerk und zuständig für das Quartiersprojekt in Altenahr-Altenburg im Ahrtal. "Vor allen Dingen interpretiere ich meine Rolle als Quartiersmanager nun anders, nämlich viel strategischer." Bislang habe er sich als Kümmerer gesehen, der alles für die Menschen übernimmt. "Aber", so Bargen weiter, "meine Aufgabe ist es vielmehr, Initiator zu sein und die Ideen der Betroffenen in den Flutgebieten zu ermöglichen. Ich kann sie unterstützen und ermutigen – aber machen, das müssen sie selbst."
Text und Fotos: Verena Bretz






