Aktuelles
Welttag des Flüchtlings

Ein Nest fürs sichere Ankommen

Im Projekt NesT helfen Ehrenamtliche Geflüchteten beim Ankommen in Deutschland. Das Programm schreibt viele Erfolgsgeschichten – eine davon ist die der Familie Makuach in Dinslaken. Trotzdem will die Bundesregierung NesT nicht fortsetzen. 

Flucht und Migration

An einem kalten Februartag kommt Familie Makuach begleitet von Bundespolizisten aus dem gesicherten Bereich am Frankfurter Flughafen – und wird von Bärbel Radmacher, Willy Cihak und Rita Dietze in Empfang genommen. 2022 war das. Doch auch jetzt begleiten die drei, Udo Radmacher und Wilfried Faber-Dietze die Familie weiter. Die fünf Ehrenamtlichen haben eine sogenannte NesT-Gruppe gegründet.

Neustart im Team – Das NesT-Konzept

Im Mai 2019 wurde NesT als Pilotprojekt gestartet. NesT steht für Neustart im Team. Dabei erklären sich Ehrenamtliche bereit, sich um eine ihnen zugeteilte geflüchtete und besonders schutzbedürftige Person oder Familie zu kümmern. Für zwei Jahre stellen sie Wohnraum bereit – mieten also eine Wohnung an und bezahlen auch die Miete – und helfen bei Behördengängen und dem Ankommen in Deutschland. Doch obwohl sich das Projekt bewährt hat, steht es nun auf der Kippe: Die Bundesregierung will es nicht fortsetzen. 

Bärbel Radmacher und ihr Mann haben die Gruppe in Dinslaken angestoßen. Im Flüchtlingsrat in Dinslaken, wo die beiden sich engagieren, wurde das Projekt im Juni 2021 vorgestellt. Danach gab es eine Diskussion, bei der es darum ging, ob es eigentlich richtig ist, dass die Gesellschaft so intensiv in die Betreuung Geflüchteter einbezogen wird - ist das nicht Aufgabe des Staats? "Selbst wenn es nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist, wollten wir einer Familie das Ankommen ermöglichen", sagt Bärbel Radmacher.  Also haben sie herumtelefoniert, andere aktiviert und die NesT-Gruppe in Dinslaken ins Leben gerufen. 

Wol Makuach, Bärbel Radmacher und Willy Cihak aus Dinslaken

Wol Makuach mit Bärbel Radmacher und Willy Cihak  von der NesT-Gruppe Dinslaken.

Vom Flüchtlingslager nach Deutschland

Für Wol Makuach und seine Familie begann der Prozess schon eine ganze Weile früher. Sie lebten im Flüchtlingslager Kakuma in Kenia. Dieses Flüchtlingslager wurde 1992 eingerichtet, um Kinder und Jugendliche aus dem Südsudan aufzunehmen. Mittlerweile wohnen mehr als 100.000 Menschen dort. Auch Wol Makuach kommt aus dem Südsudan und lebte mit seiner Mutter und seinen Geschwistern seit 1992 in Kakuma. Der Vater war Soldat im Unabhängigkeitskrieg im Südsudan. 

Als sich der Südsudan unabhängig erklärte und der Krieg sich beruhigt hatte, lebte auch Wol Makuach eine Weile wieder dort und arbeitete als Lehrer. Im Gegensatz zu denen, die dort geblieben waren, konnte er im Flüchtlingslager zur Schule gehen und gab sein Wissen nun weiter. Später machte er eine Ausbildung zum Journalisten, lernte seine Ehefrau kennen und bekam zwei Kinder. Und lebte wieder in Kakuma. 

2019 stieß die Familie dort das Resettlementverfahren an. Dabei vermittelt der Hohe Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen (UNHCR) besonders schutzbedürftige Geflüchtete an Länder, die sich bereit erklären, diese aufzunehmen. Wegen der Corona-Pandemie dauerte es eine Weile, bis die nötigen Interviews mit der Familie stattfinden konnten. 

"Bei einem der Interviews wurden wir gefragt, ob wir über das NesT-Programm nach Deutschland kommen möchten", sagt Wol Makuach. Mit kleinen Kindern sei das besonders empfehlenswert - auch wegen der vielen Bürokratie, die auf sie zukommen werde, hieß es in der Botschaft. "Wir haben direkt gesagt, ja, das machen wir." Weil das dritte Kind unterwegs war, dauerte es noch, bis sie tatsächlich ausreisen konnten.

Bärbel Radmacher hat einen dicken Ordner mit allen Unterlagen und Artikeln. Darin sind auch kleine Passfotos von Familie Makuach. Kaum mehr habe man vorher gewusst. Trotzdem machten sich die NesTler daran, alles vorzubereiten. Sie renovierten die Wohnung, besorgten Möbel und Kleidung und warteten schließlich darauf, Bescheid zu bekommen, wann die Familie ankommen wird. 

Ein neues Leben in Dinslaken

Am 24. Februar ging es nach dem Willkommenheißen am Flughafen von Frankfurt nach Dinslaken. Nach einem ersten Ankommen ging es dann schnell an allerlei Behördenangelegenheiten. Dafür hat sich die NesT-Gruppe aufgeteilt. Bärbel Radmacher übernimmt alles rund um die Ausländerbehörde. Willy Cihak ist für Krankenkasse und Bankangelegenheiten zuständig, Wilfried Faber-Dietze kümmert sich ums Jobcenter und Udo Radmacher um alles rund um Wohnung und Reparaturen. 

Dass alle Vorgänge nur auf Deutsch ablaufen, hat Wol Makuach anfangs überrascht. "Ich dachte, dass hier mehr Menschen auch Englisch sprechen", sagt er. Gerade deshalb sei die Unterstützung der NesTler hilfreich gewesen. Wol Makuach hat auch heute noch Kontakt zu anderen Familien, die in Kakuma waren und heute in Deutschland leben. Nicht alle hatten so viel Hilfe beim Ankommen. 

Seine Kinder sind heute in Kita und Schule. Seine Frau und er haben Deutschkurse absolviert, vor Kurzem hat Wol Makuach eine Ausbildung zum Heizungs- und Sanitäranlagenmechaniker begonnen. Ein wenig wehmütig: Gerne hätte er auch hier als Journalist oder Mediengestalter gearbeitet – der Beruf, den er gelernt hat. Doch in der Medienbranche sei es schwierig gewesen, eine Stelle zu finden. „Ich muss an meine Familie denken. Ich brauche einen guten Job, damit meine Kinder eine gute Zukunft haben“, sagt Wol Makuach. 

An seine Heimat denkt er oft. "Die darf man auch nicht vergessen", sagt er. Aber in Deutschland gehe es jetzt um die Zukunft. Die Familie ist mittlerweile angekommen. Sie fühlen sich wohl in ihrer Wohnung. Die Kinder sind im Fußballverein, das jüngste wurde hier getauft. In der Kita der Kinder hängt ein großes Plakat, auf dem in verschiedene Sprachen "Willkommen" steht. Für Familie Makuach haben sie das auch auf Dinka hinzugefügt – die Muttersprache der Familie, eine von 64, die in Südsudan gesprochen werden. 

Gemeinsam gegen das Aus

Auch die NesTler merken, wie die Familie sich immer besser einlebt – und immer weniger Unterstützung braucht. Als im Mai bekannt wurde, dass Bundesinnenminister Alexander Dobrindt alle humanitären Aufnahmeprogramme stoppen will, waren sie fassungslos und entsetzt. Auf WeAct stießen sie gemeinsam mit anderen NesT-Mentor*innen eine Petition an. Fast 83.000 Menschen haben bislang unterzeichnet. Außerdem habe man auch die Bundestagsabgeordneten aus der Region kontaktiert.

Einige aus dem Umfeld seien frustriert von der Entscheidung der Bundesregierung und hätten sich zurückgezogen, sagt Bärbel Radmacher. Andere seien nur noch engagierter geworden. "Mich hat die Arbeit für NesT und die aktuelle Entwicklung eher politischer gemacht", sagt Willy Cihak. Er wolle auch weiter dranbleiben. Es könne doch nicht sein, dass ein so gut funktionierendes Programm, bei dem sich die Menschen freiwillig einbringen wollen, nun gestrichen wird. 

Text und Foto: Carolin Scholz

Ansprechperson

Katharina Kindsmüller
Referentin
Politik und Kommunikation
K.Kindsmuelleratdiakonie-rwl.de
Karin Wieder
Referentin
Flucht, Migration und Integration
K.Wiederatdiakonie-rwl.de

Kurztext

Das NesT-Programm ermöglichte es von den UNHCR ausgewählten Flüchtlingen, über Resettlement nach Deutschland einzureisen und vor Ort von Mentoringgruppen unterstützt zu werden. Die Zivilgesellschaftliche Kontaktstelle (ZKS) stellt Informationen über das Projekt bereit, führt Schulungen durch und berät Interessierte. Sie besteht aus Vertretern der Caritas, des DRK und dem Institut für Kirche und Gesellschaft der Evangelischen Kirche von Westfalen. Finanziert wird die ZKS von der Bertelsmann Stiftung, der Stiftung Mercator sowie der Evangelischen Kirche von Westfalen. Seit den Koalitionsverhandlungen sind die Resettlement-Aufnahmen und damit auch NesT ausgesetzt.