Mädchen vor Beschneidung schützen
Weltweit sind 230 Millionen Frauen und Mädchen an ihren Genitalien beschnitten – eine Praxis, die von den Vereinten Nationen als schwere Menschenrechtsverletzung und Form von Folter gewertet wird. Die Mehrheit der Betroffenen lebt in afrikanischen Ländern. Auch in Asien ist Female Genital Mutilation/Cutting (FGM/C) verbreitet. In Deutschland leben schätzungsweise 104.000 betroffene Frauen und Mädchen sowie bis zu 17.200 weitere gefährdete Mädchen unter 18 Jahren. Trotz des großen Bedarfs gibt es hierzulande nur wenige Beratungsstellen. Eine davon ist die Beratungsstelle stop mutilation Deutschland e.V. in Düsseldorf. Sie klärt Familien auf, behandelt Traumata und unterstützt bei Gutachten zur Beschneidung für Asylverfahren. Gründerin und Geschäftsführerin Jawahir Cumar aus Somalia berichtet im Interview über ihre wichtige Arbeit – und was sich in Deutschland ändern muss, um Verstümmelungen weiblicher Genitalien zu verhindern.
Frau Cumar, FGM/C wird als Menschenrechtsverletzung gewertet. Frauen wurden Anfang dieses Jahres vom Europäischen Gerichtshof als "soziale Gruppe" anerkannt und haben einen Anspruch auf Flüchtlingsschutz aufgrund geschlechtsspezifischer Verfolgung zu der auch FGM/C gehört. Dennoch gibt es im Asylverfahren viele Hürden für betroffene Frauen und Mädchen. Welche sind das?
Es fängt schon damit an, dass das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) für die Geltendmachung im Asylverfahren ein Gutachten verlangt. Die meisten Gynäkolog*innen kennen sich mit Beschneidung jedoch nicht aus. Im schlimmsten Fall steht im Gutachten, dass eine Frau nicht beschnitten sei. Damit gilt sie als unglaubwürdig. Es gibt nichts Schlimmeres als jemandem, der das erlebt hat, zu sagen, dass sie nicht betroffen sei.
Hinzu kommt, dass die Dolmetscher die Betroffenen häufig nicht gut verstehen und fehlerhafte Übersetzungen liefern. Die Kosten für das mehrseitige Gutachten werden nicht übernommen. Durch Umwege kommen die Frauen oft zu uns, und unsere Expert*innen erstellen ein weiteres Gutachten.
Viele Frauen, die hierherkommen, wissen nicht, dass FGM/C ein Schutzgrund ist. Sie werden von Schleusern eingeschüchtert, dass sie nicht viel erzählen sollen. Für betroffene Frauen, die mit einer Tochter einreisen, stehen die Chancen sehr gut, dass sie den Schutz erhalten, da eine Bedrohung für das Mädchen besteht. Andere Frauen, die FGM/C erlitten haben, haben oft Probleme: Das BAMF geht davon aus, dass für sie keine Gefahr mehr besteht, da sie schon beschnitten sind. Dem ist aber nicht so, denn vielen Frauen droht eine Mehrfachbeschneidung.

Das Thema FGM/C ist für die Betroffenen meist ein Tabu. Sie hingegen sprechen offen über Ihre Erfahrungen. Möchten Sie uns Ihre Geschichte erzählen?
Wir haben damals in Mogadischu gewohnt. Meine Schwestern wurden in der Nachbarschaft mit anderen Mädchen von einer traditionellen Beschneiderin beschnitten. Ich war mit fünf Jahren die Jüngste von uns Schwestern. Meine Oma – es sind immer die Großmütter, die über die Beschneidung bestimmen – hatte entschieden, mich für den Eingriff zu dem besten Gynäkologen in Mogadischu zu bringen. Da ich unter Vollnarkose stand, habe ich die Beschneidung – anders als viele andere – nicht miterlebt. Ich bin mit zusammengebundenen Beinen aufgewacht, durfte mich sechs Wochen lang nicht bewegen und hatte unbeschreibliche Schmerzen.
Welche gesundheitlichen und psychischen Auswirkungen hat eine Beschneidung auf Mädchen und Frauen?
Die Frauen verlieren ihr Urvertrauen. Wenn die eigene Mutter einen ans Messer liefert, wem kann man dann noch vertrauen? Sie leiden auch unter Ängsten, Flashbacks, Depressionen und Traumata. Hinzu kommen körperliche Beschwerden, wie ständige Schmerzen. Für viele der Frauen, die FGM/C erlitten haben, fühlt sich jeder Geschlechtsverkehr wie eine Vergewaltigung durch die Ehemänner an.
War Ihre eigene Geschichte der Grund, 1996 den Verein zu gründen?
Nein, erst mal nicht. 1996 war ich in Somalia in einem Dorf zu Besuch und es gab eine Beerdigung eines achtjährigen Mädchens, das bei der Beschneidung verblutet ist. Das hat mich nicht mehr losgelassen, auch weil ich selbst eine kleine Tochter hatte. In Deutschland habe ich mit Freunden gesprochen, die mir erzählt haben, dass FGM/C auch ein Problem für Frauen in Deutschland ist. Daher habe ich den Verein gegründet.

Stuhl für gynäkologische Untersuchungen in der Beratungsstelle. (Foto: Diakonie RWL/Nicole Esch)
Wie helfen Sie den betroffenen Frauen und Mädchen in Ihrer Fachberatungsstelle?
Anfangs schaffen wir eine Vertrauensbasis und stabilisieren die betroffenen Frauen und Mädchen. Wir beraten und begleiten sie und auch betroffene Familien in Düsseldorf bei allen gesundheitlichen, kulturellen und rechtlichen Problemen rund um das Thema weibliche Genitalbeschneidung. Die Angebote unserer Beratungsstelle sind: Einzelberatung, gynäkologische Sprechstunde, Gesprächsgruppe für Frauen, therapeutisches Malen, Traumatherapie, Sprach- und Integrationskurse. Zudem leisten wir Präventionsarbeit und bieten Beratung und Fortbildungen für Fachkräfte an.
Was möchten Sie mit der Beratungsstelle stop mutilation Deutschland e.V. erreichen?
Wir möchten, dass kein Mädchen mehr beschnitten wird. Das können wir nur erreichen, wenn wir mit den Eltern eng zusammenarbeiten, sie überzeugen, beraten und begleiten. Dazu gehört auch Präventionsarbeit. Viele Frauen fliehen, um ihre Töchter zu beschützen. Wir klären sie darüber auf, dass sie ihre Mädchen auf keinen Fall zu Besuchen mit in ihr Heimatland nehmen dürfen, da sonst die Gefahr besteht, dass diese dort beschnitten werden könnten. Zur Präventionsarbeit gehört es auch, den Menschen die Gesetze in Deutschland zu erklären. Und wir klären Jugendliche auf, denn sie sind die Eltern von morgen.

Jawahir Cumar im Gespräch. (Foto: Diakonie RWL/Nicole Esch)
Obwohl FGM/C in Deutschland seit 2013 ein Straftatbestand ist, kommt es auch hier zu Beschneidungen?
Ja, das liegt daran, dass viele nicht aufgeklärt sind. Sie leben schon lange hier und wissen nicht, dass FGM/C ein Straftatbestand ist. Es gibt bisher auch keine Familie oder Frau, die verklagt worden ist. Was in der Familie passiert, bleibt dort. Niemand spricht darüber. Das ist wie beim sexuellen Missbrauch.
Laut einem aktuellen Bericht des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen Unicef ist die Zahl der Überlebenden von FGM/C in den vergangenen acht Jahren um 15 Prozent gestiegen. Gambias Parlament diskutiert darüber, das seit 2015 geltende Verbot von FGM/C wieder aufzuheben. Warum ist es so schwer, Beschneidungen ein Ende zu setzen?
Weil die Männer das wollen und Frauen mitmachen. FGM/C findet in patriarchalischen Gesellschaften statt. Alles, was Männer wollen, wird gemacht, auch wenn es schmerzhaft ist. Frauen sorgen dafür, dass ihre Töchter oder Enkeltöchter beschnitten werden. Sie sehen das als Akt der Vorsorge, damit die Mädchen einen Mann finden und damit eine Zukunft in der Gesellschaft haben. Frauen haben kein Recht auf den eigenen Körper und Bildung. Sie sind der Besitz des Mannes. Da sie kein eigenes Einkommen haben, sind sie abhängig. Es ist entscheidend, dass auch die Männer aufgeklärt werden. Sie sind eine wichtige Säule im Kampf gegen FGM/C. Solange sie nicht aufstehen und sagen, wir wollen nicht, dass die Frauen beschnitten werden, wird sich nichts ändern. Daher ist die Beratung von Männern in unserer Beratungsstelle so wichtig.

Tücher aus Somalia, die ehemalige Beschneiderinnen genäht haben.
Was muss sich auf politischer Ebene ändern, damit Sie den Betroffenen besser helfen können?
Wie auch in anderen Ländern sollte das Thema in medizinischen Berufen Teil des Ausbildungs-Curriculums sein. Es gibt immer wieder Frauenärzte, die schockiert sind, wenn sie eine betroffene Frau zum ersten Mal in ihrem Leben sehen. Zusätzlich sollten die Kinderärzte geschult werden. Es sollte verpflichtend sein, dass bei den U-Untersuchungen auf weibliche Genitalbeschneidung und sexuellen Missbrauch geachtet wird. So können die Geschwister schon betroffener Kinder geschützt werden. Außerdem sollte die Politik Geld für den Kampf gegen FGM/C bereitstellen. Seit 1996 machen wir hier tolle Arbeit. Aber keiner von uns hat ein Festangestelltenverhältnis. Wir arbeiten nur auf Honorarbasis, weil FGM/C für die Politik oft nur ein Randthema ist. Deshalb sind wir sehr dankbar, dass die Landeshauptstadt Düsseldorf vorangeht und unsere Beratungsstelle fördert. Aber auch viele betroffene Frauen, die nicht in Düsseldorf leben und sich bei uns melden, brauchen Hilfe. Und für diese Frauen haben wir keine Förderung.
Die Fragen stellte Nicole Esch. Fotos: Nicole Esch.
Ansprechperson
diakonie-rwl.de

