Mit den Taliban endete das „normale Leben“
Die junge Journalistin führte in Kabul, der Hauptstadt Afghanistans, ein freies Leben: Sie arbeitete mit Anfang 20 bei einer Zeitung und anderen Medien, lebte mit ihren Eltern und Geschwistern in einem Haus. Ihre Mutter gab Frauen, die nicht lesen und schreiben konnten, Alphabetisierungskurse. So sollte es weitergehen, dachte die Frau, die wir hier zu ihrer Sicherheit Rudabeh nennen. „Wir haben damals an unserer Zukunft gearbeitet und konnten uns nicht vorstellen, dass wir das alles eines Tages zurücklassen müssen“, sagt sie in der Zwei-Zimmer-Wohnung im Bergischen Land, wo sie mit den acht Personen ihrer Familie heute lebt. Mit der Machtübernahme der Taliban am 15. August 2021 wurde alles anders.
Rudabeh, ihre Geschwister und Eltern waren in Kabul an Bildung interessiert, gingen in die Schule und setzten sich für Menschenrechte ein. Ihre Schwester habe sich in Umweltschutzorganisationen engagiert, erzählt sie. „Wenn ich an diese Zeit zurückdenke, wird mir bewusst, wie wertvoll dieses normale Leben für uns war.“ Aber die Schlinge um sie zog sich immer weiter zu. Engagierte Menschen waren besonders im Visier der Taliban, die das Leben in Kabul in kürzester Zeit umgestalteten. Ihre Zeitung wurde verboten, Frauen aus der Öffentlichkeit verbannt. „Private Küchen durften zum Beispiel keine Fenster mehr haben, damit niemand Frauen bei der Arbeit beobachten konnte“, berichtet Rudabeh.

Vor einer Abschiebung müssen die betroffenen Personen bei den afghanischen Behörden Pässe beantragen. Das Bild zeigt die afghanische Botschaft in Berlin.
Angst vor Taliban in afghanischen Botschaften
Immerhin öffnete sich für sie und ihre Familie der Weg ins Ausland. „Schließlich sind wir mit dem Auto nach Pakistan gefahren, verbrachten dort etwa zwei Wochen und konnten dann mit dem Flugzeug nach Deutschland weiterreisen“, erzählt sie. Hier lebt die Familie nun seit drei Jahren. An den Empfang denkt Rudabeh gerührt zurück. „Deutschland und die Menschen hier haben uns bei unserer Ankunft sehr unterstützt“, sagt sie. Auf dem gesamten Weg sei ihnen geholfen worden. Ihre jüngeren Brüder gehen jetzt in die Schule, sie selbst hat gut Deutsch gelernt – aber nicht genug für ihre eigenen Ansprüche: „Ich möchte jetzt einen Kurs für Fortgeschrittene machen, aber bisher ist unklar, ob ich den bezahlen kann“, sagt sie.
Ganz wie in Kabul macht Rudabeh Pläne für die Zukunft und versucht sie umzusetzen. Ein Minijob ist ihr nächstes Ziel, immer freitags könnte sie arbeiten, wenn sie vom Deutschkurs frei hat. Sie stöhnt ein bisschen, wenn sie von dem beengten Leben in zwei Zimmern mit acht Personen erzählt, aber ein Problem sei das nicht. Angst macht ihr die Abhängigkeit von der afghanischen Botschaft: Der Pass ihres Bruders läuft demnächst aus. Über seine Verlängerung entscheiden afghanische Angestellte - Untergebene der Taliban. Wenn ihr Bruder - und das trifft viele Geflohene aus dem Land – keinen Pass mehr hat, ist er staatenlos und kann sich in Deutschland nicht mehr frei bewegen. Das ist zur Zeit Rudabehs größte Sorge.
Der lange Arm der Taliban
Viele Menschen aus Afghanistan sind derzeit beunruhigt, sagt Judith Fisch, Referentin im Geschäftsfeld Flucht, Migration und Integration bei der Diakonie RWL. „Alle haben Angst davor, nach den jüngsten Beschlüssen der Bundesregierung abgeschoben zu werden, selbst diejenigen, denen Asyl gewährt wurde.“ Besonders gravierend sei, dass die Menschen vor einer Abschiebung bei den Vertretern afghanischer Behörden Pässe beantragen müssten. „Und diese Behörden werden auch in Deutschland von den regierenden Taliban betrieben. Wenn diese erfahren, wer ausgewiesen wird, schadet das sowohl den Ausgewiesenen als auch deren Familien in Afghanistan selbst“, so Fisch.
Der lange Arm der Taliban über afghanische Angestellte in Deutschland ängstigt viele Geflüchtete, bestätigt das Psychosoziale Zentrum (PSZ) in Düsseldorf, das jedes Jahr rund 100 traumatisierte afghanische Frauen und Männer behandelt. Rudabeh, die Journalistin aus Kabul, will sich aber davon nicht einschüchtern lassen. Sie verfolgt ihr Ziel weiter, Deutsch immer besser zu lernen und hier eine Arbeit zu finden.
Text: Irene Dänzer-Vanotti (epd), Fotos: tuzla / shutterstock.com, Mo Photography Berlin / shutterstock.com, Katharina Kindsmüller / Diakonie RWL



