Was die Eingliederungshilfe in Nordrhein-Westfalen braucht
Auch darum ging es bei der Mitgliederversammlung des Evangelischen Fachverbands für Teilhabe und Rehabilitation von Menschen mit Behinderungen im Wissenschaftspark in Gelsenkirchen: Wie wollen wir als Gesellschaft in Nordrhein-Westfalen mit behinderten Menschen umgehen und leben? "Menschen sind nicht behindert, sie werden behindert – immer noch", sagt dazu Sigrid Graumann, Professorin für Ethik im Fachbereich Heilpädagogik und Pflege an der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe, deren Rektorin sie auch ist. Die Humangenetikerin und Philosophin hat bei der Mitgliederversammlung den Stand der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland bewertet. Ihr Fazit: "Die Entwicklung ist zäh geworden." Erschwert werde die Situation durch extreme Stimmen, die gerade vulnerable Gruppen lautstark ausgrenzten. Graumann: "Wenn wir eine weitere soziale Spaltung verhindern wollen, brauchen wir eine konsequente Sozialpolitik."

"Menschen sind nicht behindert, sie werden behindert – immer noch", sagt Sigrid Graumann, Professorin für Ethik im Fachbereich Heilpädagogik und Pflege an der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe.
"Wir machen uns große Sorgen"
Wie betroffene Personen diese Spaltung im Alltag erleben, schilderte eindringlich Katharina Tielke. Die 44-Jährige engagiert sich beim "Politischen Stammtisch Bielefeld". Das ist eine Gruppe politisch interessierter Menschen mit Behinderungen, die nicht nur das Gespräch mit Politiker*innen suchen, sondern auch praktische Unterstützung wie Wahlassistenz leisten. "Wir machen uns große Sorgen", sagt Tielke. "Viele Menschen mit Behinderungen haben Angst. Besonders Behinderte mit Migrationshintergrund fürchten, dass sie aus Deutschland rausgeworfen werden." Die Sorge um die allgemein politisch- gesellschaftliche Lage im Land ("die Demokratie wackelt") treibt sie um. Auf der anderen Seite beobachtet Tielke, dass in Nordrhein-Westfalen schon viel für Behinderte erreicht wurde. Was sie sich aber immer wieder frage: "Wo bleibt der Mensch? Wir reden so viel über Gesetze – aber hinter jedem Gesetz steht ein Mensch, der mindestens so wichtig ist wie das Gesetz."
Ordentlich aufgestellt
Als Mann fürs Gesetz hat Christian Bernzen, Jurist und Professor an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin, den Teilnehmenden auf anschauliche Weise "Qualität und Wirksamkeit von Leistungen in der Eingliederungshilfe" nahegebracht. Für ihn steht dabei immer die Person im Mittelpunkt und deren individueller Unterstützungsbedarf. "Landesweite Kriterien zu entwickeln, geht nicht – es gibt schließlich auch keine landesweiten Menschen", argumentiert er. Nordrhein-Westfalen insgesamt bescheinigt Bernzen, "ordentlich aufgestellt" zu sein. "In NRW schaffen wir es nur nicht so recht zu zeigen, wie wirksam wir sind."
Beim Umsetzen des bereits Ende 2016 verabschiedeten Bundesteilhabegesetzes (BTHG) sind es vor allen Dingen der Fachkräftemangel, Mindereinnahmen und überbordende Bürokratie, die den Leistungserbringern die Arbeit schwer machen. "Unser zentrales Problem ist, dass wir einerseits die Person ins Zentrum stellen, andererseits darf das nicht mehr kosten", sagt Alexander Engel, der bei der Diakonie RWL das Zentrum Eingliederungshilfe leitet. "Das ist ein extrem unbefriedigendes Spannungsfeld. Wir als Freie Wohlfahrtspflege stellen uns der Verantwortung und haben den Prozess konstruktiv begleitet. Aber das derzeitige Verfahren ist destruktiv. Wir brauchen mehr Verlässlichkeit."

Christian Bernzen, Jurist und Professor an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin, hält Nordrhein-Westfalen in der Eingliederungshilfe für insgesamt "ordentlich aufgestellt". Man schaffe es "nur nicht so recht zu zeigen, wie wirksam wir sind".
Pro Qualitätsprüfungen
Alexander Engel bewertet beispielsweise die Qualitätsprüfungen der Landschaftsverbände, wie sie derzeit ablaufen, als "ein rein wirtschaftspolitisches Steuerungsinstrument". Stefan Helling-Voß, der auf dieser Mitgliederversammlung sein Amt als Vorsitzender des Fachverbandsvorstands abgegeben hat, bestätigt diesen Eindruck: "Wir als Leistungserbringer befürworten Qualitätsprüfungen grundsätzlich. Aber wie die in der jetzigen Form ablaufen, sind das politisch gewollte Entgeltkürzungen." Christian Bernzen fordert: "Wir müssen über Wirksamkeit sprechen." Allein das Vorhandensein von Personal sei kein Qualitätsmerkmal. "Ziel der Qualitätsprüfungen muss sein, das Gute zu finden und nicht die Möglichkeit, Geld zurückzufordern."

Stefan Helling-Voß, ehemaliger Vorsitzender des Fachverbandsvorstands, diskutiert auf dem Podium mit Alexander Engel. Leitung Zentrum Eingliederungshilfe der Diakonie RWL, und mit Ministerialdirigent Markus Leßmann, der im NRW-Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales die Abteilung Soziales leitet (v.l.).
"Wir haben uns verhakt"
Ministerialdirigent Markus Leßmann, der im NRW-Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales die Abteilung Soziales leitet, gibt zu: "Wir haben uns verhakt." Es fehle allen Beteiligten beim Umsetzen des BTHG an einem "Zukunftskonsens". Leßmann fragt: "Wo ist die gemeinsame Vision, wo wir in fünf Jahren in der Eingliederungshilfe stehen wollen? Wo ist die Richtung, in die wir gehen wollen?" Teilweise frustriere das Thema BTHG die Menschen mehr, als dass es ihnen etwas gebe.
Applaus gab es für Leßmanns Feststellung: "Die Bedarfserhebungen erzeugen überbordende Bürokratie, ohne dass irgendetwas bei den Menschen ankommt." Helling-Voß sieht das ähnlich: Derzeit herrsche vielfach Orientierungslosigkeit, "die Versorgungssituation hat sich verschlechtert". Mit ein Grund dafür sei die fehlende Einheitlichkeit, weil es in NRW zwei unterschiedliche Bedarfsermittlungsverfahren gibt.
Nicht nur Mängel betonen
Auf der anderen Seite, so Leßmann weiter, sei die Situation in Nordrhein-Westfalen gut. "Das sollten wir auch wertschätzen und nicht nur die Mängel betonen: Hier in NRW führen Menschen mit Behinderungen ein gutes Leben und werden bestmöglich dabei unterstützt, am Leben teilzuhaben." Vor dem Hintergrund der finanziellen Situation und des Fachkräftemangels könne man schon froh sein, wenn sich dieser Standard überhaupt halten lasse.
Letztlich erklären sich alle Beteiligten bereit, den Konsens zu suchen. "Wir müssen stärker wieder alle an einen Tisch bringen", sagt Markus Leßmann und bekräftigt die wichtige Stellung der freien Wohlfahrt: "Wir fühlen uns gut unterstützt und sehen die Verbände als wichtigen Partner." Um eine wirklich gute Lösung zu finden, müssten aber auch die Menschen, um die es geht, miteinbezogen werden, sagt Katharina Tielke. Sie wünscht sich daher, dass der gesamte Prozess klientenorientierter gestaltet wird: "Auch wir als politische Gruppierungen möchten ins Gesetz aufgenommen werden."

"Wir müssen stärker wieder alle an einen Tisch bringen", fordert Ministerialdirigent Markus Leßmann.
Text und Fotos: Verena Bretz
Ansprechperson
Kurztext
Der Evangelische Fachverband für Teilhabe und Rehabilitation von Menschen mit Behinderungen hat einen neuen Vorstand:
Sandra Waters (v. Bodelschwinghsche Stiftungen Bethel)
Vorsitz
Alexander Escher (Diakonisches Werk im Ev. Kirchenkreis Gladbeck-Bottrop-Dorsten gGmbH)
stv. Vorsitz
Claus Michel (Diakonisches Werk Rheinland-Westfalen-Lippe e.V. - Diakonie RWL)
Geschäftsführung
Julia Cave (Diakonisches Werk Dortmund und Lünen gGmbH)
Alexander Engel (Diakonisches Werk Rheinland-Westfalen-Lippe e.V. - Diakonie RWL)
Silke Gerling (Diakoniewerk Essen Behindertenhilfe gGmbH)
Joachim Graf-Osterberg (Hephata Leben gGmbH)
Sabine Hirte (Evangelisches Johanneswerk gGmbH)
Tobias Lamers (In der Gemeinde leben gGmbH - Hilfen für Menschen mit Behinderungen)
Wolfgang Monheimius (Malteser-Johanniter- Johanneshaus gGmbH)
Dieter Püllen (Evangelische Stiftung Hephata)
Markus Toepffer (v. Bodelschwinghsche Stiftungen Bethel, eeWerk, Stiftung-Eben-Ezer)






