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Krieg in der Ukraine

Ein Stück Freiheit für Kolja

Mikola, den alle nur Kolja nennen, ist vor den Schrecken des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine nach Deutschland geflohen. Er gehört zu den mehr als 100 jungen Menschen mit Behinderungen, die vor drei Jahren aus einem Kinderheim in der Nähe von Kiew nach Bethel gekommen sind. Im Haus Regenbogen hat der 18-Jährige sein Zuhause gefunden.   

Eingliederungshilfe und Inklusion
Kolja auf seinem neuen Dreirad mit Armantrieb und Motorunterstützung.
© Matthias Cremer / v. Bodelschwinghsche Stiftungen Bethel
Kolja fährt auf seinem neuen Dreirad mit Armantrieb und Motorunterstützung.
© Matthias Cremer / v. Bodelschwinghsche Stiftungen Bethel

Strahlender Sonnenschein und frühlingshafte Temperaturen – es ist das perfekte Radwetter. Das findet auch Mikola F., der von allen "Kolja" genannt wird. Fröhlich dreht er seine Runden vor dem Betheler Haus Regenbogen. In dem Wohnheim für junge Menschen mit geistigen und körperlichen Einschränkungen in der Bielefelder Ortschaft Bethel lebt der 18-Jährige seit November 2022. "Hallo!", ruft er fröhlich und winkt. "Jeder mag Kolja. Er ist zu allen freundlich und immer gut gelaunt", sagt Bereichsleiterin Lisa Obergefell. Das ist keineswegs selbstverständlich, denn der junge Mann hat die Schrecken des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine hautnah miterlebt.

Mikola F. gehört zu den mehr als hundert jungen Menschen mit Behinderungen, die vor drei Jahren aus einem Kinderheim in der Nähe von Kiew nach Bethel geflüchtet sind. Bevor die Waisen evakuiert werden konnten, mussten sie aufgrund von Bombenangriffen Schutz in einem Keller suchen. Fünf Tage verharrten sie dort gemeinsam mit ihren Betreuerinnen. Nicht alle Kinder überlebten.  

Mehrtägige Flucht

Nach einer dramatischen, mehrtägigen Flucht kamen die Ukrainerinnen und Ukrainer Ende März 2022 verängstigt und erschöpft in Bielefeld an. Darunter auch eine Gruppe mit schwerstbehinderten Kindern, die von Einheiten des Deutschen Roten Kreuzes aus Polen mit Spezialtransportern abgeholt worden war. In den Häusern Mamre und Ebenezer inmitten der Ortschaft fanden die Kinder ein vorübergehendes sicheres Zuhause. Bethel-Mitarbeiter*innen aus verschiedenen Hilfefeldern, darunter auch Pflegekräfte und Kinderintensivmediziner*innen, kümmerten sich um die entkräfteten und traumatisierten Geflüchteten.

Über den Krieg redet Kolja nicht gerne. Das erste Silvester in Deutschland und Übungsflüge von Düsenjets machten ihm anfangs noch große Angst. Aber der lebensfrohe junge Erwachsene schaut nach vorne und freut sich über jeden Fortschritt. Kolja ist ab der Hüfte abwärts gelähmt. Einen Rollstuhl hatte er in der Ukraine nicht. Er bewegte sich nur auf den Händen fort. "In Bethel bekam er seinen ersten eigenen Rollstuhl und war endlich mobil", so Lisa Obergefell. Diese neue Freiheit genoss er sehr. Schon bald erkundete er selbstständig die Nachbarschaft. Damals lebte er noch im Haus Mamre, war jedoch schon oft zu Besuch nebenan auf dem Gelände vom Haus Regenbogen. Die automatischen Schiebetüren am Eingang hätten den neugierigen Jugendlichen auf seinen Entdeckungstouren besonders fasziniert, erinnert sich die Bereichsleiterin.

Umzug ins Haus Regenbogen

Als die ukrainischen Geflüchteten nach einigen Monaten auf verschiedene Betheler Einrichtungen verteilt wurden und sich für Kolja die Gelegenheit bot, dauerhaft ins Haus Regenbogen umzuziehen, war die Freude bei allen groß. Die sprachlichen Unterschiede waren nie ein Problem. "Kolja hat uns auf Ukrainisch ,zugetextet'. Wir haben ihn nicht verstanden, aber das hat ihn nicht davon abgehalten", erzählt Lisa Obergefell lachend. Im Alltag im Haus Regenbogen spiele die Sprache keine so große Rolle, viel wichtiger sei ein guter Umgang miteinander. Mittlerweile versteht und spricht der 18-Jährige, der die Betheler Mamre-Patmos-Förderschule besucht, sogar so gut Deutsch, dass er Menschen, die ihn in seiner Muttersprache ansprechen, wie selbstverständlich auf Deutsch antwortet. 

Kolja und sein Begleiter Jan Hermann mit dem neuen Dreirad mit Armantrieb und Motorunterstützung.

Erzieher Jan Hermann begleitet Kolja bei dessen Touren auf dem Dreirad. 

Auf Entdeckungstour

"Kolja stellt etliche Fragen und will ganz viel wissen, darüber hat er schnell unsere Sprache gelernt", sagt Jan Hermann. Der Erzieher ist oft mit ihm im Doppel-Kettcar in der Ortschaft unterwegs. Diese Touren gefallen dem aufgeweckten Ukrainer besonders. Überall wo es möglich ist, versucht der Regenbogen-Mitarbeiter Kolja tatsächlich Einblicke zu gewähren. "Wir waren schon in der Post oder in der Wäscherei, weil Kolja neugierig war, was dort gemacht wird."

Seit zwei Wochen hat Kolja ein aus Spenden finanziertes Dreirad mit Armantrieb und Motorunterstützung. Er freut sich riesig über seinen neuen fahrbaren Untersatz, denn dadurch gewinnt er wieder ein Stück Freiheit. Beim Kettcar musste bisher ein Betreuer anschieben oder mit ihm gemeinsam fahren. Ab jetzt steht kleinen eigenständigen Ausflügen ins Grüne fast nichts mehr im Weg. Bis es allerdings wirklich soweit ist, muss Kolja noch ein bisschen verkehrssicherer werden. "Wir üben gerade fleißig das Anhalten an Ein- und Ausfahrten und das Rangieren", berichtet Jan Hermann. Wie aufs Stichwort dreht Kolja an seiner Handkurbel und ruft aufgeregt: "Los geht’s!"

Text: Christina Heitkämper/v. Bodelschwinghsche Stiftungen Bethel, Fotos: Matthias Cremer/v. Bodelschwinghsche Stiftungen Bethel

Ansprechperson

Verena Bretz
Referentin
Politik und Kommunikation
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