Aktuelles
Jahrestagung 2026 für Haupt- und Ehrenamtliche in der Straffälligenhilfe

Weil Ehrenamt eine Lobby braucht

Die Landeskoordinierungsstelle für das Ehrenamt in der Straffälligenhilfe hatte zur Jahrestagung nach Wuppertal eingeladen. Wie Haupt- und Ehrenamtliche dort gemeinsam nach Möglichkeiten suchten, für das Engagement im Justizvollzug zu werben. 

Ehrenamt
Menschen bei der Jahrestagung Ehrenamt Straffälligenhilfe
Menschen bei der Jahrestagung Ehrenamt Straffälligenhilfe
Jahrestagung Ehrenamt in der Straffälligenhilfe

Wenn Andreas Schaulies auf der anderen Seite der dicken Gefängnismauern ankommt, dann erkennt er in den Gesichtern der Inhaftierten oft eine stille Freude. „Die Menschen sind einfach froh, dass jemand zum Zuhören und Beistehen zu ihnen kommt“, sagt er, „ich bin einfach da“. Seit acht Jahren besucht Andreas Schaulies als Ehrenamtlicher Inhaftierte in der Justizvollzugsanstalt Düsseldorf. Er wolle etwas von dem zurückgeben, was er selbst in seinem Leben erfahren habe: Unterstützung, ein offenes Ohr in den schwierigen Momente des Alltags, Verlässlichkeit. Ganz gezielt habe er sich für Menschen im Gefängnis entschieden. 

Allerdings ist das Ehrenamt im Justizvollzug zumindest in der Statistik nach wie vor eher eine Randerscheinung. Und genau deswegen widmete die Landeskoordinierungsstelle für das Ehrenamt in der Straffälligenhilfe beim Diakonischen Werk Rheinland-Westfalen-Lippe ihre diesjährige Jahrestagung dem Thema: „Ehrenamt im Justizvollzug – Wie können wir gemeinsam dafür werben?“. Ehrenamtliche und Hauptamtliche nahmen die Einladung gerne an und kamen bei der Tagung in Wuppertal miteinander ins Gespräch – unter ihnen auch Andreas Schaulies.

Heike Moerland bei Jahrestagung Ehrenamt in der Straffälligenhilfe

Heike Moerland, Geschäftsfeldleitung Berufliche und soziale Integration der Diakonie RWL 

Einsatz, der wirkt

„Das Ehrenamt im Justizvollzug braucht eine gute Lobby“, stellte Heike Moerland, Geschäftsfeldleitung bei der Diakonie RWL fest. Auch sie bestätigte: Dieses Ehrenamt sei in der Bevölkerung wenig bekannt. „Diese Tagung dient auch dazu, Ideen für gelingende Lobbyarbeit zu entwickeln“, erklärte sie. Dafür hatten sich die Gastgeber Fachleute ins Haus geholt. Prof. Dr. Anne van Rießen von der Hochschule Düsseldorf gab Einblicke in die Relevanz des freiwilligen Engagements in der JVA. Und sie machte klar: „Ehrenamt ist hier besonders bedeutsam, weil es nicht Teil der institutionellen Machtbeziehung ist. Dadurch können Beziehungen entstehen, die nicht primär durch Kontrolle strukturiert sind.“

Von dieser Kraft des ehrenamtlichen Engagements innerhalb der Gefängnismauern wissen auch die Hauptamtlichen: „Ehrenamtliche kommen in einer anderen Rolle und mit einer anderen Perspektive zu den Inhaftieren“, fasste Veronika Schauß, Sozialarbeiterin und zuständige Sachbearbeiterin im Ministerium der Justiz des Landes NRW zusammen. Sie habe im Alltag erlebt, wie Inhaftierte von diesen Besuchen profitieren. Dabei gehe es weniger um eine Freizeitbeschäftigung. „Es geht um Anerkennung, Entstigmatisierung und darum, als Mensch wahrgenommen zu werden“, betonte Prof. Dr. Anne van Rießen. Auch die Freiwilligen selbst, die sich auf den Weg in die Justizvollzugs- und Jugendarrestanstalten machen, erleben diese Rückmeldungen in der Begegnung mit Inhaftierten. Die Relevanz des Ehrenamts stand damit außer Frage: Der Einsatz kommt an und wirkt.
 

Leon Held

Leon Held, Referent Geschäftsfeld Berufliche und Soziale Integration der Diakonie RWL

Wertvolle Netzwerkarbeit

Blieb die Frage: Welche Hürden sorgen dafür, dass der Bereich Justiz und Kriminalitätsprobleme nur 0,6 Prozent des gesamten ehrenamtlichen Engagement in Deutschland ausmacht? „Die Sicherheitsüberprüfungen sind sehr aufwändig und brauchen viel Zeit“, berichteten die Tagungsteilnehmer*innen von einer der entscheidenden Hürden. Wer sich in der JVA ehrenamtlich engagieren wolle, brauche Geduld und auch ein Verständnis für Besuchsregeln, eingeschränkte Angebotszeiten und für Vollzugsjargon.

„Umso wichtiger sind Formate, die den direkten Austausch zwischen Haupt- und Ehrenamt untereinander fördern“, befand Leon Held, Referent im Geschäftsfeld Berufliche und soziale Integration bei der Diakonie RWL. Veranstaltungen wie die Jahrestagung und regelmäßiger Austausch würden es ermöglichen, sich „gegenseitig in den jeweils unterschiedlichen Funktionen innerhalb des Strafvollzugs wahrzunehmen und zu verstehen“.

Dieser Austausch war während der Jahrestagung in Wuppertal auch außerhalb der Vorträge und Workshops zu beobachten - beim gemeinsamen Essen oder am Abend. „Der informelle Austausch ist wichtiger Bestandteil der Vernetzungsarbeit“, befand Heike Moerland. Gleichzeitig sorgte der Besuch einer Vertreterin aus dem Ministerium der Justiz des Landes Nordrhein-Westfalen für wertvolle Netzwerkarbeit im Plenum: Katja Grafweg, leitende Ministerialrätin im Referat für Vollzugsangelegenheiten, sprach ein Grußwort und brachte aktuelle Informationen aus dem Ministerium mit.
 

Stephanie Krause Geschäftsführerin und Vorsitzende der LAG Freiwilligenagenturen NRW

Stephanie Krause, Geschäftsführerin und Vorsitzende der Landesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagenturen NRW

Ehrenamtliche sind „beste Werbung“

Andreas Schaulies jedenfalls hörte genau hin. „Ich empfinde diesen Austausch untereinander als sehr wertvoll“, bilanzierte er nach zwei gemeinsamen Tagen. Ihm würden die Berichte der anderen Ehrenamtlichen auch für den eigenen Einsatz helfen. „Und auch die Begegnung mit den Hauptamtlichen auf Augenhöhe bringt mich weiter“, erklärte Schaulies.

Der Düsseldorfer nahm auch den Appell von Referentin Stephanie Krause von der Landesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagenturen NRW mit nach Hause. Die ermutigte die Ehrenamtlichen: „Erzählen Sie da draußen von Ihrem Einsatz. Sie sind die beste Werbung.“ 

Text: Theresa Demski, Fotos: Theresa Demski, viarami / Pixabay, Andreas Endermann

Ansprechperson

Verena Bretz
Referentin
Politik und Kommunikation
V.Bretzatdiakonie-rwl.de

Kurztext

Ehrenamtliche in der Straffälligenhilfe bilden für Inhaftierte eine Brücke in die Gesellschaft: Sie bringen das Leben von „draußen“ nach „drinnen“. Die ehrenamtliche Arbeit kann dabei helfen, die Resozialisierung von Gefangenen zu erleichtern. Die dafür notwendigen Rahmenbedingungen schaff die landesweite Koordinierungsstelle für die ehrenamtliche Arbeit im Justizvollzug in enger Zusammenarbeit mit dem Sozialdienst der Justiz NRW und den Trägern der Freien Straffälligenhilfe.