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Energiehilfen der Kirchen

Keine Angst vor gelben Briefen

Wenn in einem Haushalt sämtliches Geld fest verplant ist, kann jede unvorhergesehene Zahlungsaufforderung eine finanzielle Notlage auslösen. Auch bei Patimat Akaeva hatten sich Ende vergangenen Jahres nach ihrem Jobverlust und als Folge der gestiegenen Energiekosten Schulden angesammelt. Wie die Hagener Beratungsstelle Arbeit der Diakonie Mark-Ruhr die alleinerziehende Mutter von fünf Kindern in dieser Situation gezielt unterstützen konnte.  

Armut und soziale Notlagen
Olga Balci berät eine Kundin

Keine Arbeitsstelle, kein Erspartes, keine Idee, wie es weitergehen könnte. Nachts lag Patimat Akaeva (Name geändert) oft wach, weil sie nicht wusste, was ihre Kinder am nächsten Tag essen sollten. Also zahlte sie keine Miete mehr, um Energienachforderungen zu bedienen. So ging das drei Monate lang. Bis die 48-Jährige im Oktober 2025 zu Olga Balci in die Beratungsstelle Arbeit Hagen der Diakonie Mark-Ruhr kam.

„Das Geld fehlte bei Frau Akaeva an allen Stellen. Das Gehalt fiel weg, außerdem sollte sie das Kindergeld für ihre drei bereits volljährigen Töchter zurückzahlen“, erinnert sich die staatlich anerkannte Sozialarbeiterin/Sozialpädagogin. „Wir mussten deshalb sehr schnell handeln und haben erst einmal die entsprechenden Leistungen beim Jobcenter beantragt und die Bescheinigungen für das Fortlaufen der Kindergeldzahlungen nachgereicht.“

In weiteren Beratungsgesprächen öffnete sich die alleinerziehende Mutter dann immer mehr und berichtete auch von ihren Mietschulden. „Das war sehr schwer für mich, weil ich mich so geschämt habe“, sagt Patimat Akaeva. Für Olga Balci und ihre Kollegin hingegen, die Diplom-Sozialarbeiterin Martina Pacyna, war das Verhalten der Kundin nicht ungewöhnlich. „Wenn das Geld nicht reicht, stellen viele Menschen als erstes solche Dinge wie Miete und Strom hintenan, weil das keine unmittelbaren Folgen hat. Niemandem wird ja sofort gekündigt oder direkt der Strom abgestellt“, berichtet Frau Balci.
 

Olga Balci und Martina Pacyna von der Diakonie Mark-Ruhr in Hagen

Olga Balci (li.) und Martina Pacyna

Besondere Härtefälle

Für die beiden Beraterinnen war schnell klar: Familie Akaeva könnte von den sogenannten Energiehilfen der Kirche profitieren. Dieser spezielle Fördertopf war durch die zusätzlichen Kirchensteuereinnahmen auf die Energiepreispauschale entstanden, die im Jahr 2022 einmalig ausgezahlt wurde. In Zusammenarbeit mit diakonischen Einrichtungen sollte das Geld in Form von Einzelfallhilfen gezielt strukturell benachteiligten Menschen zugutekommen, die die gestiegenen Energie- und Lebenshaltungskosten nicht zahlen konnten und aufgrund hoher Nachforderungen in eine Notlage geraten waren. 

Auch die Beratungsstellen in Hagen erhielt durch die Diakonie RWL die Möglichkeit, zusätzlich fachliche Beratung zu leisten und in begründeten Fällen finanzielle Hilfe zu leisten. „Wir haben allein in 2025 mehr als 100 Menschen zusätzlich beraten und rund 30 Auszahlungen veranlasst. Vielen Menschen konnte wir auch durch die Unterstützung beim Beantragen von grundsichernden Leistungen helfen“, sagt Martina Pacyna. Unterstützt wurden verschiedene Menschen: alte wie junge, mit Job und ohne, Familien und Alleinstehende. Pacyna. „Die Einzelfallhilfen waren dabei unterschiedlich hoch und reichten von 50 Euro bis rauf zu mehr als 1.500 Euro für besondere Härtefälle.“

Auch Patima Akaevas Notlage wurde als besonderer Härtefäll eingestuft. „Wir haben ihre Situation im Detail geprüft und sind gemeinsam im Team zu dem Schluss gekommen, dass wir ihre Mietschulden in Höhe von rund 1.800 Euro übernehmen konnten“, sagt Martina Pacyna. Im Dezember 2025, also kurz vor Auslaufen der Energiehilfen, sei das Geld dann an den Vermieter überwiesen worden. „Ich war so dankbar, als dieses große Loch gestopft und der ganze Stress erstmal vorbei war“, sagt Akaeva.

Die Energiehilfen seien für viele Betroffene ein großes Glück gewesen. Martina Pacyna: „Die Menschen haben ja gar nicht damit gerechnet. Alle waren so erleichtert und dankbar für die Unterstützung, egal ob sie 50 Euro bekommen haben oder mehr. Wir haben den Menschen auch immer erzählt, dass das Geld von der Kirche kommt, das war uns sehr wichtig.“

Beratung, die wirkt

Die Geschichte von Patimat Akaeva zeigt, dass diakonische Beratungsarbeit auf vielen Ebenen wirkt und nachhaltig ist: Nach ihrer Flucht aus Tschetschenien vor neun Jahren ermöglichte ihr die Flüchtlingsberatung in Hagen eine erste Startchance. Damals lernte sie auch Olga Balci kennen. Als die 48-Jährige nun, viele Jahre später, erneut in einer Ausnahmesituation war, erinnerte sie sich an die Diakonie als Anlaufstelle für ihre Probleme. „Ich schwöre: Ohne die liebe Olga Balci würde ich das alles gar nicht schaffen“, sagt Akaeva. „Die Formulare, die Anträge, das ist alles nicht einfach für mich. Ich schäme mich dafür, aber ich komme fast jede Woche hierher.“

Nach ihrem Arbeitsplatzverlust haben die beiden Frauen beispielsweise gemeinsam einen Lebenslauf geschrieben und Stellenangebote gesichtet. Außerdem konnte die Diakonie-Mitarbeiterin die drei erwachsenen Töchter von Patimat Akaeva motivieren, sich um eine Ausbildung zu kümmern und unterstützte sie bei der Ausbildungssuche.

Maximilian Köster

Maximilian Köster, Referent Geschäftsfeld Berufliche und soziale Integration der Diakonie RWL

Eine Erfolgsgeschichte

Maximilian Köster ist Referent im Geschäftsfeld Berufliche und soziale Integration der Diakonie RWL und hebt mit Blick auf die Beratungsarbeit hervor: „Vertrauen lässt sich nicht verordnen – es entsteht durch kontinuierliche, verlässliche Beratung. Nur wenn staatlich finanzierte Leistungen durch flexible, unbürokratische Unterstützungsangebote ergänzt werden, entsteht der Spielraum, um komplexe Problemlagen tatsächlich nachhaltig zu lösen. Dies zeigt der Fall von Patimat Akaeva eindrucksvoll.”

Olga Balci bestätigt: „Ich kenne Frau Akaeva jetzt wirklich schon sehr lange, und ihre Geschichte ist für mich eine echte Erfolgsgeschichte. Mittlerweile schafft sie viele Dinge, die sie sich anfangs nicht zugetraut hat. Meistens muss ich ihr nur noch ein paar Tipps geben.“

Eine neue Anstellung hat ihre Kundin inzwischen auch gefunden: Seit Februar arbeitet sie als Reinigungskraft beim Dienstleister dia-service, das ist ein Tochterunternehmen der Diakonie Mark-Ruhr. „Die Arbeit dort gefällt mir sehr gut, alle Kollegen sind sehr nett“, sagt Patimat Akaeva. Aktuell arbeitet sie in Teilzeit, ihr Gehalt wird mit Bürgergeld ergänzt.  „Mein größter Wunsch ist, dass ich bald Vollzeit arbeiten kann und vom Jobcenter wegkomme“, sagt die 48-Jährige. „Dann muss ich endlich keine Angst mehr vor gelben Briefen haben – und vielleicht kann ich sogar mal in Urlaub fahren.“

Text: Verena Bretz, Fotos: Andreas Endermann / Diakonie RWL, Verena Bretz

Ansprechperson

Verena Bretz
Referentin
Politik und Kommunikation
V.Bretzatdiakonie-rwl.de

Kurztext

Die Beratungsstelle Arbeit der Diakonie Mark-Ruhr unterstützt Menschen, die von Arbeitsausbeutung betroffen oder bedroht sind und solche, die von Arbeitslosigkeit betroffen oder bedroht sind. Arbeitnehmer*innen, Arbeitslose und von Arbeitslosigkeit bedrohte Menschen finden hier ein unabhängiges, neutrales, sach- und fachkundiges Angebot, das kostenlos und freiwillig genutzt werden kann. Das Angebot reicht von einer Beratung bei arbeits- und sozialrechtlichen Fragen über Qualifizierung und Beschäftigung bis hin zur Unterstützung bei wirtschaftlichen und psychosozialen Fragen.

Dank der Zusammenarbeit mit der Diakonie RWL konnte die Beratungsstelle in 2025 über „Energiehilfe“ und „Beratung stärken“ das Angebot mit zusätzlichem Personaleinsatz um die Energiehilfe ergänzen. Das Projekt endete am 31. Dezember 2025.