Erst der Mensch, dann die Tat
Andreas Schaulies, ehrenamtlich in der JVA Düsseldorf
"Ich arbeite seit 2008 ehrenamtlich in der Justizvollzugsanstalt Düsseldorf. Ich führe dort Einzelgespräche und arbeite auch mit Gruppen. Mich bereichert dieses Ehrenamt sehr. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass jede und jeder mal in eine Schieflage geraten kann. Für die Inhaftierten ist es wichtig, dass sie auch durch uns Struktur gewinnen. Und: Sie nehmen uns Ehrenamtliche nicht als Offizielle wahr, weil wir keine Uniform tragen. So können wir ganz anders mit ihnen sprechen. Die Inhaftierten zeigen oft, dass sie uns sehr dankbar sind.
Am Anfang hatte ich eine ganz klare Vorstellung davon, mit wem ich reden möchte und mit wem nicht – keine Vergewaltiger zum Beispiel, da hatte ich Sorge, im Gespräch sauer zu werden. Heute sehe ich das anders. Wenn ich in die JVA gehe, versuche ich, mein Gegenüber mit seiner Sichtweise und bei seinem Blickwinkel abzuholen, ich widerspreche aber auch und sage meine Meinung. Was der Inhaftierte verbrochen hat, muss ich nicht wissen. Die meisten erzählen es aber von sich aus. Ich versuche trotzdem immer zuerst den Menschen zu sehen und die Tat erst als Zweites. Viele zeigen auch, dass ihnen leidtut und dass sie bereuen, was sie getan haben.
Die Arbeit in der JVA liegt mir sehr am Herzen. Ich hatte vor einigen Jahren einen schweren Unfall. Die Gespräche lenken mich ab von dem, was mich alltäglich beschäftigt, und ich möchte mit meinem Ehrenamt auch etwas zurückgeben, weil ich bei meiner Erholung auch viel Hilfe bekommen habe. Für mich ist es einfach eine Aufgabe, die Sinn hat."

"Was der Inhaftierte verbrochen hat, muss ich nicht wissen. Die meisten erzählen es aber von sich aus", sagt Andreas Schaulies, der ehrenamtlich in der JVA Düsseldorf arbeitet.
Inge Ilgner, ehrenamtlich in der JVA Siegburg
"Ich sage gerne: Ich bin schon 14 Jahre im Knast. So lange führe ich dieses Ehrenamt nämlich schon aus. Darauf gekommen bin ich durch die Frau des Gemeindepfarrers, die als Seelsorgerin tätig ist. Ich komme ursprünglich aus der Hospizarbeit, und manchmal ist das Ehrenamt in der JVA ganz ähnlich. Auch da geht es viel darum, sich zu den Menschen zu setzen und ihnen einfach nur zuzuhören. Diese Gespräche sind wichtig. Ich habe oft das Gefühl, dass die Inhaftierten irgendwann die Sprache verlieren – irgendwann kennen sie nur noch den Gefängnis-Jargon und führen kaum noch normale Gespräche.
Ich bin einmal im Monat in der JVA zum Gesprächskreis und besuche auch Inhaftierte aus der Sozialtherapie. Das sind Menschen, die Langstrafen absitzen oder in Sicherungsverwahrung sind – und die entsprechenden Taten begangen haben. Was sie getan haben, möchte ich im Vorfeld nicht wissen, irgendwann erzählen sie es aber alle.
Kein Mensch wird als Mörder geboren. Das hat - glaube ich - Martin Luther King einmal gesagt. So habe ich es in den Gesprächen auch erlebt. Selbst Menschen, die ein gutes Leben geführt haben, können durch einen Schicksalsschlag ganz schnell im Fahrstuhl nach unten fahren.
Was ich bei der Arbeit in der JVA erlebe und erfahre, kann ich gut mit mir selbst verarbeiten. Oft empfinde ich die Arbeit auch als sehr erdend. Ich hoffe, dass ich das noch sehr lange machen kann. Ich empfinde mein Ehrenamt in der Straffälligenhilfe als eine sehr tolle Aufgabe."
Wolfgang Hager, ehrenamtlich in der JVA Bochum/Essen
"Ehrenamtlich tätig bin ich schon lange, dieses Amt hier mache ich aber erst seit ein paar Monaten. Während der Corona-Pandemie hatte ich im Home Office mehr Freizeit und habe daher nebenbei Theologie studiert. Danach war ich auf der Suche nach einer Aufgabe, die mich nicht nur kurzfristig interessiert. Ich bin dann ins Gespräch mit anderen Gläubigen gekommen, die selbst Knasterfahrung hatten und hatte das Gefühl: Das ist es, wo Gott mich haben will.
Ich habe einen guten Zugang zu Menschen und wachse noch immer in meine Aufgabe hinein. Mir ist es wichtig, den Inhaftierten auf Augenhöhe zu begegnen. Ich als Ehrenamtlicher muss dort nichts beurteilen oder deren Entwicklung verfolgen und festhalten. Ich komme fast auf einer freundschaftlichen Ebene zu ihnen und habe einfach ein offenes Ohr. Das spüren die Menschen.
Dieses Ehrenamt ist für mich nicht nur ein Geben, sondern auch ein Nehmen. Ich erzähle dort ebenso von dem, was mich beschäftigt und lasse auch mal Dampf ab. Nach den Gründen, warum mein Gegenüber in Haft ist, frage ich nicht. Viele möchten davon jedoch von selbst erzählen. Dann höre ich zu - ohne Wertung. Gerechtigkeit ist nicht mein Thema, wenn ich dort bin.
Ich würde mir für dieses Ehrenamt noch mehr Transparenz und Orientierung wünschen. Ich bin sicher, dass es noch mehr Menschen gibt, die sich in diesem Bereich einsetzen würden. Ich habe jedoch die Erfahrung gemacht, dass es gar nicht so einfach ist herauszufinden, wo man ehrenamtlich tätig werden kann. Dabei ist der Bedarf hoch. Und wir spüren immer wieder, wie positiv unser Besuch für den Alltag der Inhaftierten ist."

"Mir ist es wichtig, den Inhaftierten auf Augenhöhe zu begegnen", sagt Wolfgang Hager, der ehrenamtlich in der JVA Bochum/Essen arbeitet.
Tobias Welp, Referent der Diakonie RWL und Referent in der landesweiten Koordinierungsstelle für ehrenamtliche Arbeit im Justizvollzug
"Ehrenamtliche leisten einen wichtigen Beitrag zur Resozialisierung, indem sie Inhaftierten mit Offenheit und Menschlichkeit begegnen. Sie schaffen Begegnungen, die im Alltag des Justizvollzugs oft fehlen – und bauen damit Brücken zurück in die Gesellschaft.
Unsere Aufgabe als Koordinierungsstelle ist es, interessierte Bürger*innen zu informieren, zu beraten und ihnen den Zugang zum Ehrenamt zu erleichtern. Wir vermitteln Kontakte zu Trägern der Freien Straffälligenhilfe und Justizvollzugsanstalten, bieten Fortbildungen, Fachtagungen und Supervision an – und machen das Ehrenamt im Justizvollzug sichtbarer und besser zugänglich. Die dafür notwendigen Rahmenbedingungen schaffen wir in enger Zusammenarbeit mit dem Sozialdienst der Justiz NRW und den Trägern der Freien Straffälligenhilfe.
Der Zugang zum Ehrenamt ist an bestimmte Voraussetzungen geknüpft – etwa ein Mindestalter von 21 Jahren sowie die Bereitschaft zu einer Sicherheitsüberprüfung. So stellen wir gemeinsam mit den Einrichtungen sicher, dass das Engagement verantwortungsvoll und wirkungsvoll bleibt.
Denn: Wie soll Resozialisierung gelingen, wenn es keinen Kontakt zur Gesellschaft gibt?"

"Gemeinsam mit den Einrichtungen wollen wir sicherstellen, dass das Engagement verantwortungsvoll und wirkungsvoll bleibt", sagt Tobias Welp, Referent der Diakonie RWL und auch in der landesweiten Koordinierungsstelle für ehrenamtliche Arbeit im Justizvollzug tätig.
Text: Carolin Scholz, Fotos: Carolin Scholz, Jana Hofmann/Diakonie RWL, Shutterstock





