23. September 2019

125 Jahre Bahnhofsmission

Lebenshelfer in blauen Westen

Ob verzweifelt, hungrig oder einsam: Seit 125 Jahren ist die Bahnhofsmission eine Insel im Gewusel des Bahnhoftreibens und erste Anlaufstelle für Menschen in Not. Fast 1,7 Millionen Personen suchen jährlich den Kontakt zu den Bahnhofsmissionen im Rheinland, in Westfalen und in Lippe. Das Besondere an der Bahnhofsmission: "Wir helfen allen Menschen", sagt Karen Sommer-Loeffen, Referentin für Bahnhofsmissionen in der Diakonie RWL.

  • Die Bahnhofsmission ist wie eine Familie, sagt Diakonie RWL-Referentin Karen Sommer-Loeffen.

125 Jahre Bahnhofsmission — nur wenige Hilfsorganisationen können auf eine so lange Tradition zurückblicken. Was ist das Besondere an der Bahnhofsmission?
Wir sind flexibel, manchmal etwas unkonventionell und dazu sehr spontan. Und wir helfen allen Menschen schnell und unkompliziert. Egal, ob heißer Kaffee zum Aufwärmen, gestohlenes Portemonnaie oder eine tiefe Lebenskrise – wir sind da. Wir sind eine Anlaufstelle für Menschen, die von anderen Angeboten häufig nicht, noch nicht oder nicht mehr erreicht werden. Durch eine enge Vernetzung mit den sozialen Einrichtungen der Städte können wir gut in das passende Hilfesystem vermitteln. 

Bis heute sind die Bahnhofsmissionen ganz stark durch die Ehrenamtlichen und ihre hohe Einsatzbereitschaft geprägt. Im Schnitt engagieren sich die Ehrenamtlichen acht Stunden in der Woche – das ist eine Menge im Vergleich zu anderen Ehrenämtern. Die Bindungskraft ist zudem hoch, viele bleiben Jahre und die Bahnhofsmission wird für sie nach und nach zu einer zweiten Familie. Deutschlandweit engagieren sich 2.000 Ehrenamtliche, die den Menschen im Alltag wie auch bei Katastrophen, wie zum Beispiel nach der Love-Parade Katastrophe in Duisburg oder nach Unwettern, zur Seite stehen.

Wer kommt in die Bahnhofsmissionen?
Vom Business-Manager bis zum Wohnungslosen nutzen ganz unterschiedliche Personen unsere Angebote. Wir sind ein Stück weit ein "Seismograf" für die Veränderungen in unserer immer komplexer werdenden Welt. Wir sehen jeden Tag, was unsere Gesellschaft bewegt, wenn wir mit den Menschen an den Bahnhöfen reden. 

Die wachsende Armut bemerken wir täglich. Wir beobachten, dass die Menschen, die regelmäßig zu uns kommen, meist weniger als 500 Euro im Monat zum Leben haben. Diese Gäste sind häufig Menschen, die an einem Punkt in ihrem Leben sind, an dem sie nicht weiterwissen. Die Bahnhofsmissionen sind für sie oft der einzige Halt, ein Anlaufpunkt, der ihrem Leben Struktur verleiht.

Auch die Anzahl der Gäste, die unter schweren psychischen Erkrankungen leidet, nimmt zu. Das stellt uns als Bahnhofsmission vor neue Herausforderungen. In Großstädten arbeiten wir zum Beispiel mit der Deutschen Depressionshilfe zusammen, um durch von ihr angebotene Fortbildungen Erkrankungen besser einschätzen zu lernen.

Die Ehrenamtlichen bieten auch Reisehilfen für Menschen mit Behinderungen.

Die Ehrenamtlichen bieten auch Reisehilfen für Menschen mit Behinderungen.

Die Bahnhofsmissionen sind in den Räumen der Deutschen Bahn untergebracht. Wie klappt die Zusammenarbeit?
Es ist ein wirklich gutes Miteinander. In den neuen Rahmenbedingungen, die während des Festakts in Berlin am 27. September unterzeichnet werden, bezeichnet die Deutsche Bahn die Bahnhofsmission als "nicht mehr wegzudenkende Institution". Das ist eine große Wertschätzung unserer Arbeit und macht uns sehr stolz. Unsere Räume in den Bahnhöfen bekommen wir kostenlos von der Bahn zur Verfügung gestellt. Das zeigt: Die Bahn hat erkannt, wie wichtig wir sind. Auch, um die Kundengruppe der Bahnfahrer zu begleiten. 

Die Ticketsysteme sind in manchen Städten sehr komplex, viele Kunden brauchen Hilfe beim Um- und Einsteigen. Das sind Aufgaben, die wir gerne erfüllen, die aber natürlich auch der Bahn helfen. Neben diesen alltäglichen Hilfen sind wir auch ein wichtiger Partner bei Katastrophen, wie zum Beispiel Unwettern. Wenn ein Sturm droht, müssen die Züge im Bahnhof bleiben. Aber was machen Sie dann mit mehreren Tausend Menschen, die feststecken? Wir können ganz schnell unsere Ehrenamtlichen aktivieren und da sein für die gestrandeten Menschen.

Automat zu kompliziert? Die Bahnhofsmission hilft.

Automat zu kompliziert? Die Bahnhofsmission hilft.

Vor welchen Herausforderungen steht die Bahnhofsmission?
Wir haben keine gesicherte Regelfinanzierung. Eine Bahnhofsmission benötigt pro Jahr im Schnitt 60.000 Euro. Das sind vor allem Personalkosten. Jede Bahnhofsmission hat zwar Ehrenamtliche oder Menschen, die sich, im Rahmen einer Arbeitsgelegenheit gefördert vom Jobcenter, engagieren. Aber Ehrenamt braucht Hauptamt. Nach Möglichkeit sollte in jeder Bahnhofsmission auch eine Sozialarbeiterin oder ein Sozialarbeiter angestellt sein. Bei der Vielzahl an sozialen Fragen, mit denen wir uns auseinandersetzen, ist das enorm wichtig.

Bei unseren Treffen mit den Trägern der Bahnhofsmissionen ist deshalb die ständige Frage: Wo bekommen wir Geld her? Ohne die Eigenmittel der Träger müssten viele der Bahnhofsmissionen schließen. Und die Träger geraten über die Jahre immer mehr in Schieflage.

Dass wir für alle Menschen da sind, ist da manchmal von Nachteil, denn viele Töpfe sind für ganz bestimmte Zielgruppen vorgesehen. Da fallen wir heraus. Trotzdem stellen wir immer wieder gezielt Anträge für einzelne Projekte. Die Gelder decken dann aber wiederum nicht die Personalkosten. 

Begeisterung für Züge und ihre Technik. Das lockt vor allem Männer ins Ehrenamt bei der Bahnhofsmission.

Begeisterung für Züge und ihre Technik. Das lockt vor allem Männer ins Ehrenamt bei der Bahnhofsmission.

Haben Sie eine Idee, wie man die Bahnhofsmissionen finanziell stabilisieren könnte?
Wir brauchen eine verlässliche Finanzierung, mit der wir planen können. Eine mögliche Idee wäre es, wenn jeder Kunde pro verkauftem Bahnticket eine bestimmte Summe  — zum Beispiel fünf Cent — an die Bahnhofsmission spendete. Wenn man das durchrechnet, käme bei 156 Millionen verkauften Fahrscheinen jährlich eine Summe von 75.000 Euro pro Bahnhofsmission zusammen. So eine Vereinbarung zur Einrichtung eines Spenden-Feldes beim Fahrkartenkauf gibt es bislang aber nicht. Die finanzielle Unsicherheit und die Belastung der Träger führen dann dazu, dass Bahnhofsmissionen schließen. 

Das Gespräch führte Ann-Kristin Herbst.
Fotos: Sommer-Loeffen, Bahnhofsmission und Herbst.

Ihr/e Ansprechpartner/in
Karen Sommer-Loeffen
Referent/in

Bahnhofsmission, Ehrenamt, Hospizarbeit

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125 Jahre Bahnhofsmission
Die erste Bahnhofsmission eröffnete 1894 am Berliner Ostbahnhof. Junge Frauen, die vom Land in die Städte zogen, sollten vor Ausbeutung und erzwungener Prostitution beschützt werden. An fast allen wichtigen Knotenpunkten des Schienennetzes gründeten sich in den folgenden Jahren Bahnhofsmissionen. Alleinreisende Frauen, Kriegsrückkehrer, Aussiedler und geflüchtete Menschen — sie alle nutzten die Hilfsangebote der ökumenischen Einrichtungen. „Die Bahnhofsmissionen waren schon immer ein ‘Seismograf’ für Entwicklungen in der Gesellschaft“, sagt Karen Sommer-Loeffen. Aktuell gibt es deutschlandweit 104 Bahnhofsmissionen — in Dresden ging die neueste Mission Mitte Juli ans Netz. Im Gebiet der Diakonie RWL gibt es 24 Bahnhofsmissionen. In den Bahnhofsmissionen arbeiten größtenteils Ehrenamtliche, die von mindestens einem hauptamtlich Angestellten betreut werden.