Ein Tag in der Schuldnerberatung
Es ist ein Leben in zwei Welten, mit dem ich als Schuldnerberaterin täglich konfrontiert bin. Auf der einen Seite erlebe ich verzweifelte überschuldete Menschen, denen ich die Angst vor Pfändung und einem Absturz in Armut und Existenznot nehmen möchte. Auf der anderen Seite habe ich mit gut situierten Gläubigern zu tun, mit denen ich zum Teil hart verhandeln muss. Das ist anstrengend, aber ich mag beide Seiten meines Berufs, den ich seit 16 Jahren bei der Diakonie Köln ausübe.
Mein Arbeitstag beginnt um acht Uhr in der Außenstelle unserer Schuldnerberatung in Brühl mit der Durchsicht meiner Mails und meiner Post. Meistens sind es die Gläubiger, also Banken, Telefongesellschaften, Energieunternehmen oder Warenhäuser, die mir schreiben. In dieser Pandemie bekomme ich aber auch viel mehr Mails von meinen Klientinnen und Klienten, die Fragen haben.

Beratung ist überwiegend digital
Meine Beratung findet jetzt überwiegend digital statt – per Telefon, Videokonferenz und eben auch per Mail. In unserer Zweigstelle arbeite ich mit drei Kolleginnen zusammen. In der Hauptstelle in Köln sind insgesamt sieben Schuldnerberaterinnen und -berater beschäftigt.
In Brühl haben wir bisher etwa 300 überschuldete Menschen pro Jahr beraten. In den ersten vier Monaten 2021 waren es schon 218. In der Pandemie ist der Bedarf an Unterstützung enorm gestiegen. Jede Woche machen wir etwa fünf Ersttermine aus. Derzeit könnten wir locker 25 vergeben. Doch dafür fehlen uns die Leute, sprich die Finanzierung. Es gibt viel zu wenig soziale Schuldnerberater für die seit Jahren steigende Zahl an überschuldeten Menschen. Darauf machen wir jedes Jahr mit einer Aktionswoche aufmerksam.

Maike Cohrs, Schuldnerberaterin der Diakonie Köln, mit einer Klientin
Der Mensch hinter den Schulden
Wer einen kostenlosen Beratungstermin haben möchte, muss also hartnäckig sein. Zu mir kommen jetzt immer mehr Frauen und Männer, die in Kurzarbeit sind, ihr Einkommen als Soloselbstständige verloren haben oder denen gekündigt wurde. Viele hatten vorher keine Probleme mit Überschuldung, aber jetzt können sie ihre Rechnungen nicht mehr begleichen.
Ich habe mit allen sozialen Schichten zu tun: vom Firmenchef, der Insolvenz anmelden musste, bis zur Verkäuferin und zum Hartz IV-Bezieher. Als Sozialarbeiterin sehe ich immer den "Mensch hinter den Schulden", um es mit dem Motto der diesjährigen Aktionswoche auszudrücken. Dafür muss ich ihn kennenlernen, und das geht am besten, wenn ich ihm gegenübersitze. Auch in der Pandemie versuchen wir, die Menschen persönlich zu sprechen, denn das Gespräch und die Bezieheung zu ihnen ist der Kern meiner Arbeit. Meist habe ich gegen neun oder zehn Uhr einen Termin in unserem großen Besprechungsraum, der mit Spuckschutz und Luftfiltern ausgestattet ist.

Mahnung eines Klienten der Schuldnerberatung der Diakonie Köln (Foto: Rometsch/Diakonie RWL)
Eine Plastiktüte voller Mahnungen
Die Klientinnen und Klienten bringen in der Regel ihre Einkommensnachweise und Gläubigerunterlagen mit. Manchmal befinden sich ganze Dokumente und Briefe unsortiert in einer Plastiktüte. Anders als vor der Pandemie erlebe ich es jetzt seltener, dass Menschen aus Scham lange warten, bis sie sich an eine Schuldnerberatung wenden. Ich finde es gut, dass es mehr Offenheit für das Thema gibt und klar wird, dass nicht jeder an seiner Überschuldung "selbst schuld" ist".
Im Gespräch mit mir reden viele offen über ihre Sorgen. Dabei treten auch diffuse Ängste zutage. Manche glauben, sie müssten für ihre Schulden ins Gefängnis. Andere denken, dass das Jugendamt ihnen die Kinder wegnehmen oder der Vermieter einfach die Wohnung leerräumen kann. All das ist rechtlich meistens nicht möglich. Das erkläre ich meinen Klienten und nehme ihnen so die stärksten Ängste.

Ängste nehmen, Juristendeutsch übersetzen
Gemeinsam sortieren wir die Unterlagen, und ich übersetze dabei das komplizierte und angstmachende Juristendeutsch. Der Ersttermin dauert etwa eine Stunde. Die weitere Beratung findet per Telefon oder Video statt. Im Schnitt berate ich die Menschen sechs bis sieben Mal, bis wir Ordnung in das Schuldenchaos gebracht haben. Wir überlegen, wo sie Ratenzahlungen einstellen können, ob sie Hilfe für ihre Mietrückstände beim Wohnungsamt oder ein Darlehen beim Jobcenter für ausstehende Stromrechnungen erhalten. Es kann auch ein Pfändungsschutzkonto eingerichtet werden, auf dem ein gewisser Grundfreibetrag pfändungsfrei ist.
Meinen weiteren Arbeitstag verbringe ich also weitgehend am Schreibtisch, um zu telefonieren, zu mailen, Briefe an die Gläubiger zu formulieren und die Daten meiner Klienten in unsere Datenbank einzupflegen. Zwischendurch tausche ich mich mit meinen Kolleginnen zu fachlichen Fragen aus.

Die Gläubiger überzeugen
In rund der Hälfte aller Fälle rate ich zu einer Verbraucherinsolvenz. Seit sie nur noch drei Jahre dauert, lassen sich mehr Menschen darauf ein. Doch das Verfahren, für das ein Antrag beim Insolvenzgericht gestellt werden muss, ist kompliziert. Deshalb sind weitere Beratungsgespräche nötig.
Wenn ich gegen 16 Uhr aus meinem Büro in Brühl komme, bin ich erschöpft von all dem Zuhören, Erklären, Verhandeln. Die tragischen Geschichten, die ich jeden Tag zu hören bekomme, gehen mir nach. Aber es macht mich auch froh, dass ich den Menschen ganz konkret Wege aus der Überschuldung zeigen kann.
Protokoll: Sabine Damaschke, Fotos: Diakonie Deutschland, Damaschke, pixabay




