28. September 2020

Schuldnerberatung in der Pandemie

"Corona ist einfach Pech"

In der Corona-Krise klagt jeder Fünfte über finanzielle Einbußen von 30 bis 50 Prozent. Das zeigt die neue Umfrage der Wirtschaftsauskunftei Creditreform, die heute vorgestellt wurde. Besonders betroffen sind Solo-Selbstständige wie Estella Martin. Ihr Tattoo-Studio musste sie schließen und Privatinsolvenz anmelden. Unterstützung erhielt sie bei der diakonischen Schuldnerberatung in Steinfurt. Ein Erfahrungsbericht.

  • Symbolbild Schulden

Ich liebe es zu tätowieren. 2013 habe ich mich selbstständig gemacht. Mein eigenes Tätowier-Studio hier in Steinfurt, meine eigenen vier Wände und die Möglichkeit, meine Leidenschaft und Kunst darin auszuleben. Das musste ich schweren Herzens zum August aufgeben, wegen der Corona-Krise. Mittlerweile kann ich meine Fassung bewahren und nicht mehr darüber weinen, aber die Zeit war wirklich hart.

Ich musste sozusagen mein Herzblut von den Wänden abnehmen, dort habe ich viele Skizzenbilder gehabt und Leinwände. Mein Studio war mein Lebenselixier. Und jetzt sitze ich rum und denke, das kann doch alles gar nicht sein, das gibt’s jetzt nicht mehr. Ich habe so viel gekämpft, das Abi nachgemacht, noch diesen Job und jenen, um an mein Ziel zu kommen.

Unverschuldet in die Überschuldung geraten: Estelle Martin (Foto: privat)

Unverschuldet in die Überschuldung geraten: Estella Martin (Foto: privat)

Ohne vollständige Krankenversicherung

Seit Monaten habe ich keinen vollständigen Krankenversicherungsschutz. Von der Krankenkasse wurde ich in die höchste Beitragsstufe eingestuft, die aber nicht meinem Einkommen entsprach. Die Einschaltung eines Rechtsanwaltes war leider auch nicht erfolgreich. Ich kann nicht einmal den Mindestbeitrag zahlen. Daher bin ich weiterhin nicht voll krankenversichert, das war schon vorher ein großes Problem. Und dann kam Corona. Jetzt gehe ich in die Insolvenz – eine für mich nie dagewesene Option.

In den ersten Wochen des Lockdowns habe ich mir noch etwas Geld geholt bei Leuten, die bei mir noch offene Rechnungen hatten – was aber wirklich nicht viel war, weil ja alle in dieser Corona-Krise steckten. Im April habe ich online einen Antrag auf Corona-Soforthilfe gestellt. Doch das Geld blieb aus. Dann lief der dritte Monat an – ohne Geld. Schließlich habe ich herausgefunden, dass das Geld auf ein anderes Konto überwiesen wurde.

Schnell bei 10.000 Euro Schulden

Wenn das Geld wegfällt, hast du innerhalb von drei bis vier Monaten 10.000 Euro Schulden. Das geht so schnell. Meine privaten und gewerblichen Räume sind in einem Gebäude. Irgendwann konnte ich die Miete nicht mehr zahlen, bin praktisch rausgeflogen. Dann bin ich bei meinem Lebensgefährten untergekommen.

Themenbild Tätowieren (Foto: pixabay)

Künstlerisch arbeiten im eigenen Tattoo-Studio - Es war Estelle Martins Traumberuf. 

Am Anfang der Corona-Krise habe ich gedacht, versuch‘ dran zu bleiben und dir vor allem deine Leidenschaft nicht nehmen zu lassen. Aber Ende Juni war bei mir nur noch Stress im Kopf. Das Geld, das permanent nicht da ist, diese tägliche Angst. Dieses Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Du machst nicht einmal mehr die Briefe auf, sondern nur noch Schublade auf, Brief rein, Schublade zu. Ich war kurz davor, in eine Depression zu rutschen.

Hilfe bei der Schuldnerberatung

Und dann habe ich mir gesagt: Estella, merkst du nicht, es geht nicht mehr. Du kannst jetzt zwar noch unter Wasser schwimmen, aber du kannst nicht mehr atmen. Und dann ist es unsinnig, weiter zu schwimmen. Eine Bekannte hat mir gesagt, bei der Diakonie haben die Ahnung, da gibt’s einen Schuldner- und Insolvenzberater. Und dann habe ich mich an die Schuldnerberatung gewandt.

Hilfe bekam ich bei Herrn Schubert. Er hat mir so viel Hoffnung gegeben und so viel Zuversicht. "Sie sind hier richtig", sagte er. "Rufen Sie da und da an, machen Sie dies und das." Ich kann nur sagen: Herr Schubert ist für mich wie ein Engel, eine wirklich große Hilfe und der Grund dafür, dass ich heute hier sitzen und wieder lachen kann.

Themenfoto Schulden - Taschenrechner mit Quittungen (Foto: pixabay)

Gut rechnen, sparen, mit Gläubigern verhandeln - Dabei hilft die diakonische Schuldnerberatung.

"Ich bin eine stolze Frau"

Mir Hilfe zu holen, war aber nicht leicht. Ich bin eine stolze Frau. Aber es gibt Situationen, da ist Stolz nicht angebracht. Das musste ich mir selbst sagen. Und das ist, glaube ich, die Stärke, die man haben muss. Ich muss mich jetzt erst einmal selber lokalisieren und mich fragen, wie es mir geht. Kann ich mich wieder ins Arbeitsleben integrieren als Angestellte? Ich war ja immer mein eigener Herr. Da bin ich jetzt gerade dabei und Herr Schubert ist ein großartiger Begleiter, wir sind in ständigem Kontakt.

Ich vermisse es zu tätowieren. Aber gerade habe ich nicht mal Bock, einen Stift zu nehmen und etwas auf Papier zu schreiben. Mein Leben ist eine Achterbahn. Es kommen immer wieder Tiefschläge. Corona ist jetzt so einer. Ich habe auch in der Ecke gesessen und geweint. Aber ich habe mir immer wieder gesagt: Es ist kein Eigenverschulden, durch das du in diese Situation geraten bist, sondern ein globales Problem und das haben einige. Corona ist einfach Pech. Es ist nicht vorbei, es ist jetzt einfach ein neuer Abschnitt. So sehe ich das.

Protokoll: Sarah Spitzer, Fotos: pixabay

Ihr/e Ansprechpartner/in
Petra Köpping

Schuldner- und Insolvenzberatung

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Die Wirtschaftsauskunftei Creditreform hat Ende August 1.055 Verbraucher zwischen 18 und 69 Jahren befragt. Vier von zehn Haushalten sind finanziell schlechter gestellt als zuvor. Jeder Fünfte klagt über Einbußen von 30 bis 50 Prozent. Acht Prozent berichten, mehr als die Hälfte ihrer Einkünfte verloren zu haben (Quelle: Spiegel).
Hilfe bekommen überschuldete Menschen in den mehr als 1.400 gemeinnützigen Schuldnerberatungsstellen (Quelle: Bundesamt für Statistik). Davon gehören 262 Schuldnerberatungsstellen zur Diakonie. Hier arbeiten 703 hauptamtliche Mitarbeitende in Voll- und Teilzeit. Unter dem Dach der Diakonie RWL gibt es zwischen Bielefeld und Saarbrücken über 80 soziale Schuldnerberatungsstellen, die jährlich rund 48.000 Menschen beraten. Die Beratung ist kostenfrei, aber derzeit profitieren nur rund 15 Prozent der überschuldeten Bürger davon. Schon lange fordert die Diakonie RWL gemeinsam mit der Diakonie Deutschland und anderen Sozialverbänden den Ausbau der sozialen Schuldnerberatung. Pro 50.000 Einwohner sollte es zwei vollzeitbeschäftigte Schuldnerberater geben. Derzeit kommen im Bundesdurchschnitt nur 1,03 Berater auf 50.000 Einwohner.