Brücken bauen im Quartier
Peter Reuter kennt den Weg. Der Quartiershausmeister des Diakoniewerks Essen ist jeden Tag auf der Altendorfer Straße unterwegs. Gelegentlich grüßt er jemanden auf der anderen Straßenseite. Der Besitzer eines türkischen Restaurants ruft ihm ein paar freundliche Worte zu. Und immer mal wieder bückt sich Peter Reuter kurz, wenn ihm Müll auf dem Weg ins Auge fällt. „Die Menschen in Altendorf kennen mich inzwischen“, sagt er, „das macht vieles einfacher.“ An diesem Donnerstag im Juli ist der Quartiershausmeister nicht allein unterwegs. Er führt die Mitglieder der Nationalen Armutskonferenz (nak) durch den Essener Stadtteil. Dazu gehören Vertreter*innen der Wohlfahrtsverbände, anderer Initiativen und selbst von Armut Betroffene.
Die Delegierten der nak treffen sich für gewöhnlich in Berlin. Aber Manfred Herrmann, der selber in Altendorf lebt, war der Meinung: „Guckt euch mal das Leben im Ruhrgebiet an.“ Seine Kollegen nahmen die Einladung an und machen sich nun drei Tage lang auf Spurensuche in Essen – einen davon im Stadtteil Altendorf. Und hier treffen sie auf Peter Reuter. Der Quartiershausmeister gehört zum Team des Stadteilbüros des Diakoniewerks Essen mit dem Namen „BlickPunkt 101“. Auch seine Kollegin Deniz Simsek Demirci und Kollege Ilter Altunbas begleiten die Runde durch Altendorf.

Quartiershausmeister Peter Reuter (re.) gehört zum Team des Stadteilbüros des Diakoniewerks Essen mit dem Namen „BlickPunkt 101“. Auch seine Kollegin Deniz Simsek Demirci (li.) und Kollege Ilter Altunbas (Mitte) begleiten die Runde durch Altendorf.
Weißwurstäquator des Stadtteils
„Das hier ist der Weißwurstäquator des Stadtteils“, sagt Peter Reuter und deutet auf die belebte Altendorfer Straße, die das Viertel teilt. Es gebe Bewohner, die ihre Seite das ganze Leben lang nicht verlassen. Andererseits steht der Stadtteil Altendorf auch für das Ankommen und Weiterziehen der Menschen: Viele Bürger mit Migrationshintergrund stranden in Altendorf – manche bleiben, manche suchen nach einem neuen Ort zum Leben.
Peter Reuter führt die Gruppe in eines der beiden Stadtteilbüros: Während das Diakoniewerk Essen am anderen Ende des Viertels als Ansprechpartner gilt, ist Ricarda Fischer im städtischen Büro an diesem Ende der Altendorfer Straße im Einsatz. „Wir arbeiten hier gut zusammen, über Trägergrenzen hinweg“, sagt Reuter bei der Ankunft in der Beratungsstelle. Ohnehin funktioniere Stadtteilarbeit in Altendorf nur im Netzwerk, ergänzt er. „Wir müssen gemeinsam Lösungen finden“, sagt auch Deniz Simsek Demirci vom Diakoniewerk, als die Gruppe im Stadtteilbüro Platz genommen hat. Zusammen wolle man „Möglichmacher-Räume“ schaffen.
Die Themen sind in beiden Stadtteilbüros schließlich dieselben: Armut und Verschuldung, große Familien auf wenig Wohnraum, Sprachhürden, plötzliche Wohnungslosigkeit, Pflegebedürftigkeit und Krankheit. „Themen wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf begegnen uns hier nur selten“, sagen die beiden Sozialarbeiterinnen, die an verschiedenen Enden des Stadtteils und doch gemeinsam im Einsatz sind. In Kooperation bauen sie Präventionsketten auf, sie rufen gerade ein Frauennetzwerk ins Leben – und sie suchen immer wieder mit den Menschen nach ganz individuellen Lösungen für individuelle Probleme.
Nach der kurzen Station im Stadtteilbüro führt der Quartiershausmeister die Gruppe weiter zur Christuskirche. Hier treffen sie auf die Initiative „Mobilitea“: Das schmucke mobile Tee-Café serviert Getränke aus verschiedenen Ländern der Welt – und kommt mit den Menschen darüber ins Gespräch. „Ein weiterer Baustein der Arbeit in diesem Stadtteil“, freut sich der Quartiershausmeister und grüßt die Kollegen. Der Platz an der Christuskirche wird von verschiedenen Gruppen genutzt. Die Kirchengemeinde beklagt immer mal wieder Vandalismus. „Wir wissen, dass an Orten wie diesen Konflikte entstehen können. Also sind wir da“, erklärt Deniz Simsek Demirci.

Quartiershausmeister Peter Reuter meldet einen Sperrmüllhaufen per App. Manfred Herrmann (re.), der selbst in Altendorf lebt, ist Mitglied der Nationalen Armutskonferenz und hat den Rundgang durch den Stadtteil vorbereitet.
Auf dem Klapprad
Hier wurde der Quartiershausmeister, der häufig mit seinem Klapprad in Altendorf unterwegs ist, neulich auch von einer Dame auf seinen Einsatz im Quartier angesprochen. „Das sind wertvolle Momente, wenn die Menschen auf mich zukommen“, sagt er. Die beiden kamen ins Gespräch und die Anwohnerin berichtete, sie gehe auch jeden Tag mit der Müll-Zange los, um Unrat einzusammeln. „Das macht doch Mut“, findet Peter Reuter. Und auch eine Schule aus Altendorf sprach den Quartiershausmeister eher zufällig an und fragte, ob er sie bei der Umwelt-AG unterstützen könne. „In Schulen kommen wir sonst nicht gut rein“, sagt Peter Reuter. Er habe also nicht gezögert und helfe seitdem in der Schul-AG aus. So bauen der Quartiershausmeister und seine Kollegen eine Brücke nach der anderen. „Wir sind einfach ansprechbar“, sagt auch Deniz Simsek Demirci.
Gleichzeitig packt der Quartiershausmeister auch ganz handfest mit an – räumt auf und stellt Kontakt zur Stadt her. An der Gesamtschule trifft er an diesem Donnerstag auf einen verbrannten Haufen Sperrmüll. „Das ist häufig Unwissenheit“, sagt er, „und auch Frust.“ Vielen Einwohnern sei das Pfandprinzip gar nicht bekannt. Die Möglichkeit, Sperrmüll anzumelden, habe sich nicht bei allen Menschen rumgesprochen. „Dann wird der defekte Kühlschrank in den Wald gebracht“, sagt er. Also weist Peter Reuter auf die städtische App hin, die in mehreren Sprachen ganz praktische Tipps für den Alltag gibt. Oder er macht die Menschen in Altendorf auf den Mängelmelder aufmerksam: „Den benutze ich auch regelmäßig selbst“, erklärt er, als er mit der Gruppe an einem der 20 Altendorfer Spielplätze Halt macht.
Auf der gegenüberliegenden Straße liegt seit vielen Wochen ein Sperrmüllhaufen. Er fotografiert den Müll, meldet ihn per App und vertraut auf die zügige Lösung durch die Stadt. Ähnlich ist er kürzlich verfahren, als bei einer Seilbahn auf einem Spielplatz der Sitz fehlte. Er meldete das Problem und freute sich, als wenige Tage später ein neuer Sitz installiert wurde. „Jeder kann diesen Mängelmelder nutzen“, wirbt er im Viertel für die Möglichkeit.

Am Ehrenzeller Platz hat das Diakoniewerk Essen ein ehemaliges Bistro in eine Anlaufstelle für Menschen im Quartier verwandelt.
Sich zeigen und zuhören
Inzwischen ist die Gruppe auf dem Weg zum Ehrenzeller Platz, wo das Diakoniewerk Essen ein ehemaliges Bistro in eine kleine Anlaufstelle für Menschen im Quartier verwandelt hat. Auf dem Weg dorthin kommt der Quartiershausmeister über die Stadtgeschichte ins Gespräch, über Mauern, die noch aus den Hochzeiten der Schwerindustrie in Essen stammen und die Gärten teilen. Zwischendurch sucht er an seinem Schlüsselbund den Schlüssel für die öffentlichen Mülleimer und repariert ein Exemplar, bei dem sich die Schrauben gelöst haben.
Kurz vor dem Ehrenzeller Platz grüßt Peter Reuter eine Gruppe Obdachloser, kommt kurz mit ihnen ins Gespräch und geht dann weiter zum alten Bistro. „Wir haben ein gutes Verhältnis“, sagt Peter Reuter mit Blick auf die Männergruppe. Manchmal machen sich die Mitarbeiter des Diakoniewerks mit Tee und Keksen auf den Weg zu den Obdachlosen, im Sommer bringen sie Eis und Wasser mit. „Wir wollen uns einfach zeigen und zuhören“, sagt Peter Reuter. Und immer öfter kommen die Menschen, die häufig mit Alkoholismus zu kämpfen haben, mit den Diakonie-Mitarbeitenden ins Gespräch.

„Guckt euch mal das Leben im Ruhrgebiet an!" Mit diesen Worten hat Manfred Herrmann eine Gruppe zum dreitägigen Besuch in Essen eingeladen.
„Wir kennen uns hier“
Am Ehrenzeller Platz ist an diesem frühen Donnerstagabend nicht viel los. „Rund um den Platz leben vor allem Menschen, deren Wurzeln in Osteuropa liegen“, weiß Deniz Simsek Demirci, „hier ist es für gewöhnlich ganz lebendig“. Jetzt spielen nur einige Mädchen am Wasserspiel vor dem alten Bistro. Der Spaziergang geht ab hier noch weiter zu anderen Kooperationspartnern im Quartier. Vertraute Gesichter für den Quartiershausmeister. „Wir kennen uns hier“, sagt Peter Reuter. Und gemeinsam ziehen sie an einem Strang für die Menschen in Altendorf.
Text und Fotos: Theresa Demski
Ansprechperson
diakonie-rwl.deInfo
Die Nationale Armutskonferenz (nak) ist ein Zusammenschluss von Verbänden der freien Wohlfahrtspflege und Initiativen der Selbstvertretung von Armut betroffener Menschen auf Bundesebene. Auch die Diakonie Deutschland ist Mitglied im Koordinierungskreis der nak.




